Samstag, 11. November 2017

Thank you for your opinion

Ich, beim Arzt, das ist eigentlich immer irgendwie skurril-witzig. Schon allein, weil ich vegan esse. Aber manchmal ist es noch skurriler und witziger.

Seit 2 Monaten habe ich starke Schmerzen in der rechten Hand, vor allem nachts und morgens. Ich kann die Finger nicht gut beugen, nicht einmal eine Wasserflasche aufschrauben, alles blöder Mist. Im Laufe des Tages verflüchtigt sich das weitgehend, aber dennoch wollte ich etwas dagegen unternehmen.

Ich gehe zum Orthopäden, warte 3 Stunden (kein Termin), werde schließlich ins Untersuchungszimmer gerufen und nach 20 Sekunden Erklärung der Symptome mit einer Packung Ibu800 beschenkt. "Äh", sage ich, "und das bekämpft die Ursache?" - "Ich habe keine Ahnung, was die Ursache ist", sagt der Orthopäde entwaffnend ehrlich, "aber vielleicht hilft's ja. Ansonsten gehen Sie halt zum Neurologen."

Ich versuche es mit den Ibus. Die Schmerzen werden stärker. Ich sage 4 Konzerte ab, bei denen ich hätte Klavier spielen sollen, und ärgere mich mächtig. Dann gehe ich zum Neurologen - zum Glück für mich kennt jemand jemanden, der kurzfristig einen Termin für mich macht und eigentlich nur Musiker behandelt.
Er läßt mich in Ruhe erklären, dann dreht und drückt und schiebt er meine Arme in diverse Himmelsrichtungen, dann guckt er sich mein Handgelenk im Ultraschall an und juchzt regelrecht freudig, als er sagt: "Seeehr schöne Hände, wirklich seeeehr schöne Hände haben Sie! Kein Karpaltunnelsyndrom, im Gegenteil, die sehen aus wie gemalt! Und so gute Muskeln vom vielen Üben!"Dann erklärt er, ich sei insgesamt übermäßig schmerzempfindlich und verschreibt mir ein Neuroleptikum, das angeblich nach 10 Tagen wirken soll, indem es die Empfindlichkeit senkt; außerdem sagt er, ich solle mal vom Hausarzt Blut abnehmen und es auf rheumatische Faktoren untersuchen lassen.

Nach drei Wochen gebe ich auf und setze das Zeug wieder ab. Es hat mich dauermüde gemacht, emotional habe ich mich wie ein Wattebausch gefühlt und ich hatte permanent einen enormen Durst. An einem Dienstag in Braunschweig habe ich 3 Liter während der Probe getrunken und hatte immer noch das Gefühl, jemand hätte einen toten Hamster auf meiner Zunge abgelegt. Gut unterrichten und proben ist verdammt schwer, wenn man eine viel zu trockene Zunge kaum benutzen kann. Und die Hand? Unverändert.

Ich gehe zum Hausarzt. Damit das Blutabnehmen nichts kostet, entscheidet die Arzthelferin, mit mir gleich einen Ü-35-Check zu machen. (Ich fühle mich schrecklich dabei, weil es mich in so eine Altersscchublade steckt und weil an meinem inneren Horizont schon drohend die regelmäßige Darmkrebsvorsorge auftaucht.)
Sie komplimentiert mich auf eine Liege, auf der ich es mir halbfrei bequem machen soll, und klebt mir ein paar Saugnäpfe an den Körper. Offenbar gehört ein EKG bei uns alten Leuten standardmäßig dazu - ist ja auch besser, wenn man rechtzeitig gewarnt wird, daß es bald vorbei ist, damit man den Hund noch im Testament bedenken kann und dergleichen.

Ich bitte darum, daß bei den Blutwerten auch nach Vitaminen geschaut wird, da ich als Veganer ja B12 supplementiere. Der Arzt sieht das anders: "Also wenn Ihnen irgendwas nicht fehlen dürfte bei Ihrer Ernährung, dann sind das doch Vitamine!" Klasse, denke ich, mal ein Arzt ohne Vorurteile. "Ich würde eher davon ausgehen, daß Ihnen Eisen fehlt!" fährt er fort und ich revidiere meinen letzten Gedanken.

Als ich zur Auswertung 2 Tage später im Sprechzimmer sitze, sieht er mich ernst an.
"Machen Sie Ausdauersport?" fragt er. Ich zögere nur ganz kurz (Videospiele zählen vermutlich nicht), bevor ich den Kopf schüttle.
"Erstaunlich", meint er. "Sie haben einen total konstanten, starken Ruhepuls von 49. Sowas haben sonst nur Radsportler." Ich zucke mit den Schultern.

Dann sieht er mich noch ernster an.
"Und", frage ich extrafröhlich, "Im Blut alles in Ordnung?"
Er schüttelt den Kopf. "Nein, es ist durchaus nicht alles in Ordnung."

Ich gucke wohl ein bißchen erschrocken...


...jedenfalls setzt er gleich hinterher, es sei auch nichts Schlimmes, ich hätte kein Rheuma, aaaaaber - TADAAAA - er habe Recht gehabt, es sei so wie er befürchtet habe, ich hätte einen Eisenmangel! Ha!

Ich denke "Whaaat?!" Dann druckt er mir die Ergebnisse aus und markiert meinen eklatanten Eisenmangel mit einem orangen Textmarker.

43, steht da. Bei einem Mindestwert von 45.

"Dreiundvierzig, Alter, drei-und-vierzig?!" will ich rufen, aber ich mag meinen Arzt, deshalb nehme ich einfach die Liste entgegen



danke dem Arzt für das Rezept über ein Eisenpräparat und verspreche artig, es zu nehmen,


verlasse die Praxis, steige ins Auto und beginne laut zu lachen.

Bevor ich Veganer wurde, lag mein Eisenwert zwischen 6 und 8. Anders ausgedrückt: Mir geht's fantastisch, alles richtig gemacht.


Und meine Hand? ... Reden wir einfach nicht mehr drüber, vielleicht geht's ja davon weg.

Sonntag, 22. Oktober 2017

... und schreib ein Buch!

Wer hier regelmäßig liest, weiß es ja: Ich pendle nicht mehr nach Brandenburg. Ein Jahr lang haben der Cantus Vitalis und ich versucht, so etwas wie einen Status Quo aufrecht zu erhalten, indem ich alle 2 Wochen die Tour Alfeld-Eberswalde absolviert habe, zuletzt noch mit eingeschobenen Proben des TU-Chores und des Ensemble LaFolie auf dem Hin- bzw. Rückweg, während in den Wochen dazwischen alle vier Stimmen selbständig geprobt haben. Es war für beide Seiten sehr anstrengend, hat allerdings auch wirklich neues Potential in uns allen eröffnet. Dennoch - auf Dauer war das kein Zustand für einen Chor und einen Dirigenten. Ich brauche Zeit, in meinem neuen Zuhause Wurzeln zu schlagen. Und ein guter Chor braucht einen präsenten Chorleiter, der auch mal spontan sein kann und nicht erst 400 Kilometer fahren muß.

Also haben wir uns verabschiedet. Und wie wir uns verabschiedet haben! Wir hatten drei wunderschöne Konzerte an drei aufeinanderfolgenden Tagen; zwei Wochen später noch ein inoffizielles Konzert zum Geburtstag der Mutter eines unserer Chormitglieder und schließlich eine erweiterte Sommerparty-mit-Verabschiedung.






Ich habe so unglaublich viele gute Wünsche mit auf den Weg bekommen, daß ich noch immer, drei Monate später, total gerührt davon bin. Sie haben mir Mendelssohns "Denn er hat seinen Engeln befohlen" gesungen, im Gegenzug haben unser Stimmbildner (der ebenfalls gerade weggezogen ist) und ich dem Chor ein Abschiedsständchen gebracht; ich habe jedem eine Blume und eine Postkarte geschenkt, vom Chor gab es für mich eine Luxus-Kaffeemühle, eine riesige Tasse und ein Poloshirt mit den Unterschriften aller Mitglieder, und darüberhinaus haben viele noch das Bedürfnis gehabt, mir etwas Persönliches von sich mitzugeben - eine Karte, ein Buch (ich finde Hermann Hesse ganz toll und in Paper blanks bin ich auch total verschossen!), eine Orchidee, ein paar Ampelmännchen-Büroklammern... und die mir ins Ohr geflüsterte Aufforderung "...und schreib ein Buch!" von einer bloglesenden Sängerin.
💖
Nun, das würde ich gerne, wenn ich ehrlich bin, aber meine Gedanken dazu sind noch sehr unausgegoren.





Im September waren schließlich an zwei Tagen die Vordirigate der Interessenten und ich konnte allen zusehen. Das war so unglaublich interessant! Eigentlich sollte man öfter mal den Dirigenten wechseln, nur um zu sehen, wie man als Chor dann dieselben Dinge aus einer anderen Richtung angeht und wie viele faszinierende Sichtweisen es auf ein und dasselbe Stück geben kann. 

Ich glaube, mein Chorkind, das nun erwachsen wird und sich abnabelt, hat eine sehr gute Entscheidung über meine Nachfolge getroffen. Und das ist, wenn ich ehrlich bin, das Ausschlaggebende, das ich zu meiner inneren Beruhigung gebraucht habe. Ich denke, es wird in den nächsten Wochen und Monaten holprig, unvorhergesehen, ungewohnt, unbequem, für den Cantus Vitalis ebenso wie für seine neue Dirigentin, und wenn sich alle neu zusammengerüttelt haben, wird es ganz fantastisch werden.

Sonntag, 27. August 2017

Sommer in Brandenburg


Alle zwei Wochen war ich im Laufe der letzten 12 Monate in Brandenburg, zu Konzertzeiten auch öfter und länger. Das wird nun enden. Anfang September werde ich zum letzten Mal zum Cantus Vitalis fahren, weil die Vordirigieren für meine Nachfolge anstehen; danach gibt es keine Termine mehr in Brandenburg, denn auch meine Mitgliedschaft im Ensemble LaFolie habe ich wegen der zum Proben total unpraktikablen Entfernung niedergelegt.

Einerseits ist das sehr traurig und der regelmäßige Kontakt zu diesen vielen wunderbaren Menschen, mit denen ich dort arbeiten und musizieren durfte, wird mir sehr fehlen - das tut er jetzt schon. Andererseits nimmt es enorm viel Druck aus meinem Alltag. Wenn ich jetzt meinen Chor und meine Familie besuchen fahre, dann nicht abgehetzt nachts nach einer Probe in Niedersachsen und nur von einem Tag auf den anderen, sondern mit Ruhe, ein paar Tagen Zeit zum Genießen und vielleicht sogar mit Schatz, der ja jetzt auch nicht mehr in der Meisterschule ist.

Einen kleinen Vorgeschmack auf diese Ruhe hatte ich bereits Ende Juli, als ich wieder im Herrenwieser Vokalensemble singen durfte. Ich übernachtete bei meinen Eltern und nutzte jede freie Stunde, um mit dem Hund durch die wunderschöne Schorfheide zu laufen. Darum hier eine kleine Fotostrecke. (Klicken macht die Bilder groß)

Kuhweiden überall:


Im Gras versteckte Blüten:


Wildhimbeeren!


Schafgarbe:


Und Schafgarbe in Schafgarbe :)


Mohn macht für mich immer den Sommer perfekt - neben Kirschen natürlich.


Die Lichterfelder Störche:




Und natürlich meine Nele, die an heißen Tagen gerne Pfötchen und Bauch in den Oder-Havel-Kanal taucht und entgegen ihrer jahrelangen Erfahrung immer noch Vögel jagt:



Sonntag, 6. August 2017

Mit Stern!

Holgi hat sich einen Nagel eingefahren. Verdammt. Die blinkende Warnlampe, die auf Reifenprobleme hinweist und aussieht wie ein an den Füßen aufgehängter Bart Simpson -

Bart

Warnlampe

- kann natürlich nicht angehen, wenn ich am Mittwoch nur von der Wohnung zum Einkaufen und wieder zurück fahre. Nein, es muß auf der Autobahn sein, wenn man nach Brandenburg fährt, ein Klavier samt Ständer, Notenpult und Kabelzeug sowie eine Tasche mit doppelter Konzertkleidung hinten drin und es ein bißchen eilig hat. 

Eine Überprüfung des Luftdrucks ergibt, daß der Reifen hinten rechts nur halb so viel Luft hatte wie die anderen drei und wie er haben sollte, also rufe ich den ADAC. Der kommt nach einer Stunde, der Kollege ist ausgesprochen nett und fröhlich, sieht aus wie Ser Jorah 


und stellt mir beim Öffnen des Kofferraumes (wir suchten das Reserverad) die bösartigste Frage:
"Ach, Sie spielen Keyboard?"
"Grrrrmmmldasistkeinkeyboardgrrrrrr", knurre ich und hieve das Stage Piano heraus, damit er unter den Kofferraumboden gucken kann. 
"Ich spiele seit ein paar Jahren Saxophon", fährt er unbekümmert fort. ("Ha!", denke ich. "Klar! Das Keyboard unter den Blasinstrumenten.") "Und es macht auch Spaß, aber ich sage Ihnen, das Notenlesen ist die Hölle!" 
Mein Musikerstolz will ihm mitteilen, daß er wahrscheinlich unter diesen Umständen mit einem Keyboard keine Probleme hätte, selbst wenn er blind, taub und einarmig wäre, aber ich will ja schließlich, daß er Holgi verarztet, also stimme ich ihm einfach zu. Er findet einen Nagel im schlaffen Reifen und teilt mir mit, daß er selbst das nicht behandeln kann, aber keine 10 km entfernt in Salzgitter ein Reifenhändler wäre, der topfit sei. Deshalb würde er jetzt auch gar nicht den Reifen wechseln, sondern mich erstmal da hinschicken. 
Er pumpt den Hinterfuß auf weit über die gewünschte Bar-Zahl, damit ich es bis zum Reifenmann schaffe, wir schieben das Keyboard wieder rein und ich tuckere los.

Der Reifenmann sieht sich die Reifen an. Wenn es unkompliziert ist, sagt er, könne man innerhalb von 2 Stunden den Reifen reparieren. Ich warte 5 Minuten, dann werde ich in die Werkstatt gebeten, wo Holgi in der Luft hängt und man mir mitteilt, daß es leider nicht unkompliziert sei. Der Nagel wäre ja nicht das Problem. Aber die ganzen Steine, die nicht nur in diesem Reifen stecken und Löcher bis zum Reifengewebe geschlagen haben, die würden eine Reparatur unmöglich machen. Außerdem seien das noch die Originalreifen aus dem Herstellungsjahr, total abgefahren, und so wie die aussähen, sollte man mal die Achsen neu vermessen.

Och menno, denke ich. 

Holgi wird auf den Boden herabgelassen und ich öffne erneut den Kofferraum, um an das Reserverad zu kommen. "Oh", sagt der Mechaniker, "Sie spielen Klavier?" Meine ganze Sympathie fliegt ihm sofort zu. Er wechselt das Rad, teilt mir mit, daß ich damit maximal 80 km/h fahren dürfe und verabschiedet mich mit Handschlag.

Da ich an diesem Wochenende plus-minus 1000 Kilometer vor mir habe, kommt es unter keinen Umständen in Frage, diese Tour mit 80 km/h zu machen, und ich drehe um und fahre nach Hause. Schatz und ich verladen meine ganzen Konzertsachen in sein Auto, backen eine Trostpizza, ich bitte das Ensemble LaFolie, die Probe am nächsten Tag um 2 Stunden nach hinten zu verschieben, damit ich direkt hinkommen kann, ohne mitten in der Nacht los zu müssen, und gehe früh schlafen.

Am nächsten Morgen greife ich mir den Autoschlüssel meines Freundes, öffne die Garage und setze mich in sein Auto.

Das ist ein Mercedes. 

Also so ein richtiger Mercedes. 

Mit Stern.

Ich seufze, schiebe den Schlüssel, der gar nicht wie ein Schlüssel aussieht, in das Zündschloß, das auch nicht wie ein Zündschloß aussieht, verstelle Sitz und Spiegel und rolle das Auto vom Hof. 

Es ist riesig. Ich brauche bis Lamspringe, um mich an den Stern zu gewöhnen, der wie ein Fadenkreuz dauernd im Sichtfeld steht. In Rhüden entdecke ich ein kleines Rädchen rechts vom Sitz, mit dem man eine Lendenwirbelsäulenstütze in der Rückenlehne herausfahren kann. Das ist fantastisch! 
Auf der A7 spiele ich ein bißchen mit dem Tempomaten herum, aber ich lasse es schnell wieder sein, weil einfach unfassbar viel Verkehr ist. 
Als auf der A2 irgendwann das Schild auftaucht, das mich im Ursprungsland der Reformation willkommen heißt, beginne ich, mir Sorgen zu machen. Ich fahre schließlich nach Brandenburg - mit einem echt dicken Mercedes. Wenn meine Familie den sieht, schreien wahrscheinlich alle "Klassenverräter" und werfen mit faulem Obst, so wie es vermutlich Prinzessin Leia getan hätte, wäre Han Solo auf einmal mit dem Todesstern zur Arbeit gefahren.

Der Stadtverkehr in Berlin meint es ausnahmsweise mal gut mit mir und ich finde sogar einen Parkplatz nur 50 Meter vom Probenraum entfernt. Als wir hinterher Richtung S-Bahn schlendern und ich mich auf Höhe des Todessterns von den anderen verabschiede, sagt die zweite Geige lachend: "Also Anke! Veganerin und Blümchenwiesen-Mentalität, und dann das?"

Am nächsten Tag hole ich die Klarinette von der S-Bahn ab - wir sollen auf einer Hochzeit in Potsdam spielen und der Nahverkehr in Berlin ist derzeit unerträglich, also haben wir uns alle auf Autos verteilt. Sie steigt ein, ich fahre los, das Auto macht "bing, bing".

"Hm", sage ich, "ich glaube, es schimpft, weil Du nicht angeschnallt bist." - "Bin ich doch aber", sagt sie, und das Auto macht wieder "bing, bing", diesmal mit einer gewissen freundlichen Strenge. Ich entdecke eine Anzeige, die mir vorschlägt, die Handbremse zu lösen. Das verdammte Auto hat allerdings überhaupt keine Handbremse. Da, wo eine sein sollte, ist eine Armstütze, auf der die unglaublich männlichen Männer, die solche Autos fahren, ihre unglaublich männlichen rechten Arme ausruhen können, während sie lässig mit zwei Fingern der linken Hand lenken, den Tempomat in Zehnerschritten bis auf 240 hochjuckeln und alle paar Sekunden die Lichthupe betätigen.

Ich suche herum und finde etwas lustiges, an dem man ziehen kann, neben meinem linken Knie. Voilà, die Anzeige erlischt, das Auto ist zufrieden mit mir.
Ich biege um eine Kurve, da bewegen sich plötzlich die Scheibenwischer. "Argh!", rufe ich. "Ich habe nichts berührt! Das Auto macht Dinge einfach von alleine!"

Die Klarinette guckt mich sehr ruhig an. Die Scheibenwischer bewegen sich nicht mehr. "Ehrlich!" sage ich etwas jämmerlich und glaube, im Motorengeräusch ein leises, fieses Kichern zu erkennen.

Auf dem Weg nach Potsdam nieselt es sich ein. Die Scheibenwischer entscheiden selbst, wann sie wischen wollen, und mir ist es Recht, denn der Benz hat mehr Knöpfe und Hebel als ein einfaches Kaninchen wie ich bewältigen kann.

Wir spielen eine wunderschöne Hochzeit und anschließend mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause. Diesmal habe ich mehr Spaß mit dem Tempomaten, denn die Autobahn ist fast leer. Als ich in Rhüden wieder auf die Landstraßen wechsle, fängt das Batmobil auch noch an, selbständig über Fernlicht oder normale Beleuchtung zu entscheiden. Ich teile meinem Freund via Sprachnachricht mit, daß dies eindeutig ein Männerauto sei - man muß sein Gehirn überhaupt nicht mehr selbst benutzen, fühlt sich dabei aber permanent wie der geilste Typ im Land. 

Morgen kriegt Holgi neue Reifen - ich bin erleichtert! Ich mag das einfach nicht, wenn Maschinen für mich denken. Es ist nicht so, daß es nicht auch tierisch Spaß gemacht hätte, mit dem Benz zu fahren, aber mein heimlicher Traum war nie, mal ein richtig schnelles, teures Auto zu fahren. Ich bin ein einfacher Mensch. Ich würde total gerne mal Traktor fahren. 


Freitag, 14. Juli 2017

Engelchen und Teufelchen

Es ist Freitag, der 9. Juni. Da am nächsten Tag der runde Geburtstag von Schwiegervaddern ansteht, haben meine Eltern sich auf den Weg von Brandenburg nach Niedersachsen gemacht, und nun sitzen fröhlich bei Kaffee und Kuchen sämtliche Elternteile sowie Schatz und ich zusammen.

Und es ist Traumkirche in Hildesheim. Einmal im Quartal ist in der Andreaskirche spät abends, von 22 - 23 Uhr, eine musikalisch-künstlerisch-dichterisch-spirituelle Veranstaltung zu irgendeinem Thema. Ich habe das Vergnügen, diesmal zum Thema 'Lieblingsmensch' dabei sein zu können; ganz konkret begleite ich Heidrun Heinke mit Schumannliedern und darf "You are the sunshine of my life" zum Abschluß singen.



Als ich in die Runde frage, ob nicht jemand Lust hätte, mitzukommen, sagt Schatz sofort "Iiiich muß weg" und löst sich in Luft auf, sein Vater macht "och..." und meine Eltern, die meinen Auftritten, wie klein auch immer sie sein mögen, eigentlich kaum je widerstehen können, brauchen tatsächlich 5 Minuten zur Entscheidungsfindung, denn 22 Uhr ist schließlich schon Schlafenszeit.

Am Ende belade ich Holgi mit Mutter, Schwiegermutter und Vater und wir zuckeln los. Die Veranstaltung ist kurzweilig, die Kirche sehr schön, die Pfarrerin, die den Abschlußtext spricht, unglaublich herzlich und witzig - ich fühle mich ein bißchen wie auf einem Poetry Slam - und alles in allem haben wir Spaß.

Kurz vor halb 12 in der Nacht, also quasi mitten in der gewaltsam unterdrückten elterlichen REM-Phase, machen wir uns auf den Rückweg. Mein Vater schlummert auf dem Beifahrersitz vor sich hin, von der Mütterbank hinten jedoch ist keinerlei Entspannung zu erwarten:
"Hier kannst Du schon blinken", diktiert die Schwiegermutter, für die ich ungeachtet der Tatsache, daß ich exakt diese Strecke jeden Montag zur Chorprobe fahre, ein fahrender Neuling im Landkreis bin.
"Uiuiui" macht meine Mutter leise in jeder Kurve und krallt sich an den Türgriff, obwohl ich selbst das Gefühl habe, Holgi liebevoll mit sanfter Hand um die Kurven zu schieben.
"Da müssen wir links!" - "Ooooohjeeee..." - "Und hier mußt Du aufpassen, hier steht ein fester Blitzer."

"Es ist wie mit Engelchen und Teufelchen auf der Schulter", sage ich leise zu Papa, "nur daß kein Engelchen dabei ist." Der Hauch eines Grinsens zeigt sich in seinem stoischen Gesicht.

"Kind!", schallt es von hinten.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Butz!

Freitag Nacht, der TU-Chor Braunschweig und ich haben die Hauptprobe für unser Konzert am 4. Juli hinter uns gebracht, nun fahre ich gen Brandenburg, denn am Samstag soll ich mit dem Ensemble LaFolie auf einem Geburtstag spielen. Holgi (das Auto) und ich haben eine gemeinsame Wohlfühlgeschwindigkeit von 140-160 km/h; nachts eher 140. Es ist kurz vor 22.30 Uhr, wir rollen entspannt über die noch erstaunlich volle A2, hinter uns seit zehn Minuten derselbe Wagen, als es auf einmal BUTZ macht. 
BUTZ, sitzt uns der Hintermann hinten drin. 

In so einem Moment schießen einem die schrägsten Gedanken durch den Kopf. "Brennt nichts, rollen noch alle, mir geht es eigentlich ganz gut - dann kann ich ja einfach weiterfahren" war der schrägste. Nach 5 Sekunden nimmt mein Hirn den Betrieb wieder auf, setzt sämtliche Blinker in Gang und ich fahre rechts ran.

Aussteigen auf der Fahrerseite ist unmöglich, der Verkehr rauscht, als gäbe es in Berlin kostenlose Bananen. Ich klettere über den Schalthebel und ächze mich aus dem Wagen. Ab der Brustwirbelsäule aufwärts schreit mein Rücken um Beachtung. Ich humple zu dem Auto, das mich gerammt hat. Zwei Männer sitzen darin, alles ab der Rückbank ist mit Koffern, Taschen und Blumen gefüllt und das Kennzeichen ist polnisch. Scheiße, denke ich. Scheiße, kein Deutsch, scheiße, keine Versicherung, scheiße, zwei Leute, die sonstwas erzählen könnten, um mir die Verantwortung zuzuschieben - seit mich in Berlin mal ein Diplomat zerlegt hat, bin ich ein extrem gebranntes Kind.

Aber nein: der Beifahrer guckt wie ein verschrecktes Reh, der Fahrer radebrecht, ich solle die Polizei rufen, weil er nix deutsch. Mit Hilfe von viel Gebärdensprache animiere ich ihn, ein Warndreieck hervorzuzaubern. 

Ich rufe die Polizei an, die mich wegen des Verkehrslärms nicht versteht. Der Kollege und ich schreien einander eine Minute sinnlos an, dann lege ich entnervt auf, wackle zu Holgi, setze mich rein und probiere es nochmal. Die Polizistin, die jetzt dran ist, will ganz genau wissen, wo ich bin, und schickt mich ein Kilometerschild suchen. Sie wartet geduldig, während ich hundert Meter den Seitenstreifen entlangstapfe. Auf dem Rückweg fragt sie mich, ob Flüssigkeiten aus den Autos auslaufen. "Keine Ahnung", schreie ich gegen die an mir vorbeirollenden LKWs an, "ich gucke mal drunter, wenn ich wieder da bin." - "Das müßten Sie eigentlich auch riechen können", flötet die freundliche Dame. Ich raste ein bißchen aus. "Hörnse mal", brülle ich in mein Handy, "ich bin hier an der A! Zwei! Und hier ist verdammt! Viel! Los! Hier stinkt es zum Himmel vor Abgasen!"
Da es ohnehin so laut ist, daß ich schreien muß und sie nicht sehen kann, wie ich mir mit der Faust rhythmisch gegen die Stirn trommle, hält sie meinen Kommentar für witzig und lacht perlend. Dann sagt sie, ich solle hinter die Leitplanke gehen - "Gibt es nicht", knurre ich, was sie mit einem unbeschwerten "Ach so, naja, dann halt weiter weg" beantwortet, und fragt mich, ob mein Auto fahrtüchtig sei.

Jetzt mal ganz im Ernst: woher soll ich das wissen? Ich weiß doch nichtmal, wie ein Verbrennungsmotor eigentlich funktioniert. Und so, wie mein Rücken nach Liebe schreit, stellt sich mir eher die Frage, ob ich fahrtüchtig sei.

Dann stehen wir 20 Minuten einträchtig im Gras neben der Autobahn und starren die vorbeirasenden Fahrzeuge an, wie lethargische Rehe, die Brummi-TV gucken. Irgendwann kommen zwei Einsatzwagen, geleiten uns zur nächsten Tankstelle, nehmen unsere Daten auf und der polnische Kraftfahrer tut mir nicht nur den Gefallen, sofort reumütig seinen Sekundenschlaf einzugestehen, sondern hat auch noch eine gültige Zulassung. Das Versicherungsblabla dauert zwar jetzt etwas, aber es läuft.

Mein Rücken meckerte mich bis gestern täglich an, und daß ich doch einen kleinen Schreck bekommen habe, merkte ich an tagelanger Erschöpfung - aber auf der Positivseite sind Holgi scheinbar nur die Parksensoren aus dem Hintern gerutscht und meine Mutter will mich nicht mehr dauernd sehen. 👍🏼
Nicht, daß ich meine Mutter nicht mag - im Gegenteil. Aber dieses Wochenende sind die letzten offiziellen Konzerte, die ich mit dem Cantus Vitalis habe, bevor ich zum September den Chor abgebe, und ein bißchen schwermütig wurde sie da schon, weil ich nicht mehr alle 2 Wochen kommen werde. Aber nun will sie mir die Fahrerei ersparen, was uns beiden den Abschied erleichtert.

Und wenn mich etwas wirklich trösten konnte: das Konzert mit dem Hochschulchor war traumhaft. Aber dazu ein andermal mehr.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Und aus der Tiefe wird das Bier aufsteigen

Heute im Briefkasten: das Schlechteste aus allen Welten. Eine gratis BILD mit beigefügter Einladung zum Zeugen-Jehovas-Kongress. Ich muß an Marc Uwe Kling und das Känguru denken, als ich beides mit spitzen Fingern zum Papiermüll trage, und in meinem dröhnt eine Stimme prophetisch:

DAS BIER WIRD KOMMEN!

Das Konzert am Sonntag hat übrigens großen Spaß gemacht und mir zu einer Lektion über mich selbst sowie einem wunderschönen Blumenstrauß verholfen.