Sonntag, 6. August 2017

Mit Stern!

Holgi hat sich einen Nagel eingefahren. Verdammt. Die blinkende Warnlampe, die auf Reifenprobleme hinweist und aussieht wie ein an den Füßen aufgehängter Bart Simpson -

Bart

Warnlampe

- kann natürlich nicht angehen, wenn ich am Mittwoch nur von der Wohnung zum Einkaufen und wieder zurück fahre. Nein, es muß auf der Autobahn sein, wenn man nach Brandenburg fährt, ein Klavier samt Ständer, Notenpult und Kabelzeug sowie eine Tasche mit doppelter Konzertkleidung hinten drin und es ein bißchen eilig hat. 

Eine Überprüfung des Luftdrucks ergibt, daß der Reifen hinten rechts nur halb so viel Luft hatte wie die anderen drei und wie er haben sollte, also rufe ich den ADAC. Der kommt nach einer Stunde, der Kollege ist ausgesprochen nett und fröhlich, sieht aus wie Ser Jorah 


und stellt mir beim Öffnen des Kofferraumes (wir suchten das Reserverad) die bösartigste Frage:
"Ach, Sie spielen Keyboard?"
"Grrrrmmmldasistkeinkeyboardgrrrrrr", knurre ich und hieve das Stage Piano heraus, damit er unter den Kofferraumboden gucken kann. 
"Ich spiele seit ein paar Jahren Saxophon", fährt er unbekümmert fort. ("Ha!", denke ich. "Klar! Das Keyboard unter den Blasinstrumenten.") "Und es macht auch Spaß, aber ich sage Ihnen, das Notenlesen ist die Hölle!" 
Mein Musikerstolz will ihm mitteilen, daß er wahrscheinlich unter diesen Umständen mit einem Keyboard keine Probleme hätte, selbst wenn er blind, taub und einarmig wäre, aber ich will ja schließlich, daß er Holgi verarztet, also stimme ich ihm einfach zu. Er findet einen Nagel im schlaffen Reifen und teilt mir mit, daß er selbst das nicht behandeln kann, aber keine 10 km entfernt in Salzgitter ein Reifenhändler wäre, der topfit sei. Deshalb würde er jetzt auch gar nicht den Reifen wechseln, sondern mich erstmal da hinschicken. 
Er pumpt den Hinterfuß auf weit über die gewünschte Bar-Zahl, damit ich es bis zum Reifenmann schaffe, wir schieben das Keyboard wieder rein und ich tuckere los.

Der Reifenmann sieht sich die Reifen an. Wenn es unkompliziert ist, sagt er, könne man innerhalb von 2 Stunden den Reifen reparieren. Ich warte 5 Minuten, dann werde ich in die Werkstatt gebeten, wo Holgi in der Luft hängt und man mir mitteilt, daß es leider nicht unkompliziert sei. Der Nagel wäre ja nicht das Problem. Aber die ganzen Steine, die nicht nur in diesem Reifen stecken und Löcher bis zum Reifengewebe geschlagen haben, die würden eine Reparatur unmöglich machen. Außerdem seien das noch die Originalreifen aus dem Herstellungsjahr, total abgefahren, und so wie die aussähen, sollte man mal die Achsen neu vermessen.

Och menno, denke ich. 

Holgi wird auf den Boden herabgelassen und ich öffne erneut den Kofferraum, um an das Reserverad zu kommen. "Oh", sagt der Mechaniker, "Sie spielen Klavier?" Meine ganze Sympathie fliegt ihm sofort zu. Er wechselt das Rad, teilt mir mit, daß ich damit maximal 80 km/h fahren dürfe und verabschiedet mich mit Handschlag.

Da ich an diesem Wochenende plus-minus 1000 Kilometer vor mir habe, kommt es unter keinen Umständen in Frage, diese Tour mit 80 km/h zu machen, und ich drehe um und fahre nach Hause. Schatz und ich verladen meine ganzen Konzertsachen in sein Auto, backen eine Trostpizza, ich bitte das Ensemble LaFolie, die Probe am nächsten Tag um 2 Stunden nach hinten zu verschieben, damit ich direkt hinkommen kann, ohne mitten in der Nacht los zu müssen, und gehe früh schlafen.

Am nächsten Morgen greife ich mir den Autoschlüssel meines Freundes, öffne die Garage und setze mich in sein Auto.

Das ist ein Mercedes. 

Also so ein richtiger Mercedes. 

Mit Stern.

Ich seufze, schiebe den Schlüssel, der gar nicht wie ein Schlüssel aussieht, in das Zündschloß, das auch nicht wie ein Zündschloß aussieht, verstelle Sitz und Spiegel und rolle das Auto vom Hof. 

Es ist riesig. Ich brauche bis Lamspringe, um mich an den Stern zu gewöhnen, der wie ein Fadenkreuz dauernd im Sichtfeld steht. In Rhüden entdecke ich ein kleines Rädchen rechts vom Sitz, mit dem man eine Lendenwirbelsäulenstütze in der Rückenlehne herausfahren kann. Das ist fantastisch! 
Auf der A7 spiele ich ein bißchen mit dem Tempomaten herum, aber ich lasse es schnell wieder sein, weil einfach unfassbar viel Verkehr ist. 
Als auf der A2 irgendwann das Schild auftaucht, das mich im Ursprungsland der Reformation willkommen heißt, beginne ich, mir Sorgen zu machen. Ich fahre schließlich nach Brandenburg - mit einem echt dicken Mercedes. Wenn meine Familie den sieht, schreien wahrscheinlich alle "Klassenverräter" und werfen mit faulem Obst, so wie es vermutlich Prinzessin Leia getan hätte, wäre Han Solo auf einmal mit dem Todesstern zur Arbeit gefahren.

Der Stadtverkehr in Berlin meint es ausnahmsweise mal gut mit mir und ich finde sogar einen Parkplatz nur 50 Meter vom Probenraum entfernt. Als wir hinterher Richtung S-Bahn schlendern und ich mich auf Höhe des Todessterns von den anderen verabschiede, sagt die zweite Geige lachend: "Also Anke! Veganerin und Blümchenwiesen-Mentalität, und dann das?"

Am nächsten Tag hole ich die Klarinette von der S-Bahn ab - wir sollen auf einer Hochzeit in Potsdam spielen und der Nahverkehr in Berlin ist derzeit unerträglich, also haben wir uns alle auf Autos verteilt. Sie steigt ein, ich fahre los, das Auto macht "bing, bing".

"Hm", sage ich, "ich glaube, es schimpft, weil Du nicht angeschnallt bist." - "Bin ich doch aber", sagt sie, und das Auto macht wieder "bing, bing", diesmal mit einer gewissen freundlichen Strenge. Ich entdecke eine Anzeige, die mir vorschlägt, die Handbremse zu lösen. Das verdammte Auto hat allerdings überhaupt keine Handbremse. Da, wo eine sein sollte, ist eine Armstütze, auf der die unglaublich männlichen Männer, die solche Autos fahren, ihre unglaublich männlichen rechten Arme ausruhen können, während sie lässig mit zwei Fingern der linken Hand lenken, den Tempomat in Zehnerschritten bis auf 240 hochjuckeln und alle paar Sekunden die Lichthupe betätigen.

Ich suche herum und finde etwas lustiges, an dem man ziehen kann, neben meinem linken Knie. Violà, die Anzeige erlischt, das Auto ist zufrieden mit mir.
Ich biege um eine Kurve, da bewegen sich plötzlich die Scheibenwischer. "Argh!", rufe ich. "Ich habe nichts berührt! Das Auto macht Dinge einfach von alleine!"

Die Klarinette guckt mich sehr ruhig an. Die Scheibenwischer bewegen sich nicht mehr. "Ehrlich!" sage ich etwas jämmerlich und glaube, im Motorengeräusch ein leises, fieses Kichern zu erkennen.

Auf dem Weg nach Potsdam nieselt es sich ein. Die Scheibenwischer entscheiden selbst, wann sie wischen wollen, und mir ist es Recht, denn der Benz hat mehr Knöpfe und Hebel als ein einfaches Kaninchen wie ich bewältigen kann.

Wir spielen eine wunderschöne Hochzeit und anschließend mache ich mich wieder auf den Weg nach Hause. Diesmal habe ich mehr Spaß mit dem Tempomaten, denn die Autobahn ist fast leer. Als ich in Rhüden wieder auf die Landstraßen wechsle, fängt das Batmobil auch noch an, selbständig über Fernlicht oder normale Beleuchtung zu entscheiden. Ich teile meinem Freund via Sprachnachricht mit, daß dies eindeutig ein Männerauto sei - man muß sein Gehirn überhaupt nicht mehr selbst benutzen, fühlt sich dabei aber permanent wie der geilste Typ im Land. 

Morgen kriegt Holgi neue Reifen - ich bin erleichtert! Ich mag das einfach nicht, wenn Maschinen für mich denken. Es ist nicht so, daß es nicht auch tierisch Spaß gemacht hätte, mit dem Benz zu fahren, aber mein heimlicher Traum war nie, mal ein richtig schnelles, teures Auto zu fahren. Ich bin ein einfacher Mensch. Ich würde total gerne mal Traktor fahren.