Freitag, 16. September 2022

Ein lachendes, ein weinendes Auge

Es ist ja schon schmeichelhaft, wenn man von einem Chor angeschrieben wird, ob man nicht vordirigieren wolle. Und wenn dieser Chor dann auch noch den Schwerpunkt Chorsinfonik hat, ist das sehr sehr reizvoll. Und wenn das Vordirigieren dann so schön abläuft und so viel Spaß macht, dass am Ende jemand "Zugabe" ruft... Und die drei Proben, die ich bisher mit diesem wunderbaren neuen Chor hatte, waren schön, intensiv, machen mir unheimlich viel Vorfreude auf mehr.

Und dennoch, dennoch habe ich auch ein weinendes Auge, denn dieser Chor probt montags, und montags ist Ö-Chor.

Der Ö-Chor Hildesheim, ursprünglich mal gegründet als Betriebschor des Landesamts für Ökologie, heute als "Öffentlicher Chor" eine feste Größe in Hildesheim und zugänglich für einfach alle, die Unterhaltungsmusik singen wollen, wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Zum traditionellen Termin unserer Adventskonzerte, am Samstag vor und am Montag nach dem ersten Advent, wird es also dieses Jahr eine Mischung aus adventlicher Musik und einem Best Of der letzten 20 Jahre zu hören geben - und es werden nach sechs Jahren meine Abschiedskonzerte. 

Bis zu diesen Konzerten schaffe ich es, beide Chöre parallel zu jonglieren, aber 

ab Dezember/Januar möchte der Ö-Chor eine neue Leitung

Im Moment sind das etwa 30 aktive Sängerinnen und Sänger sowie eine fest beschäftigte Pianistin, die auch mal eine geteilte Probe mit einer Stimmgruppe übernehmen kann. Der Ö-Chor ist ein Chor aus Amateuren, von denen einige musikalisch sehr fit sind (Musiklehrende) und andere komplett unbeleckt alles über das Gehör lernen, und am Ende kommt das alles immer sehr gut zusammen. Einige Stimmgruppen treffen sich kurz vor Konzerten immer selbständig, um ein bißchen miteinander zu üben; es gibt ein Probenwochenende im Jahr sowie ab und an mal einen Probentag.

Sie verdienen eine warmherzige, geduldige Leitung mit viel Humor, denn sie haben Spaß an bunten, requisitenreichen Bühnenauftritten und daran, das Publikum mit einzubeziehen.

Chorleitende in Hildesheim und Umgebung, die den Chor kennenlernen wollen, können sich also sehr gern per Mail oder Telefon an den Vorstand wenden.

Mittwoch, 20. Juli 2022

Konzerte! Endlich wieder Konzerte!

 Es war eine musikalische Dürre wie nie zuvor in meinem Leben - zweieinhalb Jahre quasi Auftrittsverbot, zähes Onlineproben, Chormitgliederschwund (manche konnten/wollten nicht online proben, andere konnten/wollten die wenigen erlaubten Liveprobenphasen nicht wahrnehmen), allgemeine Demoralisierung bei Singenden, Veranstalter*innen und mir.

Aber jetzt. Jetzt durften wir seit April wieder proben - natürlich mit Abständen, in einem größeren Probenraum, und natürlich mit Masken - und sogar auftreten. Ich habe ja noch vor drei Wochen eine leise innere Angst gehabt, dass auch diese Konzerte entweder wieder untersagt werden (aber nachdem wir uns scheinbar coronapolitisch einfach nur noch auf den Rücken rollen und hoffen, dass es aufhört, ist das nicht geschehen) oder dass ich mich bei einem der Chöre, mit denen ich in den letzten drei Monaten gearbeitet habe, und von denen nicht ein einziger so diszipliniert ist wie der Unichor, infiziere und ausfalle (auch nicht passiert, weil ich frenetischer Maskenträger war).

Exkurs: Mal ehrlich, Leute, MASKEN. Natürlich ist es angenehmer, ohne Maske zu singen als mit. Aber langfristig ist es angenehmer, ohne Beatmungsgerät zu atmen als mit, und es ist angenehmer, ohne LongCOVID zu leben als mit, also nehmt euch mal ein bißchen zusammen für die zwei Stunden Chorprobe, bitte und danke.

Es gibt Air Ease Masken, habe ich kürzlich in der Apotheke entdeckt, die sind großartig zum Singen. Sie haben FFP2-Standard, sind aber sehr dünn, super zum Durchatmen auch beim Singen, und haben diesen Schnitt mit der Quernaht statt längs, was auch für Brillentragende angenehmer ist. 

Aber zurück zu den Konzerten. Wir wollten vor zwei Jahren eine Art "Choir for future" Programm machen, also ein Konzert, das die Klimakatastrophe als Thema hat. Es wäre vor zwei Jahren schon dringend drangewesen, aber seither ist viel passiert - das Ahrtal zum Beispiel, das gezielte Abbrennen brasilianischer Regenwälder und vieles, vieles das jetzt gerade in diesem Moment in Deutschland und weltweit passiert. Also haben wir das Konzertthema behalten.


Wir haben Lieder und Pressemitteilungen im Wechsel gehabt und alles am Ende ein wenig eskalieren lassen, und scheinbar kam das unglaublich gut an.

Liebe Sängerinnen und Sänger, lieber Chorleiter,

 es war ein wunderbares Konzert, konzeptionell und in der Durchführung.

Rundherum. Zugewandte Einführung, gutes Info-Material, begeisterndes

Singen, auch solistisch.

 Und "I see fire" habt Ihr um Klassen besser hingekriegt als Ed Sheeran.

 Danke für alles!


(Man muss natürlich Nachsicht mit Ed Sheeran haben, immerhin musste er auf einem Berg vor einem sehr schlecht gelaunten Drachen singen.)

Was für eine Sternstunde! Ich bin noch immer sehr bewegt von Eurem Konzert! Die seitliche Aufstellung war genial: Ein klarer und trotzdem warm umhüllender Klang! Und die Verbindung mit den nachdenklichen Texten hat wohl niemanden unberührt gelassen. Ich wünsche euch, dass es morgen noch einmal so gut gelingt!

Das Ganze mit einem Chor, der nicht mehr knapp 100 Mitglieder hat, sondern nur noch 43, und davon etliche neue Studierende - ich muss sagen, ich bin wirklich sehr, sehr stolz auf das, was sie geleistet haben und kann das nächste Semester nicht erwarten. 


Auch sonst tut sich einiges in meiner Chorarbeit. Unter anderem gründe ich im September einen queeren Chor:



Die Privilegierteren unter euch werden sich vielleicht dieselbe Frage stellen, die mir letzte Woche in seliger Ignoranz gestellt wurde: "Warum singen queere Leute nicht einfach in einem normalen Chor? Warum brauchen die einen eigenen?"

Dazu möchte ich, bevor ich es erkläre, gerne nachdrücklich festhalten, dass "queer" nicht das Gegenteil von "normal" ist. Queere Menschen sind normale Menschen. Vielen Dank auch.

Und die Antwort auf die Frage ist: weil queere Menschen nicht überall wie normale Menschen behandelt werden. Singen, ich predige das seit zwanzig Jahren und kann es nur immer wieder wiederholen, ist eine sehr intime Sache. Stimme und Stimmung sind in ihrem innersten Kern miteinander verwandt. Wir klingen anders, wenn wir gestresst sind. Wir klingen anders, wenn wir lächeln. Wir können Panikgefühlen handfest entgegenwirken, indem wir singen, weil das Gehirn angeblich (bin kein Biologe) nicht gleichzeitig Singen und Angst haben kann.

Wir zeigen mit unserer nackten Stimme etwas von unserem Körper, das viel über uns verrät, und teilen das mit fremden Menschen. Gleichzeitig ist Singen auch noch sehr emotional. Wir sind also beim Chorsingen bis zu einem gewissen Grad verletzlich und physisch wie emotional offengelegt.

Wenn wir jetzt noch das Pech haben, als queere Person in einem konservativeren Chor zu singen, wo wir nicht einer der Tenöre sind, sondern der schwule Tenor, wo wir der trans Junge oder die nicht binäre zweite Sopranistin sind und die Chorleitung immer von "Männer- und Frauenstimmen" spricht und wir nicht wissen, ob wir jetzt mitmachen sollen, oder wo sogar offen feindselig Schwulenwitze und dergleichen gemacht werden, dann vergällt es uns nicht nur das Singen, sondern es baut ein grundsätzliches Gefühl der Unsicherheit auf in einem Umfeld, in dem wir uns als Hobbysänger*innen engagieren und eigentlich entspannen und glücklich fühlen wollen.

Aus diesem Grund gibt es queere Chöre. Einmal nicht mehr der bunte Hund sein, sondern einfach nur Teil einer bunten Meute. Einmal nicht die eigenen Pronomen erklären und dann das Augenrollen der cis Menschen und ihre Witze 'mit Humor' nehmen müssen, damit man nicht als zickig gilt, obwohl man zuerst beleidigt wurde. Einmal im Chorprobenraum einfach nur entspannen können.

Der Unichor in Braunschweig hat übrigens, um genau diesen Krater zu überbrücken, eine Selbsterklärung geschrieben und bemüht sich mit Macht, inklusiv zu formulieren, zu denken und zu handeln. Ich kann das anderen Chören nur empfehlen, natürlich mit dem ersten Schritt, dass die nicht queeren Chormitglieder nicht einfach da reingeworfen werden, sondern sich der Chor als Gruppe grundsätzlich informiert und/oder beraten lässt, wie LSBTIQ-Freundlichkeit eigentlich funktioniert. Diese Aufklärung innerhalb des Chores ist übrigens nicht die Aufgabe eurer queeren Mitglieder, und ihr solltet auch nicht damit warten, bis ihr queere Mitglieder habt, sondern das als Selbstfürsorge betrachten.

Dasselbe gilt für Antirassismus in Chören. Wartet nicht, bis ihr People of color in den Chören habt, um euren Singenden beizubringen, dass die Süßigkeit Schokokuss heißt und dass nicht alle schwarzen Menschen "Rhythmus im Blut" haben. Bedenkt die Komplikation von Samstagskonzerten für jüdische Mitglieder, und rechnet damit, dass Kippa oder Hijab für einige Mitglieder zur Chorkleidung gehören.

Oder sehr einfach heruntergebrochen: Fragt offen, was ihr tun könnt, um für Menschen, die anders sind als ihr, das Singen in einem Chor zur Freude zu machen. Basis Anstand einfach.

Zum Abschluss wieder Musik: Ich habe ein Chor-Arrangement vom folgenden Stück geschrieben, aber zum Einen wurde das gestern leider nicht aufgenommen (soweit ich weiss), zum anderen ist dieses originale Video einfach irre witzig.


Samstag, 11. Juni 2022

erster Zwischenstopp

 #ZitatDerWoche: "Du bist ja so groß! Ich hab dich mir viel kleiner vorgestellt!" (Jemand aus der queergrünen LAG, der mich das erste Mal in echt gesehen hat)

Wie ist es jetzt so, nach 2,5 Monaten Braunschweig?

--> Nächste Woche Donnerstag wird endlich meine Küche eingebaut! Schluß mit dem Leben aus Kisten.

--> Die Chöre proben live, sogar Probenwochenenden gehen wieder, und der Unichor plant auch Konzerte. 

Ich habe bisher immer eine Maske zwischen mir und den Singenden gehabt; entweder hat der Chor Masken getragen oder ich (bei mir hat das den Nachteil, daß man mich dann noch schlechter versteht - die Stimme ist ja immer noch nicht sehr laut). Etliche Singenden sehen das inzwischen unglaublich entspannt, aber ich bin noch überwiegend vorsichtig: Wenn ich nur korrepetiere, trage ich immer eine Maske. Wenn ich selbst probe, entscheide ich nach der Maskendisziplin der Singenden.

Und Zeus hat seinen inneren Wolf entdeckt!



--> Ich habe jetzt sowas wie ein beginnendes Sozialleben. Das fühlt sich gut an. An einem Ort zu leben, wo man nicht arbeitet, und gleichzeitig noch depressiv und introvertiert zu sein, hat nicht geholfen, und jetzt, wo sich zumindest zwei dieser Punkte geändert haben, lerne ich ganz neue Dinge genießen. Menschen sogar. 

Manchmal gehen Leute mit mir gassi, Karfreitag war ich mit jemandem im Dom, die Matthäuspassion hören (Elke Lindemann hat als Einspringerin dirigiert und das war unglaublich gut!), ich bin bei den Queer Teachers Braunschweig, habe Anschluss an eine Arbeitsgruppe der Braunschweiger Grünen gefunden, die ziemlich super ist, und letztes Wochenende war ich mit der weltbesten Tina auf dem CSD in Hannover und habe dort nach 2 Jahren zum ersten Mal einige Mitglieder der LAG Queergrün in echt getroffen. 

Das. War. So. Toll!





--> Mit dem Erkunden von Braunschweig mußte ich in den letzten Wochen etwas pausieren, weil der Hund humpelt. Ich weiß noch nicht, warum, die Röntgenbilder sehen gut aus, aber wir sind derzeit zu kurzen Runden verpflichtet. Aber auch direkt um meinen Wohnblock herum gibt es Schönes zu sehen:





--> Der Hund und ich haben passende Fliegen geschenkt bekommen, die eine sehr liebe Chorsängerin spontan für uns genäht hat. Mit regenbogenfarbenem Hundetatzenmuster. Jetzt bekommt der Hund noch mehr Komplimente von Fremden als vorher schon.


Er ist aber auch schön.

--> Ich habe eine Linedance-Gruppe gefunden. Ihr wißt ja vielleicht noch, daß ich vor meinem Umzug irre viel Spaß in einer wirklich sehr lustigen Linedance-Gruppe in Alfeld sowie in einer Modern Dance Gruppe in Hildesheim  hatte; ich wollte also wieder tanzen und habe so lange gegooglet, bis ich in Braunschweig etwas gefunden hatte, das zu meinen abendlichen Arbeitsterminen passt, kein widerlicher Zumba ist, als Einzelperson machbar und menschlich nett, und ich glaube, ich bin fündig geworden. 

--> Völlig fremde Leute sind sehr nett. Radfahrende bedanken sich (!), wenn ich den frei laufenden Hund aus dem Weg nehme. Donnerstag Abend bin ich um 23 Uhr mit Zeusi von der Arbeit gekommen und die letzten 700 Meter im Dunklen zu Fuß gegangen, da kamen zwei vielleicht Anfang 20-Jährige auf E-Rollern vorbei und grüßten höflich! Sie grüßten höflich! Ich habe das noch nicht vollständig verarbeitet.

Es ist nicht alles schlagartig schön und einfach - wann ist es das schon? -, weil zum Beispiel die ganze Arbeit, die ich jetzt mache, erst im Herbst bezahlt wird, oder weil es bisweilen etwas überwältigend ist, für alles immer allein verantwortlich zu sein und kein Backup mehr zu haben, aber dennoch kann ich insgesamt nur feststellen, es war die beste Entscheidung, herzuziehen. 





Mittwoch, 6. April 2022

Ich packe meinen Koffer und ich nehme mit:

Kennt ihr das, wenn es so viel zu sagen gibt, dass man gar nichts mehr sagen kann?

Es gibt so. unglaublich. viel. zu sagen. 

Corona, Impfen, Masken... Krieg in der Ukraine, Afghanistan, Moria... immer perfidere und schlimmere anti-LGBTQ-Gesetze in den USA... das Ende meiner Beziehung.

Und ich bin so müde von all dem, ich mag einfach gerade nicht darüber reden, schreiben oder manchmal auch nur nachdenken. Ich kann gerade nur einen Fuß vor den anderen setzen, einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen gehen und mich von Dingen fernhalten, an denen ich nichts ändern kann. Gleichzeitig mag ich ungern Belanglosigkeiten bloggen angesichts all der Schwere in der Welt, darum die lange Blogpause. 

Aber auch wenn ich nichts schreibe, wird die Welt davon ja nicht gesünder (ich bin ja kein BILD-Redakteur, auf die das eventuell zuträfe), also schreibe ich wieder.

Der Hund und ich sind letztes Wochenende nach Braunschweig gezogen. Wir haben eine schöne, geräumige Zweiraumwohnung gefunden, die zwar nicht im Grünen liegt, wie ich es mir für ihn erhofft hatte, aber dafür nah an der Uni, so dass ich schnell wieder bei ihm sein kann. Und schöne Gassistrecken haben wir auch hier in der Stadt gefunden, darum beschwert er sich derzeit höchstens, wenn wir zu lange laufen, weil Herrchen wieder neugierig ist, wo denn diese Seitenstraße noch hinführt...

Unser erster richtiger Tag in Braunschweig war Sonntag, und wir wurden ohne Stadtlärm und mit Vogelzwitschern geweckt. Dann ging ich mit Zeusi zum Auto, um mit ihm nach Riddagshausen zu fahren, und kaum waren wir aus dem Haus, radelte ein Mann an uns vorbei und machte laut Einsingübungen auf dem Rad. Geht es noch besser?

Ja.

Wir fanden Riddagshausen toll. Es gibt Enten! (Und Gänse, wütende brütende Schwäne, Blesshühner, die wie Kinderfahrradhupen klingen und, und und!)


(Das Wasser war gefroren.)


Und Spechte.


Und überhaupt war es toll. Auch den Prinzenpark haben wir schon erkundet:


Und die nähere bis mittlere Umgebung, in der man Wert auf Genauigkeit legt (nicht, daß noch jemand denkt: Brahms? War das nicht der mit dem Tierleben?):


Wir haben einige sehr nette Nachbarn kennengelernt, die Hündin aus der Nachbarwohnung gehört, Zeusi erkennt jetzt schon unsere Klingel als Klingel und stürmt wieder zur Tür, falls die Post ein Leckerchen dabei hat, und ich habe gelernt, eine Waschmaschine anzuschließen und daß der Edeka um die Ecke ein veganer Traumpalast ist. Bloß gut, daß wir unser Sofa haben, das macht uns alles ganz schön erschöpft.


Und weil wir beide schon echt lange nicht mehr in größeren Städten gelebt haben und wirklich überhaupt gar nicht zu Dramatisierungen neigen, ist das jetzt unser Soundtrack des Monats:


Sonntag, 7. November 2021

#ZitatDerWoche, jede Menge Herbst und Konzerte

Ich glaube, ich möchte eine Kategorie oder einen Hashtag einführen für Dinge, die Menschen zu mir sagen. Ich habe so viel absurd-komisches Zeug gehört, teilweise auch gar nicht komisch, nur absurd, ich muß das einfach teilen. Vielleicht #ZitatDerWoche ? Heute gibt es jedenfalls mehrere Zitate, waren ja auch etliche Wochen seit meinem letzten Blogeintrag.

1. "Vielen Dank, daß Sie so ein freundlicher, unkomplizierter Patient waren."

Es begann im Krankenhaus, in dem ich im August vier Tage war. Es wurde sich unglaublich rührend um mich gekümmert: Ich habe ein Einzelzimmer bekommen, damit weder ich noch ggf. andere Patient*innen sich mit dem Geschlecht der jeweils anderen Person unwohl fühlen würden. 

Meine Gynäkologin hat durchgesetzt, daß mich eine liebe Freundin außerhalb der Besuchszeit aufsuchen durfte, weil "das für den Heilungsprozess des Patienten aus psychologischer Sicht wichtig" war. War es auch, wirklich - zumal Besuche wegen Corona auf 1 Person pro Tag für maximal eine Stunde begrenzt waren. (Und ganz ehrlich, daß sich eine Bürgermeisterkandidatin mitten im Wahlkampf morgens um 7.30 Uhr eine ganze Stunde zu mir ans Krankenhausbett setzt und mir ein Brötchen schmiert, weil ich mit den Armen noch nicht bis zum Tablett reichen kann, hat mich wirklich unglaublich gerührt.)

Es gab veganes Essen! Im selben Krankenhaus, in dem sie mir damals während der Krebsbehandlung als vegane Alternative eine Scheibe Brot mit einem Klecks Marmelade angeboten haben... zu jeder Mahlzeit.

Mir wurden ständig zusätzliche Schmerzmittel angeboten, die ich abgelehnt habe, weil die Euphorie über den nun endlich richtigeren Körper alle Schmerzen erträglich gemacht hat, und ich wurde immer wieder darauf hingewiesen, daß ich jederzeit klingeln dürfe, wenn irgendwas sei, aber es war nie was.

Und als ich entlassen wurde dann obiges Zitat. Da frage ich mich schon, womit die Pflegenden es wohl sonst so zu tun haben.

Jedenfalls: Tataaaaaa!


Es wird wahrscheinlich noch eine Korrektur-OP geben, aber grundsätzlich ist alles erstmal ziemlich super. Ich durfte lange Wochen nichts Anstrengendes tun, aber inzwischen geht beinahe alles wie vorher. Am Wichtigsten natürlich: ich kann dirigieren!

2.:  "Ach, hallo, Herr Lorenzen, Sie habe ich gleich erkannt, Sie strahlen einen immer so freundlich an." 

Die Mitarbeiterin am Empfang der endokrinologischen Praxis, obwohl ich erst das dritte Mal dieses Jahr dort war, und trotz Mütze und Maske auf meinem Kopf. Das ist schon ein verdammt gutes Gedächtnis bei der großen Praxis.

3.: "Haben Sie schon Haarausfall?" - Der Endokrinologe.


Ich meine, halloooo?! Ich habe noch immer (!) keinen Bart, ich bin noch nichtmal durch den Stimmbruch, können wir uns vielleicht darauf einigen, daß ich nicht gleichzeitig jünger und älter sein möchte, wenn es ein Gesamtpaket von Pickeln, Jodeln und Haarausfall bedeutet, danke vielmals?

4. "Sie sind ja ein ausgesprochen gutaussehender junger Mann." und "Also Tenor können Sie auf jeden Fall schon singen." - Ein Mensch mit Ahnung, ganz offensichtlich. ;-)

5. "Hast du jetzt noch Gefühl in den Brustwarzen?" - Ein Mensch mit weniger Ahnung.

6. "Also hättest du während des Workshops nicht diese eine Geschichte erzählt, hätte ich nie gedacht, daß du trans bist." - Ein Mensch, den ich spontan umarmen wollte.


Und sonst so? Der Herbst ist bis jetzt wunderschön, und ich habe meinen großen Bruder zu Besuch gehabt und mit ihm (und vorher und nachher auch ohne ihn) ein bißchen die nähere Umgebung erwandert. 

Magische Nebeltage:



An der Lippoldshöhle:





In den Leinewiesen:


Am Himmelberg:



Am Tafelberg:





Und Konzerte! Es passieren wieder Konzerte!

Nächstes Wochenende darf ich gleich drei Mal die Schütz-Exequien spielen:

  • Freitag, 12. November 19.00 Uhr St. Nicolaikirche Sarstedt
  • Samstag, 13. November 18.00 Uhr St. Mauritiuskirche Heyersum
  • Sonntag, 14. November – Volkstrauertag, 17.00 Uhr St. Pankratiuskirche Bockenem
Am Samstag vor und am Montag nach dem ersten Advent tritt der Ö-Chor Hildesheim wieder auf - mit einem gemischten Nach-Corona-Programm, das zur Hälfte weihnachtlich ist.

Und auch der Unichor in Braunschweig darf wieder proben, unter 2G-Bedingungen, und hat hoffentlich zum Semesterende im Februar dann Konzerte. Wider Erwarten rennen sie uns dort die Bude ein, wir sind schon wieder bei über 90 Singenden. 

Darüberhinaus entsteht gerade ein queerer Chor in Hannover, dessen musikalische Leitung bei mir liegen wird. Yesssss.



Dienstag, 1. Juni 2021

stolz sein

Vor einigen Monaten mußte ich für die Traumatherapie eine Hausaufgabe machen, um die ich ewig gerungen habe. Die Aufgabe war, eine Liste mit den Dingen anzulegen, die ich in meinem Leben erreicht habe. Als meine Traumafrau mir die Aufgabe stellte, habe ich sie erstmal verwirrt angeguckt. Ich hatte ja nichts erreicht. Alles, was ich im Leben geschafft habe, hatte ich ja entweder anderen Leuten zu verdanken oder es war mir ungerechtfertigterweise irgendwie zugefallen - so habe ich es zumindest betrachtet.

Wir haben diskutiert. 

"Sie haben es doch auf ein Spezialgymnasium geschafft", sagte sie.

"Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich musikalisch geboren wurde", sagte ich. "Das ist wie groß sein oder rothaarig, das ist mir einfach passiert."

"Aber Sie mußten doch etwas aus Ihrem Talent machen - Sie haben gearbeitet und geübt, um da hinzukommen."

"Aber eigentlich bin ich nur aus der Schule weggelaufen, in der ich gemobbt wurde."

"Sie haben es also geschafft, sich aus einer unangenehmen Situation zu befreien?"

Hmm. Mir etwas Erreichtes selbst anzurechnen war sehr ungewohnt und fiel mir schwer. Und dann passierte ein paar Wochen später etwas: Jemand, der mir nahe steht, war unnötig ausgesprochen unhöflich zu mir. Meine normale Verhaltensweise wäre gewesen, es runterzuschlucken und mir einzureden, ich hätte es nicht besser verdient. Aus Angst, ich würde die Nähe und gute Beziehung zu dieser Person verlieren, wenn ich Grenzen setze. Aber ich lerne, Grenzen zu setzen, und auch darauf bin ich wirklich stolz. Also habe ich ihn damit konfrontiert und erklärt, was ich daran doof fand und ich wie ich es in Zukunft haben möchte - und tatsächlich hat er mich verstanden, sich entschuldigt und das nicht wieder getan.

Ich bin in dieser Situation nicht einmal besonders stolz darauf, die Konfrontation gewagt zu haben, sondern besonders stolz bin ich, daß mir überhaupt klargeworden ist, daß ich einen Mindeststandard im Umgang mit anderen Menschen haben darf und will und den auch einfordern kann.

(Es klingt hier so geschrieben schon recht peinlich, nicht wahr? Normale Leute lernen sowas wahrscheinlich beim Erwachsenwerden und können das dann mit 25 oder so. Aber mein Schiff hatte so viele Lecks, daß ich vor lauter Havarien nie zum eigentlichen Segeln gekommen bin.)

Und dann habe ich etwas Politisches erreicht: Am Rathaus Alfeld wurde zum ersten Mal jemals eine Regenbogenfahne gehisst. 

In meiner Funktion als Sprecher der Grünen meines Ortsverbands, als Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft QueerGrün Niedersachsen und als Gründer (wir sind noch in der Gründungsphase) eines Arbeitskreises Diversity für den Landkreis Hildesheim sowie natürlich in meiner privaten Eigenschaft als trans Person habe ich den Bürgermeister angeschrieben und ihn gebeten, die Flagge an mindestens einem von zwei Terminen zu hissen, nämlich wenn der CSD in Hannover, unserer großen Nachbarstadt, läuft, und am 28. Juni (Stonewall).

Mir fällt auf, daß man in Hannover und vergleichbaren Großstädten alle Möglichkeiten hat, sich als Mitglied der LGBTQ+ Community zu vernetzen, hier im ländlichen Gebiet jedoch so gut wie gar nicht. Ich will das ändern, deshalb auch der Arbeitskreis. Ich will Sichtbarkeit schaffen und damit Normalisierung, und ich will, daß alle - alle! - Bürger*innen jeder noch so kleinen Kommune das Gefühl haben, dort, wo sie wohnen, sie selbst sein zu können. 

Ich wollte diese Flagge sehen, damit die Stadt Alfeld, die mit knapp 19.000 Einwohner*innen die größte meines Ortsverbands ist, deutlich und öffentlich signalisiert, sich ihrer LGBTQ+ Bevölkerung bewusst zu sein und diese in jeder Hinsicht willkommen zu heißen und hinter ihnen, hinter uns, zu stehen. Ich wollte, daß das jede*r sehen kann.

Und bäm.


Das war vor 10 Tagen, als in Hannover der CSD lief. Seht ihr mich winken, da oben im Türmchen neben dem Bürgermeister? :D 


Japp, sehr glücklich. Und stolz.

Der Juni ist pride month, auch wegen Stonewall. Und darüber, also über gay pride im weitesten Sinne, habe ich auch seit letztem Jahr viel nachgedacht. Bin ich stolz darauf, trans zu sein? Nein. Im Gegenteil. Hätte ich das irgendwann in meinem Leben abschalten können, hätte ich es getan. 

Ich glaube, der Punkt ist nicht, stolz darauf zu sein, was wir sind, sondern darauf, was wir mit dem, was wir sind, anfangen. Ich bin stolz, jetzt endlich den Mut gefunden zu haben, authentisch zu sein. Ich bin stolz, meine Zeit und Energie dafür aufzubringen, die Lebensbedingungen von LGBTQ+ Menschen in Deutschland zu verbessern. Das sind Entscheidungen, die ich treffen kann und treffen will auf Grundlage dessen, was ich bin, wofür ich nichts kann.

Worauf seid ihr stolz? Könnt ihr überhaupt stolz auf etwas sein oder habt ihr auch solche Probleme damit wie ich bisher? Falls die Antwort auf die letzte Frage "Ja" ist, wäre ich noch neugierig, ob ihr Frauen oder als Frauen erzogen worden seid, denn ich habe da einen Verdacht...

All the history of wars

I invent in my head



CSD-Saison 2021


Freitag, 2. April 2021

Dritter April

 - ihr wißt, was das heißt? Geeeenau. Es ist Brahms' Todestag.

Außerdem ist Karsamstag und damit ein guter Grund, Musik in den Raum zu stellen. Brahms selbst hat keine Passion komponiert; so sehr er Chormusik liebte und die Möglichkeiten chorsinfonischer Klangentwicklung, hat er doch immer einen Bogen um Opern und Oratorien gemacht - von seinem sehr untypischen Requiem abgesehen.

Aber das Schicksalslied. 

Hach.

Vor zweieinhalb Jahren hatte ich die unglaubliche Ehre, das mit dem Kammerchor TASK aufnehmen zu dürfen - eine Transkription des Orchesters für vierhändig Klavier. Ich kann immer noch nicht ganz glauben, daß Nicolas Bajorat mir damals zugetraut hat, daß ich das mit ihm spielen kann, und daß ich es auch irgendwie geschafft habe. Der Chor ist fantastisch, falls ihr den je hören könnt, tut es! Sie treten deutschlandweit auf. Ihre - unsere - Aufnahme ist nicht auf YouTube, aber hier ist eine mit dem originalen Orchester und dem tollen Philipp Herreweghe:


Ihr wandelt droben im Licht,

Auf weichem Boden, selige Genien!

Glänzende Götterlüfte

Rühren euch leicht,

Wie die Finger der Künstlerin

Heilige Saiten.


Schicksallos, wie der schlafende

Säugling, atmen die Himmlischen;

Keusch bewahrt

In bescheidener Knospe

Blühet ewig

Ihnen der Geist,

Und die seligen Augen

Blicken in stiller,

Ewiger Klarheit.


Doch uns ist gegeben

Auf keiner Stätte zu ruhn;

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

zu Klippe geworfen,

Jahrlang ins Ungewisse hinab.


Und wie Brahms genau wie im Requiem den Bogen zurück schlägt, zurück zu der Hoffnung, mit der das Stück begonnen hat, zurück in die Sanftheit einer Gewissheit, daß es Trost geben wird.

Gott, was wünsche ich mir ein Orchester und seine Möglichkeiten.

Eigentlich hätte ich heute zweimal die musikalischen Exequien von Schütz gespielt. Und gestern. Diese Veranstaltungen wurden abgesagt, unter anderem auf mein eigenes Drängen hin. Im Moment sollten wir, selbst wenn wir singen dürfen, es einfach nicht tun. Ich möchte niemanden mit der Seuche anstecken, von der ich nicht weiß, ob mein Mann sie nicht doch aus der Firma mitbringt, in der in den letzten 2 Wochen immer mehr Mitarbeiter erkrankt sind. Ich möchte auch selbst kein Long-Covid, es lebt sich wirklich besser ohne dementielle Erscheinungen und mit voller Lungenkapazität. Und ich möchte das alles mehr, als ich gerade ein Konzert möchte, und das will wirklich etwas heißen.

Wir dörren langsam aus, wir Musiker:innen.

Onlineproben sind besser als nichts, aber nicht viel besser, wenn ihr versteht, was ich meine. Wir sehen uns, und zumindest im Ö-Chor ist in jeder Probe jetzt auch eine designierte Quatschzeit angesetzt, seit wir gemerkt haben, wie sehr uns der soziale Aspekt fehlt. Wie ich das mit dem Unichor löse, weiß ich noch nicht. 

Eine Sängerin aus Hildesheim sagte mir letzte Woche am Telefon, sie würde weiter unterrichten und hielte die Maßnahmen für übertrieben - "Kennst du wirklich jemanden, der Corona hatte? Ich kenne niemanden." 

Nun, zum Einen: Ja, ich kenne jemanden. Meine Oma ist an oder mit Corona gestorben. Freunde von uns hatten es. Ein Mitarbeiter meines Mannes, in den Vierzigern, sportlich, Nichtraucher, hat letzte Woche um jeden Atemzug gerungen.

Zum Anderen: Ich kenne auch niemanden aus Paris und bin mir trotzdem ganz sicher, daß diese Stadt, von der so viele Leute erzählen, kein Mythos ist. Ich demonstriere nicht gegen Paris. Das wäre Paris auch egal. 

Und zum Dritten beobachte ich mit Entsetzen, wie wir wieder eine Bequemlichkeit in der Unbequemlichkeit entwickeln, eine Normalität im Abnormalen. Jetzt hatten wir über ein Jahr Pandemie und haben uns daran gewöhnt. Wir sind noch nicht gestorben, also wollen wir wieder alles so machen, wie wir es gewohnt waren. Wir wollen die Kinder in die Schulen schicken und endlich unsere Ruhe. Wir wollen in Kneipen, wir wollen Konzerte, wir wollen in den Urlaub fliegen. Wir wollen einen komplikationslosen Alltag, von dem wir meinen, er stünde uns zu. 

Aber auch das ist Paris - äh, dem Virus egal. Das Virus mutiert fröhlich vor sich hin und statt einfach mal wirklich konsequent die Arschbacken zusammenzukneifen, empfehlen wir Abstände, empfehlen wir Home Office, eiern wir herum. 

Normalität steht uns nicht zu. Normal ist das, was passiert, was immer es ist. Wie wir damit umgehen, als Einzelne und als Gesellschaft, erschafft unsere Normalität von morgen.

Mittwoch, 31. März 2021

Seziert

Heute ist international Trans Visibility Day - internationaler Tag der Sichtbarkeit von trans Personen.

Heute ist auch der Tag, an dem die beiden psychiatrischen Gutachten, die ich erbringen mußte, in meinem Briefkasten lagen. Sie sind Teil des langen bürokratischen Prozesses, der hoffentlich dazu führen wird, daß irgendwann "Johannes Lorenzen, Künstlername Johannes Höing" in meinem Perso steht. Das Amtsgericht hat mir Kopien beider Gutachten zugeschickt, damit ich dazu Stellung nehmen kann.

Also habe ich sie durchgelesen. Und boy, ist das ein komisches Gefühl.

Da stehe ich, ja, aber ich stehe da nicht als Mensch, sondern als Dingsda unter einem Mikroskop. Ich werde seziert. Alles wurde in den 90 Minuten beim ersten Gutachter und in den gut 2 Stunden bei der zweiten Gutachterin auseinandergenommen und steht da jetzt schwarz auf weiß - von der Rolle, die Musik in meinem Leben und beim am-Leben-bleiben spielte, über meine Familie, meine Beziehungen, meine Freundschaften, Kinderspiele, welche Kleidung ich trage, daß die Brüste trotz Binder erkennbar seien, ob ich regelmäßig aufs Klo gehe (ich meine ERNSTHAFT?!), daß ich jünger aussehe als ich bin, daß meine Gestik und Mimik männlich seien (öhm?) und letztlich dann, daß ich wirklich trans bin und nicht einfach bekloppt.

Es ist, als würde mir alles entrissen. Keine private Information ist mehr privat. Alles steht jetzt in diesen Gutachten, die einem Gericht vorliegen, und irgendwelche Sachbearbeiter:innen können das einsehen. Ich gehöre nicht mehr mir selbst. Ich fühle mich unglaublich verletzlich und das gefällt mir nicht.

Und das alles für einen anderen Vornamen und Geschlechtseintrag. Warum muß das Geschlecht überhaupt in einem Ausweisdokument angeführt sein? Warum ist die Hürde für ein einfaches Wort in einem Ausweis so unendlich viel höher als die Hürde für eine Hormontherapie, die viel mehr Veränderung im Körper und Leben einer Person bewirkt?

Apropros: Heute vor einer Woche war auch das Rezept für mein Testosteron im Briefkasten. Mann, war das eine Odyssee! Der nette Endokrinologe wollte mich ja nicht beginnen lassen, bevor nicht alle Zweifel ausgeräumt sind, daß ich dadurch kein höheres Rückfallrisiko habe bezüglich Krebs vor drei Jahren. Meine Gynäkologin wollte ihm das aber nicht schriftlich geben, weil sie sich onkologisch nicht hinreichend auskennt. Ich bin also von Pontius zu Pilatus, nun, nicht gelaufen, sondern habe telefoniert und ge-emailt, und habe einen Termin bei einem Spezialisten bekommen, der mir grünes Licht gegeben hat.

Nach einer Woche auf Testo kann ich sagen: Hab immer noch keinen Bart, bin immer noch kein Bass. Bis auf ein leichtes Kratzen im Hals hat sich nichts getan. Ich bin ja nicht ungeduldig, ABER.

Mittwoch, 13. Januar 2021

Erwünschte Nebenwirkungen

"Werde ich Stimmungsschwankungen haben?", frage ich den unglaublich warmherzigen Mann nach 50 Minuten intensiver medizinischer Beratung. Es ist meine letzte Frage an ihn. "Es ist nur... ich arbeite mit so vielen Menschen, und ich hasse es, vor Leuten zu weinen..."

Wir haben schon über Krebs, Chromosomen, Hunde, Eierstöcke, intramuskuläre 3-Monats-Spritzen (ich habe sie "Po-Depot" genannt, weil sie in den Hintern kommen, er hat gelacht) versus tägliches Gel sowie die Nebenwirkungen von Testosteron gesprochen. 

Er hat mir einen Gel-Spender vorgeführt, nachdem ich mich entschieden habe, die Behandlung lieber so als mit einem Po-Depot zu beginnen, und als er das klare Gel in seinen Händen verrieben hat, dachte ich entsetzt: "Alter, das ist mal Hingabe an den Beruf", aber dann habe ich gesehen, daß PLACEBO auf der Pumpflasche steht. 

Ich mußte einen Zettel unterschreiben - nein, ich mußte viele Zettel unterschreiben, aber speziell einen, auf dem ich bestätige, über die Nebenwirkungen informiert und mit ihnen im Reinen zu sein. 

"Ich weiß", sagt sein Mund-Nasen-Schutz unter den freundlichen Augen und dem dünnen, grauen Haar, "Sie sehnen die Nebenwirkungen wahrscheinlich sogar herbei, von der Akne mal abgesehen. Aber ich muß Ihnen leider sagen: die Mehrbehaarung am Körper beginnt nicht im Gesicht..."

Ich neige fragend den Kopf zur Seite.

"...sondern am anderen Ende des Körpers..."

Besorgt wribble ich auf dem Stuhl hin und her. Ist das seine diplomatische Art, mich auf Arschhaare vorzubereiten? 

"...an den Beinen." 

Aaah, gut. Gut. Natürlich. Beine. Puh.

"Ja", beantwortet er meine letzte Frage ehrlich. "Es wird wirklich eine zweite Pubertät. Sie werden Pickel und Stimmungsschwankungen haben. Genau wie damals wird das vorübergehen. In einem halben Jahr sind sie auf dem Hormonlevel, auf das Sie gehören. Wir wenden jetzt diesen riesigen Ozeandampfer, der all die Jahre in die falsche Richtung gefahren ist."

Und ich fühle mich einfach akzeptiert und ein bißchen beschützt. Mein tägliches Drama ist sein tägliches Brot; er weiß, was los ist, was sein könnte, was ich womöglich brauchen werde, und allein, mich einfach nicht erklären oder rechtfertigen zu müssen, weil schon die Arzthelferin mich beim Reinkommen mit "Herr Lorenzen" angesprochen hat, ist so eine unglaubliche Erleichterung.

Es ist noch Papierkram zu tun, bis ich wirklich das Rezept bekomme, aber das geschieht jetzt. Es geschieht jetzt wirklich. Die letzten Wochen bin ich immer nervöser geworden, je näher dieser Termin heute rückte, weil es so unfassbar war, daß es jetzt einfach real wird. Aber heute früh bin ich aufgewacht und war ruhig, und alles fühlt sich jetzt richtig an.




"Wenn wir uns das nächste Mal sehen", verabschiedet er mich, "haben Sie schon eine tiefere Stimme." Und er lächelt wieder.

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Bart

Ich habe gestern einen total intensiven Traum gehabt, in dem absolut nichts Spektakuläres passiert ist. 

Aber ich hatte einen Bart. 

Einen Stoppelbart. So 2 mm vielleicht. Im Gesicht. Und ich bin völlig ausgerastet vor Glück und losgerannt und habe allen Leuten in meinem Traum entgegengebrüllt ICH HABE EINEN BART GUCK DA HAARE IM GESICHT SIEHST DU DAS DAS IST MEIN BART IST DAS NICHT TOTAL GEIL MEIN GANZ EIGENER BART DAAAAAAA!

Und auch sonst geht es mir ganz gut. Doch doch.



Samstag, 17. Oktober 2020

highs and lows

 Gaah. Dinge laufen nicht so, wie ich das will. 

Ich mußte ein Konzert absagen, weil meine Sehnenscheiden vehement gestreikt haben. 

Die Blogger-Designs scheinen irgendeinen Bug zu haben, der verhindert, daß Hintergrundbilder angezeigt werden. Ich kann zwar ein Bild wählen oder hochladen, und das gesamte Farbschema passt sich auch dem gewählten Bild an, aber das Bild selbst ist nicht zu sehen. 

Ich kann wohl einen Zettel erstellen, der Pronomen abfragt, aber wenn man mir verbietet, den auszuteilen, weil man "diesen Diskurs in einer fachthematischen Lehrveranstaltung" nicht wünscht, dann ist es auch wurscht, wenn ich sage, daß ich gar keinen Diskurs will, sondern nur den verdammten Zettel. Es bleibt verboten. 

Ich probiere nach wie vor mit Bindern herum und habe nach wie vor nur 2, die passen, was bedeutet, ich renne viel zu oft ohne herum und das ist meh.


Aber es gibt auch tolle Dinge: 

Team Brumm-und-Dröhn (das Feuerwehrkapellchen, das ich 1x im Monat coache) hat 3 neue Mitglieder und eine Rückkehrerin, und speziell jetzt eine Schlagwerkerin zu haben ist einfach großartig!

Der Unichor darf unter recht restriktiven Auflagen aber immerhin wieder live proben. Da das nur einer sehr begrenzten Sänger:innenzahl möglich sein wird, versuchen wir, die Proben für die anderen zu streamen - die Uni stellt mir eine Kamera zur Verfügung. 

Die LAG Queergrün entwickelt sich zu einer Art Tankstelle für mich. 

Mein Mann ist immer noch der Tollste.

Das Amtsgericht hat mir bestätigt, daß mein Antrag auf Vornamensänderung in Bearbeitung ist und die beiden Gutachter:innen sich bei mir melden würden. Was noch nicht passiert ist. 



Ich habe zwar wieder (wenige) schlechte Tage zwischen den guten, aber was heute ein schlechter Tag ist, beginnt immer noch damit, daß ich aufstehen und mir die Zähne putzen kann, ohne daß es mich die gesamte Energie des Tages kostet. Ein schlechter Tag heute ist wie ein guter vor einem halben Jahr. Und ich weiß auch, anders als früher, woher sie kommen: als Kopfmensch denkt man sich wohl selbst um Kopf und Kragen.

Und ich schwelge in Büchern. Ich kann wieder lesen! 

Die Hände werden besser, ich kann wieder kurze Zeiten spielen, nur noch nicht wieder stundenlang. Aber muß ja auch gerade nicht.

Insgesamt: Alles gut.


Ein lachendes, ein weinendes Auge

Es ist ja schon schmeichelhaft, wenn man von einem Chor angeschrieben wird, ob man nicht vordirigieren wolle. Und wenn dieser Chor dann auch...