Sonntag, 19. Mai 2019

Der Dinosaurier im Garten

An der Rückseite unseres Hauses führt eine kurze Treppe hinunter zur Kellertür. Das ergibt eine Art Außenkorridor, in dem wir Brennholz und Rindenmulch horten und in dem an heißen Tagen manchmal ein Hund zum Abkühlen liegt. Dort hängt auch ein alter Dekokranz mit eingebautem Nest. Dieses Jahr hat sich eine Drossel(?)mama gedacht, Mensch, so ein fertiges Nest, das ist ja spitze. 





Ich kann Euch gar nicht sagen, wie glücklich mich das gemacht hat. Nach mehreren Wochen wiedergekehrter Abwärtsspirale im Kopf war das ein wunderschöner Lichtblick. Aber nur bis gestern Mittag.

Um 12 habe ich Muddi noch brüten sehen, um 14 Uhr sah es dann ganz anders aus:



Das Nest war komplett leer bis auf diesen einen kleinen Babydinosaurier. 

Erst habe ich ihn in Ruhe gelassen - vielleicht würde Muddi ja wiederkommen. Aber Muddi kam nicht. Ich habe den Garten abgesucht und eines seiner Geschwisterchen tot unter dem Pflaumenbaum gefunden. Da sie noch längst nicht flügge sind, muß es verschleppt worden sein, von einer Katze oder einem Marder vielleicht. 
Als Muddi gegen Abend noch immer nicht auftauchte, fing ich an, mich zu belesen. Leider zunächst auf einer Internetseite mit nur mäßig klugen Informationen. Ich suchte Nummern von Vogelpäpplern, in der Hoffnung, eine*r von ihnen könnte das Baby nehmen oder mir wenigstens telefonisch Hilfe geben - es war Samstag Abend, die Zoohandlung hatte zu und ich habe meine Chancen, im Garten frische Insekten einzufangen und genau die zu erwischen, die das Küken braucht, eher gering eingeschätzt. Niemand, absolut niemand ging an sein Telefon. 
Ich habe 2 Fliegen und eine Motte mit der Fliegenklatsche erlegt, zerkleinert und in Wasser gemischt. (Eine pazifistische vegane Möchtegernbuddhistin hat ein neues Level Selbstverachtung erreicht.)
Ich habe eine Kiste mit Handtüchern ausgelegt, eine Wärmflasche rein, eine Schale auf die Wärmflasche, mehr Handtücher in die Schale und Küki zog vom Nest in die Kiste um. Ich habe es vorher gewogen. 17 Gramm reine Niedlichkeit.




Sieht es nicht wirklich aus wie ein winziger Dinosaurier? Das Bäuchlein! Die Gnubbelaugen! Ich war jedenfalls schockverliebt. Es war sehr kraftlos und ich bin leider dem Rat der schlechten Internetseite gefolgt und habe ihm das Schnäbelchen vorsichtig mit den Fingern geöffnet & es dann mit einer Pipette* gefüttert. Fliegenwasser. Würg.
Dann habe ich alle paar Stunden die Wärmflasche erneuert und einfach gehofft. Um 22 Uhr rief mich eine Vogelpäpplerin zurück und gab mir 2 gute Tipps: niemals Wasser direkt in den Schnabel geben, weil unter der Zunge ein Zugang zur Luftröhre ist und das Wasser dort eindringen kann. Und es gibt eine riesige Facebookgruppe für fachkundige Vogelrettungen, an die ich mich wenden solle.
Als Küki heute früh nicht nur noch lebte, sondern sogar den Kopf nach oben reckte und wie Caruso seinen Schnabel bis Anschlag aufriss, tropfte ich also vorsichtig mit der Pipette seitlich an den Schnabel, wie die Frau erklärt hatte, und versuchte es dann mit der Facebookgruppe. Innerhalb einer Minute war ich da freigeschaltet, und innerhalb einer weiteren Minute hatte ich die Telefonnummer einer Vogelretterin, die nur 20 Minuten entfernt wohnt.
Ich schrieb sie an, sie schrieb zurück, ich brachte das Küken hin und siehe da - wir kannten uns! Sie ist die nette Verkäuferin unsres Lieblingszoogeschäfts, die immer die wirklich tier- und umweltfreundlichen Sachen empfiehlt und von ihren Kolleg*innen dafür etwas belächelt wird.



Ich habe sie gefragt, ob man Vogelrettung irgendwo richtig lernen könne (wir haben einen sehr belebten Garten, aber keine 200 m entfernt wohnt halt auch ein Milan und holt sich gerne mal einen Singvogel), und sie sagte, in 1 - 2 Wochen sei ihr Haus fertig renoviert, dann sei sie glücklich, mir Unterricht zu geben. 

Leute, mein Lebensplan hat sich gerade angepaßt. Wenn ich mal alt bin, werde ich die irre Vogelfrau.

*Pipette: Lustige Geschichte. Vor 3 Wochen war Probenwochenende mit dem TU-Chor. Die Herberge lag auf einem Berg. Als ich von dort losfuhr, ging es also relativ steil bergab und sobald Holgis Nase sich abwärts neigte, blinkte die Kühlwasserwarnung. Ich fuhr also zur nächsten Tankstelle, um aufzufüllen, und war dabei etwas zu enthusiastisch**, jedenfalls mußte ich ein ordentliches Zuviel an Wasser irgendwie wieder aus dem Behälter rauskriegen. Da kommt ein Mann zu mir rüber, der das ganze Elend mitbekommen hatte (Frau fischt singend mit 2 Fingern Kühlwasser aus ihrem Auto), drückt mir eine Spritze ohne Aufsatz in die Hand, brummt „damit sollte das besser gehen“ und fährt weg.




Na klar, wer hat sowas nicht immer im Auto? Für wenn mal was mit dem Kühlwasser ist oder man ein Vogelbaby findet?

**zu blind, die Aufschrift „Maximum“ zu sehen