Freitag, 19. Mai 2017

Der Captain

Jetzt, wo mein Freund die Meisterschule absolviert und ich unter der Woche lange Abende alleine verbringen muß, kann ich Dinge tun, die wir gemeinsam nie tun würden.

Ich gucke Star Trek.

Ich liebe Star Trek. Die drölfzig verschiedenen "Außerirdischen", die alle Humanoide mit unterschiedlichen lustigen Stirnformen sind. Die knappen Röckchen der weiblichen Offiziere (wer kennt ihn nicht, den Armee-Mini). Der Drang von Gene Roddenberry, durch eine in der Zukunft angesiedelte Geschichte dem Publikum der Gegenwart eine sanfte Lektion in Würde und Menschlichkeit zu erteilen.

Und als ich mich so im Laufe der Monate durch alle Staffeln von Raumschiff Voyager arbeite, passiert in Staffel 5, Episode 5 folgendes: Captain Catherine Janeway und Commander Chakotay essen gemeinsam zu Abend. 
(Mythenmetz'sche Abschweifung: ich beneide den Captain. Chakotay ist alles, was ein Mann sein muß, in Personalunion. Er ist ein Rebell, doch trägt eine Uniform; er ist emotional, aber vernünftig; er ist Pazifist und boxt in seiner Freizeit; er ist ein Indianer auf einem Raumschiff um Himmels Willen - wer würde da nicht knieweich? Und dann sieht er auch noch gut aus.)
Der Captain jedenfalls liebt klassische Musik. In irgendeiner Folge wird sie regelrecht damit gefoltert, daß gemeine Außerirdische mit lustiger Stirn andauernd ihr Raumschiff inspizieren und Plätscherklassik aus der persönlichen Datenbank des Captains volle Dröhnung durch das Schiff schallen lassen. In dieser Folge hier aber, als sie ein Abendessen mit dem perfekten Mann einnehmen darf, was hört sie da? - Brahms. 😇 Das Intermezzo Opus 117 Nr 1 in Es-Dur, das ich sehr liebe. Hier eine Aufnahme mit Glenn Gould, einem Mann, der sich Zeit zu lassen versteht.



Wer das gegenchecken möchte, muß sich übrigens die Folge ansehen; ich habe keinen Hinweis darauf in irgendeiner Datenbank gefunden.

Montag, 8. Mai 2017

Mein Vater und Mein Brahms

Zu meinen guten Freunden gehört der Mann, mit dem ich früher verheiratet war. Dieser war letzte Woche zu Besuch. Er hatte kurz vorher in sehr kleinem Rahmen erneut standesamtlich geheiratet und sich dann ein paar Tage Urlaub genommen, den die beiden im VW-Bus mit Klappmatratze durch Deutschland fahrend verbrachten.

Mittwoch landeten sie bei mir; wir gingen ins Kino, kochten am Abend, lassen uns am nächsten Morgen Zeit beim Frühstück und kommen im Gespräch auf die noch ausstehende kirchliche Trauung. Diese ist in einer Dorfkirche geplant, in der es zwar eine frisch restaurierte Orgel gibt, aber keinen Organisten. Ob ich spielen wolle, fragen sie. Es gäbe auch ein Klavier in der Kirche, aber wo die Orgel schonmal so gut in Schuß sei...
"Ach herrje", sage ich. Ich habe einige Zeit Gottesdienste, Hochzeiten und Beerdigungen gespielt, aber nur, weil der Organistenmangel in Brandenburg so groß ist - ich komme sowas von vom Klavier. Ich kann nicht mit den Füßen. Und dann hätte man die tolle Orgel ohne richtigen Bass, das wäre doch auch schade.
Wir überlegen ein bißchen.
"Ich kann Papa fragen", sage ich. Papa spielt seit 20 Jahren Orgel in seinem Dorf, und anders als ich hat er das Instrument geübt. Also rufen wir Papa an. Papa sagt zu und scheint sich ehrlich zu freuen, daß er gefragt wurde. Und er läßt sich nicht nehmen, dem Paar zur frisch geschlossenen Ehe zu gratulieren; mit der ganzen ihm zur Verfügung stehenden Herzlichkeit sagt er: "Ich wünsche Euch alles Gute, und daß das was für's Leben ist - irgendwann muß es ja mal klappen!"

"Irgendwann muß es ja mal klappen" wünscht mein Vater sich auch ab und an selbst, wenn er mir mal wieder hilft, meine Unterlagen zu sortieren. Oder erstmal zu finden. 

Mein Brahms (aus: Karl Geiringer 'Johannes Brahms - Sein Leben und Schaffen')

Brahms' Ordnungsliebe macht vor der eigenen Person Halt. [...] Der minutiösen Ordnungsliebe in allem, was mit Kunst mittelbar oder unmittelbar zusammenhängt, steht eben auf der anderen Seite eine gewisse Lässigkeit und Gleichgültigkeit in Dingen des Alltags gegenüber.

(Nimm dies, Papa!)

Samstag, 29. April 2017

Konzerttipp: Symphonische Walpurgisnacht

Wer an diesem Wochenende gerne klassisch musikalisch unterhalten werden möchte, dem empfehle ich, morgen oder übermorgen eines der beiden Konzerte der SingAkademie Niedersachsen zu besuchen.
Morgen, am Sonntag, ist das Konzert um 20 Uhr in der Kaiserpfalz in Goslar.
Montag 18 Uhr in Mandelsloh in der St Osdag Kirche.

Es singt die SAN, begleitet vom Jungen Philharmonischen Orchester Niedersachsen, einen Frühlingsgruß von Niels Gade und - hier der besondere Grund für meine Empfehlung - 8 Liebesliederwalzer von Brahms. Darüberhinaus gibt es Hörenswertes von Mozart, Johann Strauss und Rautavaara.

Freitag, 14. April 2017

Frühlingsstimmen

Jeder Walzer von Strauß sei ihm lieber als eine Oper von Wagner, soll Brahms gesagt haben. Ich nehme an, das liegt nicht nur, vielleicht nicht einmal hauptsächlich, in musikalischen Geschmacksunterschieden begründet, sondern auch und vor allem in derArt und Weise, wie Richard Wagner sich wieder und wieder abfällig über Künstlerkollegen und besonders Brahms äußerte, den er als "Bänkelsänger" bezeichnete.
Brahms hatte ein aufrichtiges Interesse an Wagners Musik, fuhr zu mehreren Aufführungen nach Bayreuth, empfahl Wagner sogar an Dirigenten weiter und wenn er Kritik an Wagners Stücken übte, so im engen privaten Rahmen. Als die Situation zwischen Wagnerianern und Brahmsianern - ja, das erscheint fast wie ein gepflegter High Class Bandenkrieg - jedoch zunehmend persönlich wurde, rief Brahms einmal entnervt, was Wagner denn nur wolle, er würde diesem ja nicht einmal in die Quere kommen, da er selbst keine Opern schriebe.

Ich muß zugeben, meine Privatmeinung über Wagner ist schlecht, seit ich in der 11. Klasse mal ein Referat über ihn halten mußte und bei jeder Seite, die ich über sein Leben las, dachte: 'Boah, was für ein Widerling!' Nichtsdestotrotz gehört der Tristan zum Großartigsten, das die Musikgeschichte zu bieten hat; ich liebe diese Oper. 

Trotzdem... Hier ist ein Walzer von Strauß. 😊 Einfach, weil ich den am Mittwoch korrepetieren dürfte für die großartige  Martina Nawrath



Montag, 3. April 2017

Neu hier: mein Brahms

Es ist der dritte April 1897, heute vor 120 Jahren. Um 8.30 am Morgen stirbt Johannes Brahms, relativ friedlich einschlafend, in seiner Wohnung in Wien. "Der Wein ist gut", sollen seine letzten Worte gewesen sein, denn alte Freunde von ihm, die Familie Deichmann, hatten ihm, dem schwer an Leberkrebs erkrankten, der seine Krankheit nie wahrhaben wollte ("Ich werde nicht gern an den Körper erinnert und wäre vielleicht gar schließlich vor lauter Verdrießlichkeit in Ischl sitzen geblieben" schrieb er nach einer verordneten Kur), einen Rheinwein geschickt.

Dvorak, Simrock, Mandyczewski und andere Zeitgenossen trugen die Trauerfackeln beim Begräbnis, ganz wie bei Beethoven gab es keine Familie hinter dem Sarg, wohl aber einen langen Zug von guten Freunden, Schülern, Kollegen und Bewunderern.
Aus Cambridge, Paris und etlichen anderen Städten erscheinen Vertreter, um Brahms' Beisetzung beizuwohnen. In seiner Heimatstadt Hamburg werden zur Stunde der Beerdigung auf allen Schiffen die Flaggen auf Halbmast gesenkt.

Monate vorher schrieb er sein letztes Werk, die elf Choralvorspiele für Orgel. Damit sind die letzten Noten aus seiner Hand die Fantasie über den Choral "O Welt, ich muß dich lassen". Ob das Absicht war?

Wer mich kennt, weiß, daß Brahms für mich jemand ganz besonderes ist. Darum möchte ich seinen heutigen Todestag zum Anlass nehmen, meinem Blog ein neues Feature hinzuzufügen: ab sofort gibt es hier Mein Brahms, einmal pro Woche. Das ist entweder ein Zitat von oder über ihn, ein Musikbeispiel oder eine kleine Geschichte.



Dienstag, 14. März 2017

Frühling

Es wird Frühling, unaufhaltsam. Morgens wecken mich begeistert zwitschernde Vögel, immer wieder hört man Kraniche schreien, letzte Woche habe ich eine riesige Gruppe Schwäne, bestimmt 40-50 Stück, in einem Feld sitzen sehen (ob die wohl einfach die Sonne oder die warme Erde unter dem Bürzel genossen haben?) und am Freitag brummte die erste Hummel des Jahres quer an mir vorbei.

Am Samstag habe ich an einre folkloristische Tradition Niedersachsens teilgenommen. Freitag Abend war ein Freund meines Freundes bei uns zu Besuch, ich habe gekocht, wir haben die halbe Nacht gequatscht, und nach dem 2. Glas höherpronzentigen Alkohols sagte er: "Morgen ist Braunkohlwanderung - kommt doch mit!" 

Vor einem Jahr wußte ich noch gar nicht, was eine Braunkohlwanderung ist. Ich habe mir lustige Sachen darunter vorgestellt. Kleine, wandernde Kohlköpfe. Leute, die barfuß durch winterliche Kohlfelder rennen. Menschenmassen mit Picknickkörben. Ich hatte kei ne Ahnung. Braunkohlwanderung bedeutet: Leute treffen sich, Leute wandern, Leute rasten, Leute trinken.

In unserem Fall wurde Punkt 2 - Leute wandern - leider auf das Nötigste reduziert (wir brauchten 3 Stunden für 7, in Worten: sieben Kilometer), aber ein bißchen schöne Landschaft haben wir auch mitgekriegt und Lust auf mehr. Also mehr von Punkt 2.



In dieser Jahreszeit fahre ich immer etwas langsamer Auto, damit ich mehr Zeit habe, die schönen Anblicke aufzusaugen. Ich habe mir eine billige Kamera für in-die-Windschutzscheibe gekauft und werde demnächst mal probieren, wie sich das Leinebergland damit festhalten läßt. Die passende Hintergrundmucke ist schon fertig, dank einer Launchpad-App, die ich gerade für mich entdecke. :D


Vorher jedoch wird Donald, mein knallroter Opel Combo Erdgas, gegen einen etwas kleineren Škoda eingetauscht. Einfach wegen Erdgas. Jedes Mal zum Tanken 30 km hinfahren zu müssen, auf jeder Tour nach Brandenburg 2 Tankstops zu brauchen und nach jedem Tanken schon zu rechnen, wie weit ich damit ungefähr reiche, ist einfach doof.
Morgen wird der Škoda (er heißt übrigens Holgi) auch gleich mit Hundeduft bedacht, ich bin nämlich mittags zum Gassigehen verabredet. :)

Sonntag, 5. März 2017

Polychorigamie

"Was", fragte mich Heidrun neulich erschrocken, "Du hast mehr als einen?!"
"Warum nicht?", erwiderte ich. "Wenn sie sich nicht total ähnlich sind, ist es doch interessant. Man muß halt nur aufpassen, daß sie einander nicht in die Quere kommen."
"Nein, also Ulli und ich hatten immer nur einen". (Ulli ist ihr Mann.) "Das macht man mit voller Hingabe und daneben hat dann nichts mehr Platz. Ich habe Leute nie verstanden, die mehrere hatten."

Heidrun ist Gesangslehrerin und ihr Mann, ein Pfarrer in Rente, hat seit 30 Jahren die Leitung der Singakademie Niedersachsen. Er leitet diesen Chor mit wirklich viel Hingabe und es gibt keinen Chor daneben - wie auch, wenn man Pfarrer ist, das ist ja weiß Gott (haha) zeitaufwendig genug.
Ich dagegen wohne jetzt seit einem guten halben Jahr in Niedersachsen, ohne meinen Eberswalder Chor aufgegeben zu haben, und leite auch hier einen ganz wundervollen neuen Chor. Die Proben überschneiden sich natürlich nicht und bei den Konzertterminen muß ich halt aufpassen.
Darüberhinaus korrepetiere ich in Heidruns eigenem Frauenkammerchor und springe gelegentlich in der Singakademie für Ulli ein. Ich bin polychorigam veranlagt.

Polychorigamie, die: bezeichnet die Duldung von gleichzeitigen chorleiterischen Beziehungen.

Dieses Wochenende hatte ich das große Vergnügen, ganz alleine mit der Singakademie Niedersachsen die Liebesliederwalzer von Brahms studieren zu dürfen, denn Ulli ist Bordseelsorger auf einem Kreuzfahrtschiff auf der anderen Seite der Welt. Hurrah! Brahms!


Und morgen wieder Ö-Chor. Hurrah! Jazz, Rock, Pop!
Und Dienstag Cantus Vitalis. Hurrah! Klassische Chormusik!

Ich stehe zu meiner Veranlagung.