Sonntag, 23. Juni 2019

Hui

(Wer gleich was über Fallschirme lesen möchte, muß scrollen.)

"Ich werde sterben - das ist sicher." Als ich diesen Satz das erste Mal las, wurde er empfohlen als Meditationsgrundlage. Als Meditationsgrundlage! Wie krank ist das denn, dachte ich. Soll ich mich besser fühlen, wenn ich stundenlang über Tod und Elend meditiere? Euer Ernst?
In dem Buch "Wie hilft der Bär beim Glücklichsein" von Ajan Brahm erzählt der Autor, daß er genau wie ich den Satz heftig abgelehnt hat, als er ihn zum ersten Mal hörte. Aber eigentlich ist das einer positivsten Gedanken überhaupt.

Es heißt nämlich nicht: Ich werde sterben, und deshalb ist alles furchtbar.
Oder: Ich werde jetzt sofort sterben und dabei schreckliche Schmerzen leiden.
Sondern: Ich werde sterben - das ist sicher.

Und zwar NUR das.

Das ist das einzige, das jemals wirklich sicher sein wird für jeden Menschen auf der Welt. Alles andere hängt von einer großen Mannigfaltigkeit an Variablen und Personen ab, die wir nur zu einem geringen Teil beeinflussen können. (Auch so eine Sache, die mir nicht sehr gut gefällt, so ganz generell im Leben. Warum machen nicht einfach alle das, was ich für richtig halte? Ihr kennt das sicher.)

Und wenn wir das jetzt akzeptieren - zum Einen das Sterben, das irgendwann kommen wird, und zum Anderen die absolute Unsicherheit vorher -, dann ändert sich der Blickwinkel auf diesen Satz um 180 Grad. Ich werde sterben - das ist sicher. Bis dahin jedoch ist nichts, absolut nichts, in Stein gemeißelt. Nichts Schlimmes, das ich erlebe, wird ewig dauern. Keine frustrierende Situation ist ausweglos. Ich kann jeden Tag, jede Minute, mein Leben vollkommen auf den Kopf stellen. Ich kann in jeder Sekunde meines Lebens entscheiden, ein völlig anderer Mensch zu sein, als ich gerade eben noch war.

Die Sekunde, in der mein Mann entschieden hat, keine Fleischburger mehr zu essen (danke, Beyond Meat), war so eine.
Die Sekunde, in der sich eine Frau entscheidet, in ein Frauenhaus zu fliehen.
Die Sekunde, in der einer sein Studium schmeißt, in dem er gut war, weil es ihn nicht die Bohne interessiert und er aus ganzer Seele nichts lieber will, als eine Bar aufzumachen.
Der Moment, wo ein Paar seinen gesamten Besitz auf Ebay Kleinanzeigen anbietet und nur eine Gitarre und eine Tasche voller Kleidung behält, um in Irland als Straßenmusiker neu anzufangen.

Versteht Ihr? Bis zur letzten Sicherheit ist es noch ein kurzes oder langes Leben, niemand weiß das. Aber dieses Leben führen wir in Freiheit. Wir können jederzeit entscheiden, wie wir eine Situation betrachten, ob das Glas halbvoll ist, ob jemand etwas aus Versehen oder unserer Meinung nach aus Boshaftigkeit getan hat, ob wir verzeihen wollen oder nicht. Wir können entscheiden, ob wir anderen Menschen mit Vertrauensvorschuß begegnen oder mit vorab aufgebauten Mauern. Das ist es, was unser Leben bestimmt, und wir können es jederzeit ändern, immer wieder und wieder.

Im Buddhismus gibt es die Geschichte von Angulimala, der ein Mörder war und zum Mönch wurde, weil er nach einer Begegnung mit dem Buddha diese für ihn lebensverändernde Entscheidung traf, die vorher nicht einmal in seiner Vorstellung existierte.
Im Christentum gibt es die etwas weniger blutrünstige Geschichte von Saulus, der zu Paulus wurde.
Das ist vielleicht das Hoffnungsvollste, das Religionen uns zu schenken versuchen: nicht, daß ein unsichtbarer Gott uns schon irgendwie unsere Sünden vergeben wird, wenn wir brav sind. Sondern, daß wir selbst in jedem Moment unseres Lebens in der Hand haben, ob wir diesen Moment wahrnehmen, genießen und für ihn dankbar sein können oder nicht.

Das ist übrigens auch, was man im Buddhismus unter "Karma" versteht. Karma ist kein Bestrafungsding. Karma ist ein freier-Wille-Ding. Wenn wir uns entscheiden, der Welt feindselig zu begegnen, wird sie es zwangsläufig für uns auch sein, denn wir bieten ihr ja keinen anderen Zugang zu uns an. Wenn wir etwas tun, von dem wir selbst innerlich glauben, daß es eigentlich Mist ist, leben wir unser Leben auf eine "eigentlich ist das Mist"-Art, und so wird es aussehen.

Das war eine lange Einleitung zu einem Gedanken, der mir gestern kam: Im vergangenen Jahr hatte ich Krebs. Ich habe einen Knubbel entdeckt, da war der Krebs in meinen Gedanken schon da. Ich bin zum Arzt gegangen, da erschien der Krebs in Form einer Diagnose schon konkret. Ich habe die Situation akzeptiert, hatte Todesangst, wurde operiert, hatte immer noch Todesangst und habe diese Angst dann vehement verdrängt. Ich wurde bestrahlt - zur Sicherheit, und ich begann, das Leben wieder zu genießen. Dann war der Krebs weg, bis heute wirkt das Erlebnis aber nach.

Gestern war ich Fallschirmspringen. Meine älteste Schwester wollte schon lange mal einen Tandemsprung machen und rief mich vor einigen Monaten an, ob ich das nicht mit ihr zusammen machen wolle. Ich könne in meinem Leben mal wieder ein bißchen Abenteuer gebrauchen, meinte sie, diese Scheißangst hat schon zu viel Platz eingenommen.
Da war der Gedanke ans Springen.

Wir sind zu einem Unternehmen gegangen, das Tandemsprünge anbietet. Da war der Sprung in Form einer Sicherheitseinweisung am Anfang schon konkret.


Situation akzeptiert:


Da, links, meine tolle Schwester, die vorher viel nervöser war als ich und während des Absprungs viel gelassener.



Dann "wurde" ich gesprungen (der Tandemmaster hat mich einfach aus dem Flugzeug geschubst, was soll er auch sonst machen) und ich hatte wirklich, wirklich Todesangst ab dem Moment, als wir auf die Ausstiegsluke zurutschten und besonders, als meine Füße rausbaumelten.


Meine Gedanken gingen: Will ich das eigentlich wirklich? Nee, eigentlich will ich das wirklich nicht. Moment mal, der schiebt. Oh scheiße, meine Füße hängen raaaaaaaaaaaaaaAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUs.

 Ich habe mindestens 5 Sekunden nach Absprung einfach nur panisch geschrien. (Klickt mal das Foto größer, ist wirklich lustig zu sehen.)




Dann zündete mein Tandemmaster den Vorschirm, der nur etwas stabilisieren soll, und ich verdrängte meine Todesangst, versuchte, etwas zu erkennen und begann, den Fall zu genießen.




Und ich genoss in vollen Zügen! Wie wahnsinnig ist das? Wie wunderwunderschön? Ich habe einen kreisrunden Regenbogen auf der Oberseite einer Wolke gesehen, durch die wir gestürzt sind. Wie irre allein dieser Satz ist - ich bin durch eine Wolke gestürzt. Es war einfach großartig.










Die Landung war so lala, weil der Tandemmaster mir unterwegs (ja, in ein paar tausend Metern Höhe!) den Harnisch gelockert hat, damit es nach dem freien Fall nicht mehr so eng sitzt, und das Ding ist mir von den Schultern gerutscht und hat die Armfreiheit blockiert (ich hätte in die Hose greifen und meine Knie hochziehen sollen). Aber hey, meine Beine sind nicht gebrochen, alles schön.


Wißt Ihr was das Schönste war? Als der richtige Fallschirm aufging, hat der Chef auf meinem Rücken mich in die Führungsschlaufen greifen lassen und gefragt, ob ich mal eine Kurve fliegen möchte. Dann hat er mich angeleitet und ich habe eine großartige Drehung gemacht. Ein Huiiiii.

Fazit: ein potentiell tödliches Erlebnis verändert Dich. Eine Angst überwinden zu müssen, verändert Dich. Es macht wenig Unterschied, ob das frei gewählt ist, wie beim Springen aus einem fliegenden Flugzeug, oder ob es eine Krankheit ist. Das Schlimmere an der Krankheit war für mich, daß der Prozess so unwahrscheinlich lang gedauert hat. Beim Fallschirmspringen sind Angst und Ekstase zeitlich sehr komprimiert.

Ich würde das jederzeit wieder machen. Himmel, ich würde das jeden Tag machen, den ganzen Tag. Aber lieber nicht im Tandem. Ich möchte selbst fliegen können.

Los, Leute, baut umweltfreundliche Flugzeuge, der Hase will fliegen.

Weil es auf der Rückfahrt gleich 2 Mal auf unterschiedlichen Radiosendern für mich lief und ich fest an das Radio-Orakel glaube, hier für Euch Lou Reeds perfect day.


Sonntag, 19. Mai 2019

Der Dinosaurier im Garten

An der Rückseite unseres Hauses führt eine kurze Treppe hinunter zur Kellertür. Das ergibt eine Art Außenkorridor, in dem wir Brennholz und Rindenmulch horten und in dem an heißen Tagen manchmal ein Hund zum Abkühlen liegt. Dort hängt auch ein alter Dekokranz mit eingebautem Nest. Dieses Jahr hat sich eine Drossel(?)mama gedacht, Mensch, so ein fertiges Nest, das ist ja spitze. 





Ich kann Euch gar nicht sagen, wie glücklich mich das gemacht hat. Nach mehreren Wochen wiedergekehrter Abwärtsspirale im Kopf war das ein wunderschöner Lichtblick. Aber nur bis gestern Mittag.

Um 12 habe ich Muddi noch brüten sehen, um 14 Uhr sah es dann ganz anders aus:



Das Nest war komplett leer bis auf diesen einen kleinen Babydinosaurier. 

Erst habe ich ihn in Ruhe gelassen - vielleicht würde Muddi ja wiederkommen. Aber Muddi kam nicht. Ich habe den Garten abgesucht und eines seiner Geschwisterchen tot unter dem Pflaumenbaum gefunden. Da sie noch längst nicht flügge sind, muß es verschleppt worden sein, von einer Katze oder einem Marder vielleicht. 
Als Muddi gegen Abend noch immer nicht auftauchte, fing ich an, mich zu belesen. Leider zunächst auf einer Internetseite mit nur mäßig klugen Informationen. Ich suchte Nummern von Vogelpäpplern, in der Hoffnung, eine*r von ihnen könnte das Baby nehmen oder mir wenigstens telefonisch Hilfe geben - es war Samstag Abend, die Zoohandlung hatte zu und ich habe meine Chancen, im Garten frische Insekten einzufangen und genau die zu erwischen, die das Küken braucht, eher gering eingeschätzt. Niemand, absolut niemand ging an sein Telefon. 
Ich habe 2 Fliegen und eine Motte mit der Fliegenklatsche erlegt, zerkleinert und in Wasser gemischt. (Eine pazifistische vegane Möchtegernbuddhistin hat ein neues Level Selbstverachtung erreicht.)
Ich habe eine Kiste mit Handtüchern ausgelegt, eine Wärmflasche rein, eine Schale auf die Wärmflasche, mehr Handtücher in die Schale und Küki zog vom Nest in die Kiste um. Ich habe es vorher gewogen. 17 Gramm reine Niedlichkeit.




Sieht es nicht wirklich aus wie ein winziger Dinosaurier? Das Bäuchlein! Die Gnubbelaugen! Ich war jedenfalls schockverliebt. Es war sehr kraftlos und ich bin leider dem Rat der schlechten Internetseite gefolgt und habe ihm das Schnäbelchen vorsichtig mit den Fingern geöffnet & es dann mit einer Pipette* gefüttert. Fliegenwasser. Würg.
Dann habe ich alle paar Stunden die Wärmflasche erneuert und einfach gehofft. Um 22 Uhr rief mich eine Vogelpäpplerin zurück und gab mir 2 gute Tipps: niemals Wasser direkt in den Schnabel geben, weil unter der Zunge ein Zugang zur Luftröhre ist und das Wasser dort eindringen kann. Und es gibt eine riesige Facebookgruppe für fachkundige Vogelrettungen, an die ich mich wenden solle.
Als Küki heute früh nicht nur noch lebte, sondern sogar den Kopf nach oben reckte und wie Caruso seinen Schnabel bis Anschlag aufriss, tropfte ich also vorsichtig mit der Pipette seitlich an den Schnabel, wie die Frau erklärt hatte, und versuchte es dann mit der Facebookgruppe. Innerhalb einer Minute war ich da freigeschaltet, und innerhalb einer weiteren Minute hatte ich die Telefonnummer einer Vogelretterin, die nur 20 Minuten entfernt wohnt.
Ich schrieb sie an, sie schrieb zurück, ich brachte das Küken hin und siehe da - wir kannten uns! Sie ist die nette Verkäuferin unsres Lieblingszoogeschäfts, die immer die wirklich tier- und umweltfreundlichen Sachen empfiehlt und von ihren Kolleg*innen dafür etwas belächelt wird.



Ich habe sie gefragt, ob man Vogelrettung irgendwo richtig lernen könne (wir haben einen sehr belebten Garten, aber keine 200 m entfernt wohnt halt auch ein Milan und holt sich gerne mal einen Singvogel), und sie sagte, in 1 - 2 Wochen sei ihr Haus fertig renoviert, dann sei sie glücklich, mir Unterricht zu geben. 

Leute, mein Lebensplan hat sich gerade angepaßt. Wenn ich mal alt bin, werde ich die irre Vogelfrau.

*Pipette: Lustige Geschichte. Vor 3 Wochen war Probenwochenende mit dem TU-Chor. Die Herberge lag auf einem Berg. Als ich von dort losfuhr, ging es also relativ steil bergab und sobald Holgis Nase sich abwärts neigte, blinkte die Kühlwasserwarnung. Ich fuhr also zur nächsten Tankstelle, um aufzufüllen, und war dabei etwas zu enthusiastisch**, jedenfalls mußte ich ein ordentliches Zuviel an Wasser irgendwie wieder aus dem Behälter rauskriegen. Da kommt ein Mann zu mir rüber, der das ganze Elend mitbekommen hatte (Frau fischt singend mit 2 Fingern Kühlwasser aus ihrem Auto), drückt mir eine Spritze ohne Aufsatz in die Hand, brummt „damit sollte das besser gehen“ und fährt weg.




Na klar, wer hat sowas nicht immer im Auto? Für wenn mal was mit dem Kühlwasser ist oder man ein Vogelbaby findet?

**zu blind, die Aufschrift „Maximum“ zu sehen


Freitag, 26. April 2019

Ruckelpiste mit Tankstellen

Heute mal ein paar schöne Dinge, und zwar aus Gründen!



Ich hatte mir vorgestellt, Depressionen zu behandeln sei wie eine Talabfahrt zu machen, sich unten abzustoßen und mit Schwung wieder oben anzukommen. Eine schöne, glatte Sinuskurve. Aber nein.

Meine erhoffte glatte Fahrt findet auf einer verdammten Ruckelpiste statt. Ich werde durchgeschüttelt, es geht auf und ab und wieder auf und wieder ab, und ich habe den Überblick verloren.


Sagen wir einfach, es gibt solche und solche Tage, aber wenigstens werden die guten langsam mehr, und das zu wissen und zu spüren gibt mir an den schlechten Tagen genug Vertrauen und Kraft zum durchhalten.
Frau Kopfdoktor sagt, ich sei quasi permanent damit beschäftigt, mich selbst zu beschimpfen oder zu verunglimpfen, selbst, wenn ich etwas Gutes über mich sagen wolle, würde ich es in etwas Herabsetzendes einwickeln, und deshalb solle ich jetzt als Hausaufgabe eine Liste der Dinge anlegen, die ich selbst an mir mögen kann.
Uff.

Ich habe ja noch kaum die letzte größere Hausaufgabe geschafft, nämlich herauszufinden, wo meine Kraftquellen im Alltag sind. Aber ich bin gut dabei, und es sind echt skurrile Dinge herausgekommen.

1. Ich habe ein Puzzlespiel für das iPad. Puzzlen ist tierisch beruhigend. (Es sei denn, das Motiv ist ein kitschiges Bid eines Katzenbabys in einem rosa Blütenrahmen, sorry, aber sowas macht mich leider aggressiv.)

2. Der Garten. Was liebe ich es, im Garten herumzutun. Teilweise ist das, was ich tue, ohne Sinn und Verstand, und teilweise durchaus mit Sinn und Verstand, auch wenn der Schwiegervater ständig vorbeikommt und die Unkräuter ausreißt, über die ich mich so freue, weil man sie essen oder zu Heiltees verarbeiten kann. Der Garten ist so eine enorme Kraftquelle!

Ich habe Unmengen Bellis geschenkt bekommen, die ich sehr liebe,


Bärlauch geerntet, zu Pesto verarbeitet oder eingefroren


und aus dem häßlichen Betonkübel hinten im Garten ein grünes, mit Erdbeeren bepflanztes  Feenstädtchen gemacht.


3. Ich besuche schöne Orte und sehe schöne Dinge.

Die Externsteine:








Den Harz:


4. Ich mache Dinge selbst. Ich habe zum Beispiel zum ersten Mal Gnocchi hergestellt, was geradezu erschreckend einfach war.




Oder einen Osterzopf:



Im Winter habe ich Traumfänger für Freundinnen gebastelt.









All das geht manchmal, und manchmal nicht.
Auch lesen kann ich inzwischen wieder.



Was macht Ihr, um Euch aufzutanken?