Dienstag, 7. August 2018

Der erste Tag meines Lebens

Ich fasse mich kurz, denn aus Urlaub ist schon wieder Arbeitszeit geworden, aber hier ein kleines Update:

Ich habe die Bestrahlung hinter mir. Ich habe total unterschätzt, was das mit meiner Kraft macht, also wie sehr es mich erschöpft und meine Energie einschränkt, selbst noch Wochen nach Abschluß der Behandlung, und ich habe überschätzt, wie schlimm die Hautveränderung sein würde. Ich war zwar übel verbrannt, konnte wochenlang meinen Arm nur unter Schmerzen bewegen und bin mit wechselnden Weißkohlblättern im BH herumgerannt, aber noch im Juli konnte ich mich wieder fast uneingeschränkt gut bewegen und die Narbenbildung hält sich in Grenzen. Yeah.

Nach meinen Erfahrungen der letzten Wochen möchte ich jedem, der Ähnliches durchzustehen hat, folgende Gedanken mitgeben:

- Belest Euch auf der Seite www.biokrebs.de und meldet Euch bei den dortigen Ärzten. Die Beratung ist kostenlos und unglaublich gut.

- Stopft Euch während der Bestrahlung mit Selen voll. Fragt, ob bei Euch atembasierte Bestrahlung nötig und möglich ist, falls es den Brustkorb betrifft.

- Geht raus in die Sonne, macht leichten Sport - egal was, Hauptsache, es macht Euch Spaß.

- Nicht jede Behandlung, die möglich ist, ist auch nötig. Hört auf Euer Bauchgefühl, und zwar bevorzugt an den Tagen, an denen Ihr nicht gerade von Panik übermannt seid.

- Esst regelmäßig ein bis zwei Wochen komplett zuckerfrei. Das bedeutet: Keine verarbeiteten Lebensmittel (Joghurt, Käse, Wurst, Junk food), kein Brot oder andere Getreidedinge, kein Obst. Ja, wirklich: nur Gemüse in fester oder flüssiger Form, oder wer mal zwischendurch etwas anderes sehen will vielleicht mal Rohnudeln. Das klingt hart, aber Krebs ist härter.

- Schlaft genug. Es muß Euch nicht peinlich sein, während einer Bestrahlung dauermüde herumzuschlurfen. Ihr müßt nicht nach außen hin produktiv sein. Euer Körper ist so produktiv wie selten in seinem Leben damit beschäftigt, radioaktive Verbrennungen zu heilen und gesunde von kranken Zellen zu unterscheiden.

- Sprecht darüber, wie es Euch geht und was Ihr gerade braucht. Niemand kann sowas hellsehen. Ich konnte an vielen Tagen Auto fahren, an manchen aber eben nicht. Ich konnte viele Chorproben durchziehen, manche aber eben nicht. Und dann muß man sagen können, daß heute ein Tag ist, an dem man es nur bis zur Pause schafft, denn woher sollen die Kollegen / die Familie das sonst wissen?

- Betrachtet Euch nicht als vom Leben verflucht. Energie folgt Aufmerksamkeit, also richtet Eure Energie auf das, was Euch und Eurem Körper gut tut, und macht das mit Freude, statt permanent zu denken "ich bin krank, ich werde sterben". Sicher, wir alle möchten ein langes Leben - aber vor allem möchten wir doch ein schönes Leben, egal, wie lange es letztlich dauert, und das können wir uns nur selbst erschaffen durch unseren Blick auf die Dinge.
Die Realität jedes Menschen spielt sich ausschließlich in seinem Kopf ab.

- Beobachtet, was sich durch diese Herausforderung in Eurem Leben ändert. Habt Ihr andere Prioritäten? Wollt Ihr (in 100 Jahren, versteht sich) auf dem Grabstein zu stehen haben "Hier ruht XY, ihre Fenster waren immer sauber" oder "RIP XY, der sein Leben lang gespart hat und reich gestorben ist"? Was erscheint Euch wichtig, was wollt Ihr jeden Tag Eures weiteren Lebens fühlen?

- Sucht die Nähe von pragmatischen Menschen. Leute, die Euer inneres Drama noch zusätzlich hochspielen, sind Gift für Euch. Ihr braucht Menschen, die Euch erden und ruhig bleiben, wenn Ihr selbst es nicht könnt.

- Meditiert. Das bedeutet nicht, täglich 30 Minuten zwanghaft stillzusitzen, sondern es bedeutet, bei jeglicher Aktivität bewußt zu atmen. Ja, das reicht schon. Es fokussiert Euch auf die Dinge, die Ihr jetzt, in diesem Moment, tut, und verankert Euch gegen die manchmal vor Angst rasenden Gedanken. Wenn Ihr es schafft, findet bei diversen alltäglichen Aktivitäten und Begebenheiten heraus, was für Euch das Schönste daran ist. Ich zum Beispiel finde das tollste an meinem Frühstücksmandeljoghurt manchmal die Banane, die ich hineintue, manchmal auch, daß es überhaupt Mandeljoghurt gibt, und manchmal, daß mein Freund mir extra Himbeeren gekauft hat zum Drüberstreuen. Zack, schon folgt meine Energie meiner glücklichen und dankbaren Aufmerksamkeit.

Last but not least: Ich fand den Spruch "Lebe jeden Tag, als wäre er der letzte" schon immer ganz furchtbar. Wenn ich wüßte, daß heute der letzte Tag meines Lebens wäre, wäre ich absolut nicht fähig, irgendwas zu genießen. Ich wäre traurig, weil ich ich Abschied nehmen müßte. Ich wäre verzweifelt, weil ich Dinge nicht gesagt oder getan habe, die ich hätte sagen oder tun sollen, und an einem Tag unmöglich nachholen kann. Ich finde den Gedanken total frustrierend.

Ich will mein Leben leben, als wäre jeder Tag der erste meines Lebens. Ich will neugierig sein, hungrig auf das Leben und vor allem unvoreingenommen. Ich möchte jeden Tag alten Bekannten neu begegnen. Ich möchte eine Situation, egal wie alltäglich sie ist, nicht vorwegdenken, sondern sie erstmal erleben, jedes Mal neu. Ich will Dinge ausprobieren und ich will, daß mir für den Rest meines Lebens egal ist, wo genau die Essigessenz steht und wo der Besen, wie die Socken sortiert sind und ob es zu heiß für Kerzen ist. Ich möchte haarende Hunde glücklich machen und oft und viel Besuch bekommen, der überall im Haus herumrennen darf, weil mir total wurscht ist, wer in meiner Küche Flecken macht, Hauptsache, ich mag ihn gern. So will ich leben.

Mein weltbester Freund sagt im April beim Gassigehen zu mir, indem er den Arm um mich legte: "Weißt Du, Anke, vielleicht hat sich das irgendwer für uns ausgedacht, um zu testen, ob wir auch in schlechten Zeiten funktionieren."
Im Juli sagte er: "Willst Du mich heiraten?"
Und ich kann nur sagen: Welche schlechten Zeiten? Ich kann kaum glauben, wie gut es mir emotional immer noch ging, trotz allem, trotz der Angst und dieser Trauer wegen der Kinderlosigkeit, trotz des Schocks und der Erschöpfung - wie glücklich ich trotz allem sein konnte, weil ich hier sein darf und er mich so enorm aufgefangen hat.
Jetzt haben wir August und er sagt "Laß uns diesen Hund adoptieren".

Ah, dieser Mann.