Sonntag, 24. Februar 2019

Die Meinung ändern

Gleich mal als Frage vorneweg: Habt Ihr schon einmal Eure Meinung geändert, so richtig grundlegend? Über etwas, das für Euch jahrelang völlig selbstverständlich war, bis es das irgendwann nicht mehr war?


Ich habe es immer als ultimatives Spießertum betrachtet, wenn jemand einmal in seinem Leben etwas entscheidet, an dem er dann für immer festhält, ohne es je wieder infrage zu stellen.
Es gibt natürlich Dinge, die ändern sich wirklich nicht, egal, wie oft man sie infrage stellt. Rassismus wird zum Beispiel immer dumm und falsch sein, aus welcher Perspektive ich ihn auch immer beleuchte, genau wie Sexismus, Ableismus und diverse weitere -ismen.

Mein Musikgeschmack, sollte man meinen, sei auch ziemlich in Stein gemeißelt. Immerhin bin ich ja Dirigentin. Ich kenne mich aus! Sowas von aus kenne ich mich.

Aber nein.

Ich habe im Laufe der letzten 6 Monate meine Meinung zu zwei grundlegenden Dingen geändert, und eines davon ist tatsächlich etwas Musikalisches: Ich finde Gospel jetzt gut.



Ja, ehrlich. Seit ich längere Zeit immer wieder mal bei Gospel Unity Bockenem am Klavier einspringe, muß ich sagen, so furchtbar ist das alles gar nicht. (Aber bevor Ihr Euch fragt, wie schwerwiegend mein Gehirnschaden wohl ist: Chopin und Liszt finde ich immer noch schrecklich und ertrage Akkordeon, Saxophon und Panflöte nur unter Schmerzen.)

Das zweite Thema, zu dem ich meine Meinung geändert habe, ist Homöopathie. Ich komme, nachdem ich mir die Meinung anderer Leute dazu lange Zeit immer wieder habe durch den Kopf gehen lassen, nicht umhin, zuzugeben, daß Globuli und Schüßlersalze in meinem Körper nie spürbar etwas verbessert haben. Die Logik der "Potenz" (als eigentlich der Entpotenzierung) pflanzlicher Heilmittel in Globuli hat sich mir ohnehin nie erschlossen; ich war nur bereit, Leuten zu glauben, die sowas beruflich machen. Schließlich will ich ja auch, daß Leute mir glauben, wenn ich meine berufliche Meinung zum Besten gebe - wobei mein Musikgeschmack normalerweise niemandes Gesundheit beeinträchtigt.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin davon überzeugt, daß gegen jedes Leid ein Kraut gewachsen ist. Ich bin überzeugt, daß wir uns fast alle Krankheiten anfressen und kluge, pflanzliche Ernährung das A und O der Gesunderhaltung jedes Menschen ist, und ich glaube auch, daß gegen akute kleinere Verletzungen oder Kopfweh usw. tolle pflanzliche Heilmittel existieren. Ich glaube nur nicht an Zuckerkügelchen, die umso wirkungsvoller sein sollen, je weniger von der tollen Pflanze da drin ist.

Und ein weiteres Thema, zu dem ich meine Meinung geändert habe, ist, daß ich schon sehr viel für das Klima tue, weil ich ja Veganerin bin. Aber nein. Ich tue das absolute Minimum. Ich kann mehr tun und habe deshalb entschieden, nie wieder aus privaten Gründen zu fliegen.

Ich bin viel mit Chören und privat gereist, nach Großbritannien, Irland und New York, und ich bin zu Studienzeiten mit Air Berlin zu meinen Eltern geflogen, weil es nur ein Drittel so teuer war wie der Zug, dafür aber 8x schneller. Jetzt hinterfrage ich das. Daß etwas preiswert zu haben und bequem ist, bedeutet ja nicht, daß es für die Allgemeinheit gut ist. Es ist meistens nur für die Leute gut, die ihr Geld damit verdienen.

In Anbetracht der Tatsache, daß mein bester Freund, dessen Trauzeugin ich im November sein sollte, in Nordschweden heiratet und mein Mann und ich unmöglich lange genug frei bekommen, um tagelang Zug oder Auto zu fahren, war die Verlockung groß, dieses "ich fliege nicht privat" mit ein paar Ausnahmen zu versehen. Aber wo ist dann die Grenze? Ab wann ist die Rettung unseres Heimatplaneten zweitrangig?

Ich muß sagen, es fällt mir sehr schwer. Ich wäre wahnsinnig, wahnsinnig gerne auf dieser Hochzeit. Ich würde unglaublich gerne irgendwann in meinem Leben Kanada, Neuseeland und Island besuchen. Aber das werde ich nicht tun. Weil ich möchte, daß Kanada, Neuseeland, Nordschweden und Island auch weiterhin wunderschön und grün sind, und weil ich das am besten gewährleisten kann, wenn ich nicht dorthin fliege.


Danke, Denny. <3

Hier noch ein bißchen aktueller Gretacontent für Euch.


Samstag, 9. Februar 2019

Oh child

Neulich auf dem Rückweg vom Kopfdoktor fuhr ich 70 km/h auf einer einsamen Landstraße, und vor mir landete plötzlich ein Graureiher. Mitten auf der Straße, auf der Gegenspur. Ich bremste und hielt an, weil ich dachte, falls er zu Fuß weitergeht, will ich ihn nicht umfahren, und weil ich einen Graureiher noch nie so nah gesehen hatte. Ich rollte bis neben ihn.
Er guckte durch mein Seitenfenster. Ich guckte zurück. Sekundenlang sahen wir uns einfach nur an. Dann drehte er sich in meine Fahrtrichtung, nahm etwas Anlauf und flog los. Ich fuhr an und folgte ihm, Kurve um Kurve, bis er nach einer Weile schließlich links in eine Wiese abbog.

Die alten Ägypter hielten den Graureiher für den Phönix aus der Legende. Geduld, will er sagen. Geduld. Das Leben ist lang und beinhaltet etliche Wiedergeburten aus Deiner eigenen Asche. Sei ruhig, warte ab. Alles wird, wie es werden soll.

Eine Woche später, einen Kopfdoktortermin später, schalte ich kurz vor derselben Stelle auf der Landstraße das Radio ein und Robin Schulz singt aus vollem Halse:
Oh my father before he left
Oh there's one thing I wished he said
Oh child, just do what you love, 'cause you won't get this life again

Oh, bevor mein Vater gegangen ist
Oh ich wünschte, da hätte er eine Sache gesagt
Oh Kind, tu einfach, was Du liebst, denn Du wirst dieses Leben nicht wiederbekommen

Es gibt Tage, da ist alles fast normal. Und dann gibt es Tage, da stehe ich morgens minutenlang im Bad, starre mein Spiegelbild an und sage mir "Du schaffst das! Du kriegst das hin! Einen Schritt nach dem anderen! Erst die Hand ausstrecken. Dann die Zahnbürste nehmen. Dann die Zahnpasta drauf. Okay okay, eine kleine Pause. Tief durchatmen. Nochmal. Und jetzt Zähne putzen."
Ich bin so sehr am Ende meiner Kraft, meiner Gesamtkraft, meiner Lebenskraft, daß seit zwei Monaten das Hauptanliegen von Frau Kopfdoktor ist, mit mir herauszufinden, wo ich nachtanken kann.

Heute lese ich einen Artikel über Arbeitsmoral. Über die vielen Millionen Menschen, die Arbeit und Leben gleichsetzen. Die Karriere und Glück gleichsetzen, obwohl sie ihre Arbeit gar nicht lieben und letztlich niemals glücklich werden. Die beruflichen Erfolg und ihren Wert als Menschen synonym sehen.
Ich muß an meine Mutter denken, die angesichts meiner derzeitigen Probleme überfragt und verzweifelt ist und nicht weiß, was sie tun kann, damit es mir besser geht.
In ihrer Hilflosigkeit rät sie mir zu allem, was sie selbst ihr Leben lang gehaßt hat: jeden Tag früh aufstehen und funktionieren, funktionieren, funktionieren. Dann habe man wenigstens Struktur, auch wenn man alles scheiße findet.
Ich könne ja auch beruflich umsatteln und etwas anderes tun, was mir sehr am Herzen liegt. Hundetrainerin werden zum Beispiel. Vielleicht würde mich das glücklich machen. Ich muß ihr zustimmen, es würde mich vielleicht glücklich machen. Ich liebe Tiere, besonders Hunde; ich wäre auch gern Tierärztin oder Bibliothekarin oder Übersetzerin... das ist aber alles gar nicht der Punkt.
Ohne bestreiten zu wollen, daß der Aufbau einer Tagesstruktur Menschen mit Depressionen helfen kann... das trifft auf mich nicht zu. Was mir gerade hilft, ist weniger Struktur. Ich liebe meinen Beruf und bin ziemlich gut darin. Mein Beruf ist auch nicht der Grund dafür, daß es mir gerade dreckig geht. Ich möchte ihn nicht wechseln, ich möchte nur im Moment kürzer treten, weil mir die Kraft für alles fehlt, manchmal sogar zum Zähneputzen.

Mann, bin ich froh, daß der Frühling schon zu riechen ist.