Dienstag, 24. März 2020

Stille

Empfindet Ihr auch diese große Stille?

Die Welt atmet flacher. Ihr Puls ist verlangsamt. Der Dreck in venezianischen Kanälen und der Feinstaub über chinesischen Städten setzen sich und wir sehen wieder: blau.

Ich möchte heute überhaupt nichts über Corona schreiben, sondern darüber, was es mit mir, mit uns allen vielleicht, macht. 

Was macht es mit mir? Ich bin nach qualvollen Jahrzehnten das erste Mal eine Woche am Stück depressionsfrei. Eine! Ganze! Woche! Wer meinen Kopf oder eigene Depression nicht von innen kennt, kann sich die Bedeutung vielleicht nicht vorstellen (Gottseidank); glaubt mir einfach, wenn ich sage, daß es ein anderes Leben ist. Und woran liegt das? 

Social distancing, etwas, wofür ich mich immer schuldig gefühlt habe, ist endlich salonfähig. 
Ständiges Begrüßungsknuddeln anderer Personen muß und darf nicht mehr sein.
In meiner kleinen Stadt ist der Individualverkehr stark zurückgegangen. (Damit meine ich Autos, Leute, AUTOS.) Ich wußte, daß der Lärm und der Gestank mir zusetzen, aber ich wußte nicht, wie sehr - bis jetzt. 
Termine! Ich habe weniger Termine! Ich probe zwar nach wie vor mit meinen beiden festen Chören (online) und ich muß genauso viel, wenn nicht sogar mehr, Vorbereitungsarbeit in diese Proben investieren, aber ich muß nicht stundenlang durch die Gegend fahren. Mir wurden diverse Projekte abgesagt, und ja, das tut finanziell wirklich weh. Aber es entschleunigt mich auch ungemein. Das wäre sicher eine ganz andere Sache, wenn ich allein für meine Existenz verantwortlich wäre, aber so, wie die Dinge liegen, kann ich nur zutiefst dankbar sein für eine Auszeit. Nein - eine Auszeit ist es ja nicht. Aber es ist eine Verlangsamung mancher Dinge und eine Neubewertung anderer.

Überhaupt, Neubewertung: können wir dann jetzt endlich mal ernsthaft über ein bedingungsloses Grundeinkommen reden? 
Können wir über eine Normalisierung von Home Office reden, freiwillig jederzeit für alle, die das möchten? 
Können wir über eine Digitalisierung von Versammlungen reden, die digitalisierbar sind?
Können wir darüber reden, was es mit der Umwelt macht, wenn wir alle schön mit dem Arsch zu Hause bleiben, wenn Umhergefahre nicht not tut?










































Während eine Chorprobe online nur eine absolute Notlösung ist, ist zum Beispiel die Sitzung der Grünenfraktion im Hildesheimer Kreistag via Discord letzten Sonntag ein totaler Erfolg gewesen und mein eigener Ortsvorstand hat ebenfalls für Freitag seine Sitzung online geplant. Es spart Zeit, Energie und Treibstoff - und Leute, man kann kluge Dinge sagen und dabei eine Jogginghose tragen!

Ich sag ja nur.

Meine Mama, die normalerweise wie das Duracellhäschen ist, schrieb mir vor einigen Tagen auch, daß sie durch die Absage so vieler Pflichten eine ungewohnte Freiheit und damit ein ganz anderes Lebensgefühl genießt. Können wir also auch mal darüber reden, ob es vielleicht an der Zeit ist, Leuten auf die Schulter zu klopfen, die eine Verpflichtung ablehnen? Ob man vielleicht mal Menschen loben sollte, wenn sie sagen können „das schaffe ich nicht mehr / ich lege Wert auf Auszeiten“? Können wir aufhören, den Wert von Menschen daran zu messen, wie produktiv sie uns erscheinen, und anfangen, anzuerkennen, wie klug jede*r mit den eigenen Ressourcen umgeht?

Ich erhoffe mir so unglaublich viel in und von dieser Krise. Ich hoffe natürlich in erster Linie, daß möglichst viele Menschen möglichst gesund da durchkommen, und ich halte das sogar für machbar, wenn Politik, Wissenschaft und gesunder Menschenverstand ineinandergreifen. Ich erhoffe mir aber noch viel mehr: eine Neubewertung menschlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Werte. Und auch das halte ich für möglich (ja, ich bin idealistisch), denn ich lese nicht nur von Menschen, die sich in Supermärkten das Klopapier aus den Händen prügeln, sondern auch von arbeitslosen Künstler*innen, die Kinderbetreuung für Ärzt*innen übernehmen, von Leuten, die für ihre 80jährigen Nachbarn einkaufen gehen und das vor die Tür stellen, von Vermietern, die keine Miete mehr einziehen, wenn sie sehen, der/die Mieter*in hat grade den Job verloren. Wir alle haben in uns ein Potential zu großer Menschlichkeit, verdeckt von einer mehr oder weniger dicken Kruste, und ich hoffe so sehr, daß diese Krusten sich jetzt abbauen.

Ein paar Tips für Zuhausebleiber noch, denen vielleicht die Decke auf den Kopf fällt:

- Der bekannte Pianist Igor Levit spielt jeden Abend ein kleines Hauskonzert und streamt das auf Twitter

- die Yoga-App „DownDog“ und mehrere andere Sportapps sind derzeit kostenlos erhältlich

- mit Duolingo kann man kostenlos Sprachen lernen (ich habe mit Gälisch begonnen, will aber auch mein Italienisch wieder auffrischen)

- Sky bietet derzeit für Kunden mehrere Pakete kostenlos an

- das Chatprogramm Discord hat die Teilnehmerzahl für Videochats auf 50 erhöht und ist auch sonst super, um zu konferieren oder sich einfach mal mit Freund*innen auf ein Bier zu verabreden - genau wie Zoom, Skype und wie sie nicht alle heißen; niemand muß also isoliert sein, nur weil er/sie alleine ist

So, jetzt erzählt Ihr mal: Was hat sich in dieser Situation für Euch positiv* verändert? Was bewertet Ihr neu?

























(*Mir ist völlig klar, daß es für viele Menschen jetzt schrecklich ist; bitte fühlt Euch nicht unanerkannt - es sollte nur nicht Thema dieses Blogbeitrags sein.)