Samstag, 9. Februar 2019

Oh child

Neulich auf dem Rückweg vom Kopfdoktor fuhr ich 70 km/h auf einer einsamen Landstraße, und vor mir landete plötzlich ein Graureiher. Mitten auf der Straße, auf der Gegenspur. Ich bremste und hielt an, weil ich dachte, falls er zu Fuß weitergeht, will ich ihn nicht umfahren, und weil ich einen Graureiher noch nie so nah gesehen hatte. Ich rollte bis neben ihn.
Er guckte durch mein Seitenfenster. Ich guckte zurück. Sekundenlang sahen wir uns einfach nur an. Dann drehte er sich in meine Fahrtrichtung, nahm etwas Anlauf und flog los. Ich fuhr an und folgte ihm, Kurve um Kurve, bis er nach einer Weile schließlich links in eine Wiese abbog.

Die alten Ägypter hielten den Graureiher für den Phönix aus der Legende. Geduld, will er sagen. Geduld. Das Leben ist lang und beinhaltet etliche Wiedergeburten aus Deiner eigenen Asche. Sei ruhig, warte ab. Alles wird, wie es werden soll.

Eine Woche später, einen Kopfdoktortermin später, schalte ich kurz vor derselben Stelle auf der Landstraße das Radio ein und Robin Schulz singt aus vollem Halse:
Oh my father before he left
Oh there's one thing I wished he said
Oh child, just do what you love, 'cause you won't get this life again

Oh, bevor mein Vater gegangen ist
Oh ich wünschte, da hätte er eine Sache gesagt
Oh Kind, tu einfach, was Du liebst, denn Du wirst dieses Leben nicht wiederbekommen

Es gibt Tage, da ist alles fast normal. Und dann gibt es Tage, da stehe ich morgens minutenlang im Bad, starre mein Spiegelbild an und sage mir "Du schaffst das! Du kriegst das hin! Einen Schritt nach dem anderen! Erst die Hand ausstrecken. Dann die Zahnbürste nehmen. Dann die Zahnpasta drauf. Okay okay, eine kleine Pause. Tief durchatmen. Nochmal. Und jetzt Zähne putzen."
Ich bin so sehr am Ende meiner Kraft, meiner Gesamtkraft, meiner Lebenskraft, daß seit zwei Monaten das Hauptanliegen von Frau Kopfdoktor ist, mit mir herauszufinden, wo ich nachtanken kann.

Heute lese ich einen Artikel über Arbeitsmoral. Über die vielen Millionen Menschen, die Arbeit und Leben gleichsetzen. Die Karriere und Glück gleichsetzen, obwohl sie ihre Arbeit gar nicht lieben und letztlich niemals glücklich werden. Die beruflichen Erfolg und ihren Wert als Menschen synonym sehen.
Ich muß an meine Mutter denken, die angesichts meiner derzeitigen Probleme überfragt und verzweifelt ist und nicht weiß, was sie tun kann, damit es mir besser geht.
In ihrer Hilflosigkeit rät sie mir zu allem, was sie selbst ihr Leben lang gehaßt hat: jeden Tag früh aufstehen und funktionieren, funktionieren, funktionieren. Dann habe man wenigstens Struktur, auch wenn man alles scheiße findet.
Ich könne ja auch beruflich umsatteln und etwas anderes tun, was mir sehr am Herzen liegt. Hundetrainerin werden zum Beispiel. Vielleicht würde mich das glücklich machen. Ich muß ihr zustimmen, es würde mich vielleicht glücklich machen. Ich liebe Tiere, besonders Hunde; ich wäre auch gern Tierärztin oder Bibliothekarin oder Übersetzerin... das ist aber alles gar nicht der Punkt.
Ohne bestreiten zu wollen, daß der Aufbau einer Tagesstruktur Menschen mit Depressionen helfen kann... das trifft auf mich nicht zu. Was mir gerade hilft, ist weniger Struktur. Ich liebe meinen Beruf und bin ziemlich gut darin. Mein Beruf ist auch nicht der Grund dafür, daß es mir gerade dreckig geht. Ich möchte ihn nicht wechseln, ich möchte nur im Moment kürzer treten, weil mir die Kraft für alles fehlt, manchmal sogar zum Zähneputzen.

Mann, bin ich froh, daß der Frühling schon zu riechen ist.





Sonntag, 20. Januar 2019

Was mich am Umweltschutz ankotzt

Wißt Ihr, was mich total ankotzt am sogenannten Umweltschutz, am Klimawandel und dieser ganzen halbherzig geführten Debatte?

Das Um. Das Um macht mich richtig fertig. Das Um suggeriert, wir müßten etwas schützen, das irgendwo UM uns herum, aber nicht bei uns zu Hause sei. Das Um sagt: nicht hier, sondern dort. „Klimawandel“ klingt, als hätte in einem Konferenzraum voller Anzugträger jemand schlechte Laune bekommen und nun müsse man mal dagegensteuern. Uschi, holen Sie doch mal die Häppchen rein.

Was wir haben, so richtig hier und jetzt, ist eine Klimakatastrophe. Eine wirkliche, furchtbare, sehr ernstzunehmende Katastrophe.
Was wir noch haben, ist ein absurd egozentrisches Weltbild, das die gesamt Erde lediglich als ein Um-uns-herum betrachtet und dessen göttlicher Nabel wir sind, dem schon nichts passieren wird außer ein wenig Unordnung im UMfeld.

Was wir brauchen, ist Weltschutz. Ohne Um.

Was wir brauchen, ist mal genug Rückgrat, uns um unser eigenes Zuhause zu kümmern. Ja, der noch so unspektakulär klingende Klimawandel wird früher oder später auch unser Dach abtragen und unseren Keller überschwemmen. Wieder und wieder. Und auch wenn wir uns vielleicht besser fühlen, wenn wir die x-te Onlinepetition „Rettet die Eisbären“ auf Avaaz oder Campact unterschreiben, tut mir Leid, das ist nichtmal annähernd genug. Das ist so, als würden wir in unserem brennenden Haus sitzen und twittern „jemand sollte mal die Fenster putzen“.

Werdet endlich aktiv. Das beginnt im Kopf. Und es bedeutet nicht, daß wir MEHR tun müssen als bisher. Es bedeutet, wir müssen Dinge ANDERS machen als bisher. (Ich weiß, es gefällt Euch vermutlich nicht, wenn ich das Wort „müssen“ benutze, weil Ihr Euch gegängelt fühlt. Ich tue es aber trotzdem, sogar erst recht, um die Ausweglosigkeit unser aller Situation so klar wie möglich zu machen.)

Also kurz gesagt, Leute, kriegt den Arsch hoch. Hier ein paar Vorschläge.

Ökostrom ist so leicht zu bekommen. Neben den beiden großen Anbietern Greenpeace Energy und Lichtblick gibt es sogar einige regionale Stromanbieter, die reinen Ökostrom verkaufen (bitte auf Seriosität prüfen, im Zweifelsfall doch Greenpeace / Lichtblick wählen).

Kauft nicht jedes verdammte übeflüssige Billigkleidungsstück, das Euch wegen des süßen Druckmotivs beim Vorbeigehen ins Auge fällt. Die Denke „für 5€ kann man nicht viel falsch machen“ ist das Falscheste, was man machen kann, denn was uns nur 5€ kostet, kostet die Welt tausende Liter Trinkwasser und Frischluft.

Hört bitte, bitte endlich mit der verdammten Fleischfresserei auf. Selbst wenn Euch Tiere total egal sind, kann doch wirklich jeder Idiot die Zahlen lesen: die Produktion eines einzigen Kilos Fleisch kostet 16000 Liter Wasser. Sech!zehn!fucking!TAUSEND!
Wie wäre es denn, wenn Ihr erstmal 16000 Liter Wasser einspart - ein paar Jahre nicht waschen und in den eigenen Hof kacken sollten reichen -, bevor Ihr Euch genüsslich ein Mettbrötchen zum Frühstück und ein Schnitzel am Abend reinzieht? Mal ganz davon abgesehen, daß selbst die WHO Wurst und viele Fleischsorten als krebserregend eingestuft hat...

Der heilige Urlaub muß unter allen Umständen sein? Einmal im Jahr auf die Malediven stehen Euch einfach zu, weil Ihr hart arbeitet? Meine Damen und Herren, inzwischen haben wir sicher alle von Greta Thunberg gehört.
Greta Thunberg streikt. Mit einem Schild, auf dem „Schulstreik für das Klima“ steht und warmer Thermokleidung sitzt sie seit Wochen jeden Freitag bei extremer nordschwedischer Kälte in ihrer Stadt. Weltweit haben Schüler diesen Streik übernommen.
Greta wurde zur EU Klimakonferenz eingeladen und hat dort diese beeindruckende Rede gehalten:


Greta ist diesen Januar 16 geworden. Sie hat Einladungen von diversen Regierungen und
Umweltorganisationen bekommen, dort zu reden, und ihre Antwort war:


"Kürzlich wurde ich eingeladen, in Orten wie Panama, New York, San Francisco, Abu Dhabi, Vancouver, den Jungferninseln zu sprechen...
Doch traurigerweise läßt unser verbleibendes Kohlenstoffbudget solche Reisen nicht mehr zu. Die erwachsenen Generationen in Ländern wie meinem haben unsere Ressourcen aufgebraucht.


Meine Generation wird aus keinem anderen Grund als einem Notfall fliegen können, in absehbarer Zeit, falls wir eine maximalen Erderwärmung von 1,5 Grad absolut ernst nehmen. Ich werde versuchen, so viele Orte wie möglich ohne Flug zu erreichen. Und auch per Videokonferenz teilzunehmen.
Und natürlich ist nicht mehr zu fliegen und vegan zu leben allein nicht die Lösung. Wir müssen es auf einen null-Kohlenstoff-Lebensstil absehen, so schnell es geht.
Politische Entscheidungen sind nötig. Doch da es keine gibt, werden wir tun müssen, was uns selbst nur möglich ist, um eine politische Bewegung in Gang zu setzen."

Ich möchte diesen Satz gerne noch einmal schreiben:

Und natürlich ist nicht mehr zu fliegen und vegan zu leben allein nicht die Lösung.

Versteht Ihr mich? Das ist nicht das Krasseste, was wir tun können - es ist das absolute Minimum dessen, was wir jetzt tun müssen!

Darüberhinaus gibt es noch so unglaublich viele kleine Dinge und Gewohnheiten, die so leicht zu ändern sind.

Zahnbürsten mit möglichst geringem Plastikanteil. Wastelandrebel hat dazu einen tollen Blogartikel geschrieben.

Zahnpasta: Ich benutze seit einigen Jahren eine basische Zahncreme. Sobald die letzten Vorratstuben davon aufgebraucht sind, werde ich wieder auf feste Zahnpflegetabs umsteigen. Lush hatte sowas mal (gibt's bestimmt noch dort) und viele andere Hersteller bieten das an. Davon abgesehen, daß man die festen Tabs in Pappverpackungen kaufen kann und damit erheblich Plastikmüll spart, ist in normaler Zahncreme auch oft Mikroplastik drin, das wir ja nicht unbedingt im Körper haben müssen.

Seife: Flüssigseifespender machen mich regelrecht aggressiv, wenn ich ehrlich bin. Was für eine Verschwendung! Was für ein unnötiger Müll!

Duschbad: dasselbe! Das einzige Duschbad, das ich immer zu stehen habe, ist das, was mir irgendwelche Leute schenken, um mir eine Freude zu machen. Leute, schenkt mir Seifen. In Papier. Das macht mich wirklich sehr, sehr glücklich und auch wenn uns die Werbung dazu verleiten will, das zu glauben: Ich muß meinen Körper nicht mit speziellem rosafarben-glänzendem Orchidee-Birne-Rosenduft-Duschgel einreiben, ich finde das sogar eklig. Seife ist geil. Echt jetzt.

Andere Kosmetika: Achtet auf die Verpackung und überlegt, was da so drin ist. Eine einzelne Dosis Badesalz in einer Plastiktüte? Kauft Euch lieber selbst einen großen Eimer basisches Badesalz und gebt 3 Eßlöffel davon mit 3 Tropfen Eures ätherischen Lieblingsöls in die Wanne, das ist eh gesünder.
Peeling: Kaffesatz. Pur oder mit etwas Kokosöl oder für die ganz Harten mit grobem Salz vermischt. Eure Haut wird danach jauchzen.

Waschmittel: Es gibt ganz hervorragende natürliche Waschmittel. Mein liebstes ist die Waschnuss. Meine Mutter kocht ein Flüssigwaschmittel daraus - ich bin fauler und packe einfach 2-3 Waschnüsse in eine Socke und lege die in die Wäsche. Dasselbe geht übrigens mit im Herbst gesammelten Kastanien.

Unverpackt einkaufen: Hier ist eine Liste mit Unverpackt-Läden in ganz Deutschland. Für mich wäre der nächste eine Stunde entfernt, daher fahre ich nicht extra (Autoabgase), aber wer in der Nähe von oder direkt in Köln, Berlin, Magdeburg wohnt, hat da so großartige Möglichkeiten!
Aktuell trenden ja Nylonnetze für das Obst un Gemüse im Supermarkt. Bitte kauft die nur, wenn Ihr vorhabt, sie quasi ewig zu benutzen. Nylon ist recyclingtechnisch gesehen ein Arschloch. Ansonsten kann man die Rispentomaten auch ohne Netz oder Tüte einfach in den Einkaufswagen legen. Ich mache das sogar manchmal mit Trauben. ("Und wohin kommt dann der Preisaufkleber?" - Ich schätze, da fällt Euch schon was ein.)

Apropros Auto: Ich fahre sehr gerne Auto. Dennoch gehen viele Dinge zu Fuß oder mit dem Rad. Sogar kleine bis mittlere Einkäufe (davon haben wir zu Hause viele, denn wir kaufen fast täglich kleine Mengen frischen Gemüses). Ich habe mir eine Lenkertasche genäht, da geht alles rein, was nicht in die Umhängetasche paßt.

Wasser: Manche Leute drehen den Wasserhahn auf, wenn sie anfangen wollen, sich die Zähne zu putzen, und lassen ihn dann die ganze Zeit laufen. Bitte prüft mal Eure eigenen Gewohnheiten dahingehend. Ich habe an mir selbst festgestellt, daß ich mich unter der laufenden Dusche eingeseift habe. Keine Ahnung, warum; ist sogar Quatsch, weil es die Seife gleich wieder abspült. Also habe ich damit aufgehört.

Ladies! Tampons sind nicht nur mit Chemikalien versetzt, sondern auch eine Umweltsünde vom Allerfeinsten - und sie belasten den Geldbeutel. Es geht deutlich nachhaltiger: mit Mooncup oder Stoffbinden; beides hält problemlos viele Jahre. Wenn eine von Euch dazu Fragen hat, schreibt mich gerne persönlich an.

Kaffee: Um alles in der Welt schafft diese bekloppten Kaffeemaschinen mit Aluportionstässchen ab, das ist so pervers!

Geschenke: Das Absurdeste, das ich in den letzten Jahren zu Weihnachten bekommen habe, sind Geschenke in stylischer Klarsichtfolie. Ich meine, im Ernst mal - Folie, durch die man durchgucken kann? Wozu dann überhaupt verpacken, wenn das Geschenk eh sichtbar ist? Warum nicht mit Papier?


Jetzt zu Euch: Was tut Ihr, um die Welt zu schützen? Welche Ideen und Vorschläge habt Ihr noch? Ich bin sehr neugierig und lerne gerne dazu!