Donnerstag, 14. November 2019

27!

„Tschuldigen Sie?“ ruft mir die Frau zu, an der ich gerade vorbeigehen möchte. Und noch einmal: „Tschuldigung?“ Ich bleibe kurz stehen, wappne mich innerlich gegen jeden Mist, den ich in solchen Situationen früher erlebt habe, und drehe mich um. Ich will das eigentlich nicht, aber vielleicht ist sie ja jemand, der wirklich Hilfe braucht.

Ich bin gerade unterwegs nach Hause, mit einem schweren Einkauf im Rucksack, auf einem Bürgersteig, der kaum ausreicht, ihrem Rollstuhl Platz zu bieten. Deshalb war ich schon ein wenig nach links gegangen, damit sie auf der nicht-Verkehrsseite bleiben kann, doch sie ist mir einfach in den Weg gefahren.

„Können Sie mich mal zum Kaufland schieben?“ fragt sie und guckt mich bittend an. Ich sehe meinen Weg zurück zum Kaufland, das vielleicht 100 Meter hinter mir liegt. Die paar Minuten halten es die Hunde auch noch aus, entscheide ich, und sage „na klar“.

Ich habe noch nie einen Rollstuhl geschoben. Ich hätte das auch nie ungefragt getan - ein Rollstuhl erscheint mir für seine Benutzer der Beinersatz zu sein, und ich fasse niemandem einfach an die Beine. Aber da sie nun bittet, trete ich also hinter sie und schiebe los.

Also... ich versuche zu schieben.

Meine Fresse, wie schwer kann das sein?, denke ich, atme aus, und schiebe nochmal mit Schwung - und wir kommen ins Rollen. Hurra!

„150 Kilo“, sagt die wirklich ausgesprochen dicke Frau, fast ein wenig stolz, und setzt nach: „mit Rollstuhl“.
„Wow“, keuche ich beeindruckt, und sie grinst und nickt.

Und jetzt, da wir unterwegs sind, verstehe ich auch, warum sie es die letzten 100 Meter nicht mehr geschafft hat.

Der Gehweg ist nicht nur schmal (ich bin selbst hier schon von Autospiegeln schmerzhaft gestreift worden, nur weil 2 Personen nebeneinander waren), sondern auch sehr unregelmäßig. Beim Gehen fällt mir das gar nicht auf, aber nun, wo ich einen extrem schweren und unhandlichen Rollstuhl hier entlang bewegen soll, merke ich jede kleine Schräge, jede große Absenkung, jeden hochstehenden Pflasterstein.
Wahrscheinlich heißt es deshalb Gehweg, denke ich. Wer nicht gehen kann, hat einfach verkackt.

„Sie machen das super“, sagt die Frau.
„Hng“, grunze ich dankbar.
„Na Sie sind ja auch noch jung“, plaudert sie munter weiter. „Hier bitte rückwärts hoch, sonst falle ich aus dem Rollstuhl. Wie alt sind Sie?“
„Wie wende ich denn?“ frage ich leicht verzweifelt, mitten auf der einzigen Straße stehend, die wir überqueren müssen, vor dem Bordstein, den wir jetzt hinaufwollen.
„Na einfach drehen! Wie alt? Siebenundzwanzig?“
Ich versuche, 150-Kilo-mit-Rollstuhl ‚einfach‘ zu drehen und auf den nächsten Gehsteig zu ziehen, ohne daß sie mir vorne rausfällt, und lache leicht verschwitzt.
„Achtunddreißig“, schnaufe ich, „aber ich kann Rollstühle schieben wie eine Siebenundzwanzigjährige!“

Sie kichert, wir sind wieder auf Kurs und am Kaufland angekommen sagt sie: „Parken Sie mich einfach hier am Aschenbecher, ich bin hier verabredet. Vielen Dank!“

Sehr gerne.




Samstag, 19. Oktober 2019

Jetzt nochmal langsam

Mein letzter Blogpost hat bei einigen von Euch hohe Wellen geschlagen, weshalb ich heute nochmal darauf eingehen möchte.
Mehrere Menschen haben sich von mir persönlich angegriffen gefühlt. Ich habe das anfangs überhaupt nicht verstanden, denn das lag nicht nur nicht in meiner Absicht, sondern es ging in dem Beitrag auch um keinen dieser Menschen. Im Gegenteil - eine von Euch hat mich direkt im Anschluss an besagten Gottesdienst gleich 2x gefragt, ob das nicht toll sei, und ich habe beide Male geantwortet, das sei nichts für mich, der Gottesdienst habe mir überhaupt nicht gefallen, ich habe aber den größten Respekt vor der Arbeit, die sie persönlich da reinsteckt. Ich meine es immer ernst, wenn ich sowas sage - ich kann Euch und Eure Arbeit respektieren, auch wenn ich das Drumherum nicht mag. Ich kann ja auch selbst gut Gottesdienste gestalten, auch wenn mir der Pfarrer nicht gefällt oder Konzerte gut machen, auch wenn in der 3. Reihe einer schläft.

Ich habe also dann mal alles ein bißchen sacken lassen, mit mir vertrauten Menschen darüber gesprochen und mehrere wichtige Dinge zu hören bekommen. Eines davon war, daß Dinge, die ich sage oder schreibe, die ich tue oder nicht tue, eine weit persönlichere Resonanz haben, als mir klar ist, weil ich den Beruf habe, den ich habe. Für mich ist Dirigieren (Zusammen-)Arbeit, aber von außen, und damit auch auch Chorsängerperspektive, sieht es offenbar aus wie Autorität. Wenn ich eine Meinung äußere, hat sie also scheinbar ein größeres Gewicht, als wenn das ein Chorkollege tut.

Dazu kommt, daß ich mich über den meiner Meinung nach rassistischen Teil des Gottesdienstes dermaßen aufgeregt habe, daß der gesamte Beitrag einen ziemlich spitzen Tonfall bekommen hat - und das war wahrscheinlich auch das, was Euch gekränkt hat. Das tut mir wirklich Leid. Ich kann nur noch einmal sagen: Ich habe nie die Absicht gehabt, Eure ehrenamtliche Arbeit in Frage zu stellen. Ich stelle nicht einmal Gottesdienste in Frage - sie sind nur nichts für mich. Ich mag sie nicht. Diesen Schuh muß (und sollte) sich aber bitte niemand anziehen, das ist meiner. Für jeden, der sich von Gottesdiensten aufgebaut fühlt, tun sie ein gutes Werk.



Sonntag, 29. September 2019

Gottesdienst mit Nachgeschmack

Ich mochte Gottesdienste noch nie. Obwohl ich mich selbst entschieden habe, mich taufen und konfirmieren zu lassen, obwohl ich weiß, daß es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir anfassen können, obwohl die Berufsberatung mir „Pfarrer“ vorgeschlagen hat und obwohl ich Dinge erlebt habe und daher glaube, die ich anderen Menschen nicht erklären könnte... ich mag keine Gottesdienste. Mag ich einfach nicht. Bah.

Es fängt schon mit der Hirten-Schäflein-Analogie an, und der daraus folgenden ganzen Hierarchie, die einzelnen Gemeindemitgliedern ihre spirituellen Kompetenzen abspricht. Es braucht einen Pfarrer! Einen Mann an der Spitze! Und die Pfarrer brauchen auch einen Mann an ihrer Spitze! Und die Bischöfe brauchen auch... boah.
Es geht weiter mit den Texten der Gesangbuchlieder, die nur noch untertroffen werden vom neuen christlichen Lied - ich sag nur „Danke“.
Es nervt mich total, wenn im Vater Unser und im Glaubensbekenntnis alle ihre Köpfe senken und demütig in ihren Alte-Damen-Bart murmeln. Ich habe immer nach oben aus den Kirchenfenstern gesehen, wenn gemeinsames Beten angesagt war, denn wenn Gott* schon im Himmel* wohnt, kann man ihn doch wenigstens angucken, wenn man mit ihm spricht. Manchmal wollte ich rufen „Frei heraus, Leute, oder hat ER Euch nicht mit geradem Rücken geschaffen“, aber ich war natürlich ein braves Mädchen und außerdem hat mein Vater die Orgel gespielt.
Und die Krone setzt allem dieses permanente Schuldgefühl auf, das durch Kirchen und Gemeindesäle wabert wie ein stinkender Nebel. In evangelischen Gemeinden ist es als Demut verpackt, die Katholiken sind da direkter: da wird in Messen einfach die imaginäre Geißel genommen und sich selbst über die Schulter geschlagen, während man „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“ aufsagt. 
Ich hasse das. 
Mich hat Gott* mit einem Hirn erschaffen, das selbst denken möchte, mit einem Mund, der reden und diskutieren will, und mit einem Geist, der sich IHR* selbst annähern will statt herumzuschafen. Ich glaube, daß das im Grunde auf alle Menschen zutrifft. Und ich glaube, Unsinn zu denken, Unsinn zu reden und in der Annäherung an Gott* zu versagen sind große Privilegien des menschlichen Lebens, die ich mir wirklich nicht nehmen lassen und durch „als Christ hast Du das so zu sehen“ ersetzen lassen möchte. Statt Gottesdiensten hätte ich irrsinnig gern Diskussionsrunden über Glaubensdinge, Streitgespräche über Bibelstellen und vielleicht offene Meditationsrunden. (Mit „offen“ meine ich, daß das Wort „Gott“ im Sinne von „Vater“ darin nicht vorkommt.) Ich will keinen durch Bravheit erarbeiteten Fensterplatz im Himmel. Ich will einen Fensterplatz auf der Erde.

Nun kam es kürzlich dazu, daß ich nach langem mal wieder einen Gottesdienst gespielt habe. Früher habe ich das regelmäßig getan, Organisten sind ja ebenso rar wie Pfarrer, da kommen Leute wie ich gerade Recht, die Tasten drücken können, aber nicht angestellt werden müssen. Besagter Gottesdienst hatte ein Musikteam, in dem Freunde von mir tätig sind, weshalb ich das gerne gemacht habe. Aber Himmel, Arsch und 
Zwirn, was für ein Gottesdienst!
Ich will mich gar nicht weiter darüber aufregen, daß ich für 40€ brutto am Ende 3,5 Stunden beschäftigt war, weil niemand es für nötig hielt, mir, dem Neuling, zu erklären, wie das da abläuft. 
Auch daß der Pfarrer unmittelbar vor Beginn erst ankam und mir sagte, ich solle dann später, wenn Blumen niedergelegt würden, „irgendwas dudeln“, geschenkt.
Aber dann kam ein Schauspiel. Ein sehr kurzes Schauspiel, dessen Vorbereitung (es wurde „Dschungel“-Grünzeug in der Gemeinde verteilt) beinahe länger dauerte als das Anspiel selbst. Jemand las einen Tagebucheintrag eines Missionars vor, der durch andere Leute parallel dargestellt wurde. Und hier ging mir wirklich die Hutschnur.
Handlung: Missionar (manisch grinsende Frau ganz in weiß) läuft durch Urwald, biegt um eine Kurve und steht einem bewaffneten schwarzen Mann gegenüber. Beide erschrecken, der Missionar streckt die Hand aus und alles wird gut. Ich meine wirklich alles. Für immer. So unglaublich viel Dankbarkeit auf Seite der Afrikaner. 
Der schwarze Jäger war dargestellt durch eine Person, die sich einen schwarzen Ganzkörper-Lycraanzug angezogen und einige Teppichteile und Fransen darübergehängt sowie eine „wilde“ Perücke aufgesetzt hatte. Das Gesicht war natürlich dunkel bemalt, die Haltung gekrümmt und der Ausdruck, nun, schafig. Ich sage Euch, Freunde, als ich das gesehen habe, wollte ich schon die erste Bombe werfen.

Gut, diese ganze rassistische Katastrophe ging vorüber. Jemand predigte schlecht, aber versuchte immerhin einen schüchternen Einwand („eigentlich wollen wir ja niemanden missionieren“), der völlig unterging. Ein Chor sang Lieder, die nichts mit irgendwas zu tun hatten. Der Dudelpfarrer trat wieder auf den Plan und hielt einige Pfeile hoch. Seine Eltern, verkündete er, seien höchstselbst Missionare gewesen. Diese Pfeile hätten sie geschenkt bekommen von den Ureinwohnern, als diese begriffen hatten, daß nun eine neue Zeit angebrochen sei. Eine Zeit des Friedens und es Miteinanders. Eine Zeit, in der Waffen nicht mehr benötigt würden, denn der weiße Mann habe ihnen die Lehre Gottes gebracht.

Er legte eine Leinwand voll angebundener Pfeile vorne hin und lud die Gemeinde ein, Blumen darauf niederzulegen als Zeichen dafür, daß der Frieden über den Krieg siegt. Das war mein Dudeleinsatz. Ich habe überlegt, zu gehen. Ich habe ernsthaft überlegt, einfach aufzustehen, „kolonialistischer Scheißverein“ zu rufen und diese Kirche zu verlassen. Aber am Ende hätte vermutlich nur meine Freundin aus dem Musikteam die Schwierigkeiten dafür bekommen, also improvisierte ich über „Lobet den Herren“ und wurde später darauf angesprochen, warum ich so hasserfüllt geguckt hätte.

Nun, warum wohl? 
Hat sich denn niemand diese „Zeit des Friedens“, die wir Afrika gebracht haben sollen, mal näher angeguckt?
Ist echt noch niemand auf die Idee gekommen, daß Gott* auch die Nichtchristen erschaffen hat? Daß in Afrika bereits ein irre reichhaltiges religiöses Leben existierte, schon immer? Mit so fantastischen Sagen und Mythen, die die Welt auf eine so wundervolle, poetische Weise bescheiben? Nein. Sie sind nicht wie wir, also müssen wir sie reparieren. Mit dieser Haltung zog Columbus los, die Tempelritter, die Wessis nach der Wende, das ist genau diese urpatriarchale, urkapitalistische Haltung, die unsere Welt in ihrer großartigen, fragilen Vielfalt zerstört. Dieses Nicht-Sein-Lassen-Können. 

Ich hasse Gott*esdienste.

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*Gott: Wenn die Kirche „Gott“ sagt, meint sie im Allgemeinen ein Anführer-Individuum. Ich habe da eine grundsätzlich andere Meinung zu.
*Himmel: Wenn die Kirche „Himmel“ sagt, meint sie im Allgemeinen einen Ort, an den Seelen nach unserem körperlichen Tod gehen. Ich habe auch dazu eine grundsätzlich andere Meinung.
Bei Interesse schreibe ich gerne mal ausführlicher über meine andere Meinung, aber hier nicht mehr, sonst wird der Blogbeitrag wieder zu lang. :)

Sonntag, 1. September 2019

nützlich sein

Ich habe mich gerade tierisch aufgeregt. Ich habe mich so sehr aufgeregt, daß ich Konter gegeben habe und dabei sogar persönlich geworden bin, was mir eigentlich schon seit Jahren nicht mehr passiert. Ich möchte jetzt also mal über Nützlichkeit schreiben. Damit ich mich abrege, erzähle ich Euch zuerst, worüber ich mich so tierisch aufgeregt habe, danach etwas über eine schöne Nützlichkeit.

Boah. Erstmal ein Hundebild zur Beruhigung.


Okay, schon besser. Puh.

Also (Einleitung): Ich bin seit einem Jahr Mitglied in einem Golfclub, den ich sehr toll finde. Jeder Mensch, den ich bisher dort kennengelernt habe, war unglaublich nett und bodenständig, die Landschaft ist ein Traum, der Trainer sympathisch, alles super. Zu meinem Beitrittsvertrag gehörte, daß ich in einer Trainingsgruppe 4 kostenlose Stunden in Anspruch nehmen kann. Für diese Trainingsgruppe existiert eine Whatsappgruppe, in der ich wie ein Stück angeschwemmtes Treibholz herumtreibe, denn ich gehe aus verschiedenen Gründen nie ins Gruppentraining. Die Whatsappgruppe existiert aus dem einzigen Grund, daß der Trainer weiß, ob jemand zum Training erscheint - man meldet sich dort an.

Heute schrieb eine Frau einen Text in diese Gruppe, über den ich völlig eskaliert bin. Er beginnt mit folgenden Worten (ich lasse alle Schreibfehler wie im Original):

Hallo ihr klugen Klima-Kinder:

ihr sagt, wir streiken!? Hallo?!? Streiken kann nur wer arbeitet. Wer *gebraucht wird und etwas für andere leistet*. Ihr werdet nicht benötigt an euren Schulen. Im Gegenteil, ihr braucht die Schule. Und ihr leistet auch nichts für andere. Im Gegenteil, ihr geht gratis zur Schule wo ihr nur profitiert. (...) Leistet ihr irgendeinen Beitrag an die Gesellschaft? Nein, ihr leistet für niemanden etwas, außer für euch selber.

Der Mann, von dem der Text angeblich stammt, Sigi Hordos aus der Schweiz, läßt sich nun lang und breit darüber aus, daß es die angeblich bösen Reichen sind, die die meisten Steuern zahlen, und da Kinder keine Steuern zahlen, würden sie nichts leisten für die Gesellschaft.

Wenn man euch beim Demonstrieren und Herumschreien zusieht, könnte man meinen, ihr müsstet frieren, oder aus verseuchten Gewässern trinken. (...) Für euch gibt es die schönsten und teuersten Spielplätze die es je gab, in jeder Neubausiedlung heute amtlich vorgeschrieben, es gibt mehr Velowege, Wohnstraßen und Tempo-30-Zonen als je zuvor. (...) und wenn ihr die Matura mit 3,9 versaut, engagieren eure Eltern Anwälte, die euren faulen Arsch retten sollen.

Er echauffiert sich unendlich lange, was Kinder alles haben und bekommen - Freizeitparks, Disneyland, Fernsehsender in Massen. Er sagt, es bräuchte mehrere Atomkraftwerke, um die Server von Computerspielen zu betreiben. Es geht weiter und weiter - er zählt Dinge auf, mit denen Erwachsene Geld machen, behauptet, die seien alle für die Kinder erschaffen worden, die keine Ahnung von Wirtschaft und Wissenschaft hätten und die undankbarste, verwöhnteste Generation ever seien.
Er gratuliert den Kindern dazu, erkannt zu haben, daß die Generation ihrer Eltern erpressbar sei, und versteigt sich dazu, Greta Thunberg als angebetete neue Muttergottes zu bezeichnen und meine Fresse diesen ganzen Schwachsinn will ich in meinem schönen Blog eigentlich gar nicht zu stehen haben, aber er endet damit, daß "vielleicht das eine oder andere Gehirn mal wieder aktiviert" werde, und da bin ich dann wirklich ESKALIERT.




Ich habe rundheraus erklärt, dieser Text sei nur die verzweifelte Stammtischpolemik derer, die sich in ihrer Bequemlichkeit nicht stören lassen wollen, und habe Links von der NASA und dem Science Mag beigefügt, falls sie mal was mit Inhalt lesen wolle, wenn sie mit dem Beschimpfen von Kindern fertig sei, und ich KÖNNTE JETZT SCHON WIEDER AUSRASTEN HERRGOTT.

Aber ehrlich mal, wir leben in Niedersachsen!

In Niedersachsen!

Das ist das Bundesland mit der Wasserknappheit. Ist das echt noch niemandem aufgefallen?

Wasser knapp (Abends kein Wasser mehr in Vechta)

Mehr Wasser knapp (Rasensprengverbot, bei Nichtbefolgung droht das Abstellen des Haushaltswasserhahns!)

Wasser wird in Zukunft immer knapper




Wasser war schon letztes Jahr knapp

Und da verbreiten Leute Texte von einem Schweizer, der keine Ahnung von deutscher Kinderarmut hat (und auch nicht haben will), der den Klimazusammenbruch einfach ignoriert wie ein Kind, das sich beim Versteckspielen die Augen zuhält, um nicht gesehen zu werden, nur damit sie ihr verdammtes Schnitzel zum Preis von 16.000 L Wasser schön weiter auf den Grill werfen können.

Ach, ich hör jetzt auf.

Ich habe die Gruppe übrigens verlassen - ich gehe davon aus, daß der Trainer außergolflichen Diskussionen ohnehin einen Riegel vorschiebt, aber ich habe schon früher wohlmeinende AfD-Wähler gekannt, die mich um jeden Preis missionieren wollten, weil ich ja so blind und zu gutherzig für die Welt und so weiter bin, und ich habe einfach keine Lust mehr, meine Lebenszeit mit solchen Menschen zu verschwenden.




Jetzt etwas Schöneres. Nein, es ist nicht nur schöner als dieser selbstgerechte Dreck - jedes Thema wäre schöner außer wahrscheinlich Massentierhaltung -, es IST einfach schön, rundum schön.

Seit bestimmt 10, 12 Jahren denke ich über politisches Handeln nach. Immer wieder habe ich mich dagegen entschieden, einer Partei beizutreten, weil ich Schwierigkeiten damit habe, mich mit meiner Meinung zurückzuhalten um eines Fraktionskonsens' willen, und ich bin davor zurückgeschreckt, mich aktiv irgendwo einzubringen, weil ich absolut keine Lust auf Männergeklüngel hatte. (Ich sage es, wie es ist, jeder Mann darf sich gerne zu Unrecht angegriffen fühlen, ich bin heute on fire.) Von sich durchsetzenden und jede weibliche Idee einfach plattwalzenden Männergruppen hatte ich schon beruflich mehr als genug, ich wollte nicht noch mehr davon.

Nun hat sich mein Leben aber geändert. Ich habe mich verändert.
Ich fühle mich, als hätte ich 20 Jahre mit schweren Gewichten an der Seele zu schwimmen versucht und es immer nur geradeso mal geschafft, rechtzeitig zum Luftschnappen aufzutauchen, und jetzt hilft mir jemand, die Gewichte abzuschneiden, eines nach dem anderen, und ich kann schon durchgängig an der Oberfläche schwimmen - noch nicht völlig unbe*schwer*t, aber es fühlt sich nicht mehr alles an wie ein reiner Kampf ums Überleben.

Ich habe Menschen, sogar Männer, getroffen, die mich rückhaltlos unterstützen, sogar ohne, daß ich je um Hilfe gebeten hätte (darin bin ich nämlich richtig schlecht). Einfach so! Ich habe an der Uni einen richtig tollen Chef. Ich kann in Worten gar nicht beschreiben, was für einen umwerfend tollen Mann ich geheiratet habe. Ich habe sehr wertvolle Freundschaften und über all dem ist mir, trotz des größeren Abstands, meine Familie nicht verloren gegangen, sondern im Gegenteil, seit ich Krebs hatte, scheinen auch wir noch etwas mehr zusammengewachsen zu sein. Ich bin kein Einzelkämpfer mehr.

Gleichzeitig ist es so, daß ich in einem Städtchen wohne, in dem viel gemeckert wird, obwohl vieles auch einfach sehr schön ist. Ich würde diesen Meckerern immer gerne sagen: Zieht mal nach Brandenburg. Wohn mal ein Jahr in Bad Freienwalde. Oder in Eberswalde in einer dieser Plattenbausiedlungen. Versucht mal, dort irgendein soziales, sportliches oder kreatives Projekt anzustoßen gegen diese grundlegende Hoffnungslosigkeit, dieses "ach das wird ja sowieso nichts", das dort herrscht. Und dann meckert nochmal über das Freibad in Alfeld.

Und so kam es, daß ich Ende Mai bei Google eingegeben habe "wie macht man Politik als Quereinsteiger". Und was fand ich? Eine Initiative des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung mit dem schönen Namen


und der Bewerbungsschluß lag eine Woche zurück!

Also griff ich zum Telefon. Und durfte mich noch bewerben, die Aussichten seien zwar schlecht, aber aus den ländlichen Regionen, speziell Alfeld, läge kaum etwas vor, vielleicht hätte ich ja eine Chance.

Ich bewarb mich. Am 30. August sollte die Auftaktveranstaltung sein und ich verbrachte den gesamten Juni und Juli damit, alle 2 Wochen eine Gleichstellungsbeauftragte in Hannover anzurufen und zu fragen, wie es denn aussähe. Mitte August schaffte ich es auf die Warteliste - von über 1000 Bewerberinnen waren gut 440 ausgewählt worden. Eine Woche später rief mich eine Mitarbeiterin noch einmal an, die nicht genau wußte, wo ich nun stünde, und ich sagte "Warteliste, aber hoffnungsvoll", woraufhin sie noch einmal genau prüfte, welchen Parteien ich mich zugehörig fühlte (das sollte man auf dem Bewerbungsbogen eintragen), und dann rief sie "Moment mal! Grüne? Da ist doch gerade jemand abgesprungen!" und ZACK! hatte ich meinen Platz.

Danke, Universum.

Noch dazu ist der Mentor von den Grünen, an dessen Flanke ich jetzt ein Jahr kleben darf, ein sehr netter Mensch und hat mich bereits vor der offiziellen Auftaktveranstaltung gefragt, ob ich Lust hätte, auf eine Fraktionssitzung im Kreistag mitzukommen, um mir das mal anzugucken. Ich hatte!

Und gestern nun war diese Auftaktveranstaltung in Hannover. Es war einfach fantastisch. Ich habe dort 5 Stunden verbracht und jede Minute genossen. Es gab 2 kurze, prägnante Reden und einen sehr schönen Vortrag, hinterher war Netzwerken angesagt. Ich habe die Mentor*innen und Mentees aus meinem Landkreis kennengelernt und ein Mitglied der Grünenfraktion, auf deren Fraktionssitzung ich 3 Tage zuvor reingeschnupert hatte, hat mich (weil seine eigene Mentee erst nicht auffindbar war) umfangreich zugetextet mit Dingen, die ich irrsinnig interessant fand.

Ich muß vielleicht kurz erklären: Ich hasse Massenveranstaltungen. Ich mag einfach Menschen nicht. So dachte ich bisher. Der Saal war mit über 500 Personen gefüllt, etliche mußten stehen, weil keine Stühle mehr waren, und ich mittendrin. Aber dennoch habe ich mich total wohlgefühlt.

Und erst, als ich am nächsten Morgen mit einem Freund getextet habe, der schon lange politisch aktiv ist, ist mir klar geworden, was anders war: Der Saal war voller Frauen. Ich meine so richtig. Da waren nicht einmal 20% Männer, würde ich schätzen, halt einfach die nichtweiblichen Mentoren.

Und das hat etwas mit mir gemacht, das ich am Freitag während der Veranstaltung nur fühlen, aber nicht benennen konnte. Das Wort ist mir erst Samstag im Gespräch mit diesem Freund eingefallen: Ich habe mich sicher gefühlt. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Großveranstaltung nicht bedroht gefühlt, weil es einfach fast keine Männer im Saal gab.

Das ist irgendwie das gleichzeitig Traurigste und Schönste an diesem Tag gewesen.

Ich habe eine sehr nette Alfelder Grüne und ihre Mentee kennengelernt und mit zurück nach Hause genommen, und auch das war in mehreren Hinsichten sehr erhellend - unter anderem bot die Mentorin an, mich überallhin mitzuschleppen, wo ich hinwolle, obwohl sie nicht meine Mentorin ist, weil sie sagt "ob ich nun 1 oder 2 Frauen mitbringe, ist doch egal, Hauptsache, Ihr kriegt alles an Inforrmationen, das Ihr brauchen könnt". Und das ist die Haltung, die ich liebe, und die im genauen Gegensatz zu der männlichen Abwehrhaltung steht, die ich von früher kenne.

Übrigens ist das kein grünes Programm - Vertreter aller Parteien dürfen natürlich Mentor*innen werden. Aber von den 10 Mentor*innen im Landkreis Hildesheim sind 6 Grüne und 4 SPD. Offenbar scheinen CDU, FDP und AfD nicht so sehr an der Erhöhung des Frauenanteils in der Politik interessiert zu sein. :)


Mittwoch, 21. August 2019

Indianersommer

Die Zeit, in der die Laternenblumen schon blühen, die Erntezeit zwischen Hochsommer und dem ‚richtigen‘ Herbst, die nannte mein Onkel früher (als ich noch klein war und wir uns noch mochten) Indianersommer. Keine Ahnung, ob das wirklich irgendwo so hieß, oder ob er es nur für mich so genannt hat, denn ich habe einige Jahre meiner Kindheit mit Pfeil und Bogen verbracht und, seit ich das erste Karl-May-Buch (es war Old Surehand 1) unter dem Trabisitz von Hamburg nach Eberswalde geschmuggelt hatte, mein Fahrrad Hatatitla genannt - aber für mich wird es immer ein Indianersommer bleiben.


Unser Vorgarten duftet stark nach dieser wunderhübschen Rose:




...und will sich durch die Gartenmauer arbeiten.



Unsere Gassistrecke ist voller Holunderbüsche



und anderer Schönheiten



Und der Garten einfach prachtvoll gefärbt:






Ich genieße das sehr, zumal es nach vielen sehr trockenen Wochen in letzter Zeit auch endlich wieder geregnet hat.

An guten Tagen genieße ich den Garten und die Landschaft, an den schlechten, müden, traurigen Tagen schleppt mein Mann mich raus, weil das immer hilft. Wir fahren Mountainbike durch die herrlichen Wälder in den Bergen hier und das ist eine exzellente Tankstelle für die Seele.
(„Was brauchst Du heute?“ fragte er mich letzte Woche, während ich grundlos in sein T-Shirt weinte. „Bäume“, schluchzte ich. Und er holte die Fahrräder aus dem Keller. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie besonders mein Mann ist.)



Ich pflücke Äpfel und Pflaumen und sammle immer nur das Fallobst weg, an dem gerade kein sechsbeiniger Freund sein Frühstück einnimmt.



Wir haben sehr viele Zwillinge unter den Pflaumen dieses Jahr. Wahrscheinlich ist es das Jahr der Mutantenpflaume oder so. Oder der Baum mag Hintern.



Diese ganze Ruhe dauert jetzt aber nicht lang - noch nicht lang und nicht mehr lang. 

Im Juli haben wir geheiratet. Schon wieder. ;) Wir waren ja schon letzten Herbst im Standesamt, nur mit unseren Eltern und Trauzeugen, aber für die ganze Familie und möglichst viele Freunde wollten wir nochmal mit einer offenen Trauung mit etwas mehr Tiefgang, als das im Standesamt möglich ist, eine richtige Hochzeitsfeier. Und sie war uuuunglaublich schön. Ich habe sogar einen Junggesellinnenabschied bekommen, der ungefähr 10 Minuten dauerte und einfach mit viel Liebe durchdacht war. 

Es hat an unserem Tag geregnet, worüber ich mich ganz sicher nicht beschwere (ich hatte Angst, es würden über 30 Grad werden, für sowas bin ich nicht geschaffen), aber pünktlich zur Trauung aufgehört, so daß wir den restlichen Abend über immer wieder auch rausgehen konnten.





Wir hatten SEHR sehr schöne Livemusik - ich mußte meine Meinung über Saxophone total revidieren. Ich dachte ja immer, die passen nur in die Schwulenbar aus „Police Academy“ und vielleicht noch in Ravels Boléro, wenn der Rest vom Orchester laut genug spielt. Is aber garnich so.

Und dann hatten wir einen tollen DJ. Ich glaube, ich habe fast 6 Stunden durchgetanzt.

Ein paar Tage später haben wir uns den Rüden geschnappt und sind an die Nordsee gefahren. Das ist ja auch so eine Tankstelle.





Wir haben nette Hundekumpels zum Toben im Watt getroffen







Zeus war nach 12 - 18 km laufen jeden Tag abends fix und fertig, das arme Tier 





Die Sonnenuntergänge waren einfach traumhaft schön


















Tja, soweit der hinter mir liegende Sommer. Was vor mir liegt, ist sehr aufregend, bekommt aber demnächst mal einen eigenen Blogbeitag.

Was habt Ihr so getan in diesem Jahr?

Sonntag, 23. Juni 2019

Hui

(Wer gleich was über Fallschirme lesen möchte, muß scrollen.)

"Ich werde sterben - das ist sicher." Als ich diesen Satz das erste Mal las, wurde er empfohlen als Meditationsgrundlage. Als Meditationsgrundlage! Wie krank ist das denn, dachte ich. Soll ich mich besser fühlen, wenn ich stundenlang über Tod und Elend meditiere? Euer Ernst?
In dem Buch "Wie hilft der Bär beim Glücklichsein" von Ajan Brahm erzählt der Autor, daß er genau wie ich den Satz heftig abgelehnt hat, als er ihn zum ersten Mal hörte. Aber eigentlich ist das einer positivsten Gedanken überhaupt.

Es heißt nämlich nicht: Ich werde sterben, und deshalb ist alles furchtbar.
Oder: Ich werde jetzt sofort sterben und dabei schreckliche Schmerzen leiden.
Sondern: Ich werde sterben - das ist sicher.

Und zwar NUR das.

Das ist das einzige, das jemals wirklich sicher sein wird für jeden Menschen auf der Welt. Alles andere hängt von einer großen Mannigfaltigkeit an Variablen und Personen ab, die wir nur zu einem geringen Teil beeinflussen können. (Auch so eine Sache, die mir nicht sehr gut gefällt, so ganz generell im Leben. Warum machen nicht einfach alle das, was ich für richtig halte? Ihr kennt das sicher.)

Und wenn wir das jetzt akzeptieren - zum Einen das Sterben, das irgendwann kommen wird, und zum Anderen die absolute Unsicherheit vorher -, dann ändert sich der Blickwinkel auf diesen Satz um 180 Grad. Ich werde sterben - das ist sicher. Bis dahin jedoch ist nichts, absolut nichts, in Stein gemeißelt. Nichts Schlimmes, das ich erlebe, wird ewig dauern. Keine frustrierende Situation ist ausweglos. Ich kann jeden Tag, jede Minute, mein Leben vollkommen auf den Kopf stellen. Ich kann in jeder Sekunde meines Lebens entscheiden, ein völlig anderer Mensch zu sein, als ich gerade eben noch war.

Die Sekunde, in der mein Mann entschieden hat, keine Fleischburger mehr zu essen (danke, Beyond Meat), war so eine.
Die Sekunde, in der sich eine Frau entscheidet, in ein Frauenhaus zu fliehen.
Die Sekunde, in der einer sein Studium schmeißt, in dem er gut war, weil es ihn nicht die Bohne interessiert und er aus ganzer Seele nichts lieber will, als eine Bar aufzumachen.
Der Moment, wo ein Paar seinen gesamten Besitz auf Ebay Kleinanzeigen anbietet und nur eine Gitarre und eine Tasche voller Kleidung behält, um in Irland als Straßenmusiker neu anzufangen.

Versteht Ihr? Bis zur letzten Sicherheit ist es noch ein kurzes oder langes Leben, niemand weiß das. Aber dieses Leben führen wir in Freiheit. Wir können jederzeit entscheiden, wie wir eine Situation betrachten, ob das Glas halbvoll ist, ob jemand etwas aus Versehen oder unserer Meinung nach aus Boshaftigkeit getan hat, ob wir verzeihen wollen oder nicht. Wir können entscheiden, ob wir anderen Menschen mit Vertrauensvorschuß begegnen oder mit vorab aufgebauten Mauern. Das ist es, was unser Leben bestimmt, und wir können es jederzeit ändern, immer wieder und wieder.

Im Buddhismus gibt es die Geschichte von Angulimala, der ein Mörder war und zum Mönch wurde, weil er nach einer Begegnung mit dem Buddha diese für ihn lebensverändernde Entscheidung traf, die vorher nicht einmal in seiner Vorstellung existierte.
Im Christentum gibt es die etwas weniger blutrünstige Geschichte von Saulus, der zu Paulus wurde.
Das ist vielleicht das Hoffnungsvollste, das Religionen uns zu schenken versuchen: nicht, daß ein unsichtbarer Gott uns schon irgendwie unsere Sünden vergeben wird, wenn wir brav sind. Sondern, daß wir selbst in jedem Moment unseres Lebens in der Hand haben, ob wir diesen Moment wahrnehmen, genießen und für ihn dankbar sein können oder nicht.

Das ist übrigens auch, was man im Buddhismus unter "Karma" versteht. Karma ist kein Bestrafungsding. Karma ist ein freier-Wille-Ding. Wenn wir uns entscheiden, der Welt feindselig zu begegnen, wird sie es zwangsläufig für uns auch sein, denn wir bieten ihr ja keinen anderen Zugang zu uns an. Wenn wir etwas tun, von dem wir selbst innerlich glauben, daß es eigentlich Mist ist, leben wir unser Leben auf eine "eigentlich ist das Mist"-Art, und so wird es aussehen.

Das war eine lange Einleitung zu einem Gedanken, der mir gestern kam: Im vergangenen Jahr hatte ich Krebs. Ich habe einen Knubbel entdeckt, da war der Krebs in meinen Gedanken schon da. Ich bin zum Arzt gegangen, da erschien der Krebs in Form einer Diagnose schon konkret. Ich habe die Situation akzeptiert, hatte Todesangst, wurde operiert, hatte immer noch Todesangst und habe diese Angst dann vehement verdrängt. Ich wurde bestrahlt - zur Sicherheit, und ich begann, das Leben wieder zu genießen. Dann war der Krebs weg, bis heute wirkt das Erlebnis aber nach.

Gestern war ich Fallschirmspringen. Meine älteste Schwester wollte schon lange mal einen Tandemsprung machen und rief mich vor einigen Monaten an, ob ich das nicht mit ihr zusammen machen wolle. Ich könne in meinem Leben mal wieder ein bißchen Abenteuer gebrauchen, meinte sie, diese Scheißangst hat schon zu viel Platz eingenommen.
Da war der Gedanke ans Springen.

Wir sind zu einem Unternehmen gegangen, das Tandemsprünge anbietet. Da war der Sprung in Form einer Sicherheitseinweisung am Anfang schon konkret.


Situation akzeptiert:


Da, links, meine tolle Schwester, die vorher viel nervöser war als ich und während des Absprungs viel gelassener.



Dann "wurde" ich gesprungen (der Tandemmaster hat mich einfach aus dem Flugzeug geschubst, was soll er auch sonst machen) und ich hatte wirklich, wirklich Todesangst ab dem Moment, als wir auf die Ausstiegsluke zurutschten und besonders, als meine Füße rausbaumelten.


Meine Gedanken gingen: Will ich das eigentlich wirklich? Nee, eigentlich will ich das wirklich nicht. Moment mal, der schiebt. Oh scheiße, meine Füße hängen raaaaaaaaaaaaaaAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUUs.

 Ich habe mindestens 5 Sekunden nach Absprung einfach nur panisch geschrien. (Klickt mal das Foto größer, ist wirklich lustig zu sehen.)




Dann zündete mein Tandemmaster den Vorschirm, der nur etwas stabilisieren soll, und ich verdrängte meine Todesangst, versuchte, etwas zu erkennen und begann, den Fall zu genießen.




Und ich genoss in vollen Zügen! Wie wahnsinnig ist das? Wie wunderwunderschön? Ich habe einen kreisrunden Regenbogen auf der Oberseite einer Wolke gesehen, durch die wir gestürzt sind. Wie irre allein dieser Satz ist - ich bin durch eine Wolke gestürzt. Es war einfach großartig.










Die Landung war so lala, weil der Tandemmaster mir unterwegs (ja, in ein paar tausend Metern Höhe!) den Harnisch gelockert hat, damit es nach dem freien Fall nicht mehr so eng sitzt, und das Ding ist mir von den Schultern gerutscht und hat die Armfreiheit blockiert (ich hätte in die Hose greifen und meine Knie hochziehen sollen). Aber hey, meine Beine sind nicht gebrochen, alles schön.


Wißt Ihr was das Schönste war? Als der richtige Fallschirm aufging, hat der Chef auf meinem Rücken mich in die Führungsschlaufen greifen lassen und gefragt, ob ich mal eine Kurve fliegen möchte. Dann hat er mich angeleitet und ich habe eine großartige Drehung gemacht. Ein Huiiiii.

Fazit: ein potentiell tödliches Erlebnis verändert Dich. Eine Angst überwinden zu müssen, verändert Dich. Es macht wenig Unterschied, ob das frei gewählt ist, wie beim Springen aus einem fliegenden Flugzeug, oder ob es eine Krankheit ist. Das Schlimmere an der Krankheit war für mich, daß der Prozess so unwahrscheinlich lang gedauert hat. Beim Fallschirmspringen sind Angst und Ekstase zeitlich sehr komprimiert.

Ich würde das jederzeit wieder machen. Himmel, ich würde das jeden Tag machen, den ganzen Tag. Aber lieber nicht im Tandem. Ich möchte selbst fliegen können.

Los, Leute, baut umweltfreundliche Flugzeuge, der Hase will fliegen.

Weil es auf der Rückfahrt gleich 2 Mal auf unterschiedlichen Radiosendern für mich lief und ich fest an das Radio-Orakel glaube, hier für Euch Lou Reeds perfect day.