Dienstag, 22. Mai 2018

Raus damit


Die regelmäßigen Leser meines Blogs unter Euch kennen das ja schon von mir: wenn ich wenig blogge, dann weil es zu viel zu sagen gibt. Auch jetzt ist das so - es gibt ein großes Thema, um das ich gern weiträumig herumnavigieren würde beim Schreiben über andere Themen, und da mir das nicht gelang, habe ich eben gar nicht geschrieben. Aber nicht schreiben ist ja auch keine Lösung. Also heraus damit.

Ich habe Brustkrebs.

Nein, ich hatte Brustkrebs. Jetzt habe ich seit Ostern eine Narbe und sechs Wochen Bestrahlung liegen vor mir, mit der die letzten eventuell vorhandenen Tumorzellen vernichtet werden sollen. Wenn das vorbei ist, kann ich mich entscheiden, auf welche Art ich meinen Kinderwunsch begrabe: durch Tabletten und Spritzen für immer oder durch Tabletten und eine Operation sofort.

Ich hadere damit. Ich habe geweint, ich war wütend, ich war apathisch, ich habe wieder geweint und ich weiß, daß ich eines Tages damit im Reinen sein werde. Irgendwann. Jetzt noch nicht, aber irgendwann. Bis dahin ist es in Ordnung, zu weinen, und bis dahin hilft der beste Mann der Welt an meiner Seite, der pragmatisch und mitfühlend zugleich sein kann und großartige Dinge sagt wie "ich weiß, Du kannst das bewältigen; ich wünschte nur, das Leben würde Dir nicht dauernd etwas zum bewältigen vorsetzen" oder "vielleicht hat sich irgendwer da oben überlegt, er testet mal, ob wir beide auch in schlechten Zeiten so gut funktionieren". Wow.

Zunächst, frisch operiert, habe ich alles wegzuignorieren versucht. Ich bin auf ein Probenwochenende gefahren, ich habe geprobt und unterrichtet, ich war auf einer wunderschönen Konzertreise, auf der ich die "Schöpfung" dirigieren durfte. Ich kam nach Hause, völlig erschöpft, und merkte, daß meine Kraft jetzt engere Grenzen hat. Und dann kam die eine Chorprobe, in der ich zu weinen anfing und nicht mehr aufhören konnte. Es weinte aus mir heraus und ich konnte einfach nicht aufhören. Ich bin früher aus der Probe gegangen, zum ersten Mal in meinem Leben. Jetzt war es klar: bis ich das Gröbste hinter mir habe, muß ich beruflich zurückstecken, denn auch wenn im Chor mal eine Runde Heulen okay wäre - im Konzert passiert mir das sicher nicht.

Ich habe alle Konzerte bis inklusive Juli abgesagt. Ich habe alle Leute, mit denen ich arbeite, vorgewarnt, daß ich in den nächsten Wochen möglicherweise kurzfristig ausfallen kann. Ich habe etwas Druck aus meinem Terminkalender genommen.

Ich habe begonnen, dem Rat des Radiologen und der Gesellschaft für biologische Krebsabwehr zu folgen und mache nun mehrmals pro Woche leichten Sport. Das soll insbesondere bei BRustkrebs die Heilungschancen stärker verbessern als eine Chemotherapie und es macht ganz sicher mehr Spaß. (Nebenbei: ich brauche laut Labor keine Chemo und hätte sie ohnehin abgelehnt. Ich brauche allerdings auch keinen Grund, Golf zu spielen, jetzt, wo ich endlich die Platzreife habe. 😉 )

Ich stopfe mich mit gesunden Vitalstoffen voll und versuche, möglichst basisch zu essen. Ich mache mir positive Gedanken, meditiere vor dem Einschlafen und führe mir täglich vor Augen, wie wunderschön ich es gerade im Leben habe. Ich benutze meinen Instagram-Account als Dokumentation all dieser schönen Momente in meinem Leben.

Ich rede mehr und anders mit meiner Familie, die mich mit guten Gedanken überspiült. Ich habe Freunde und Bekannte, die von sich aus angeboten haben, bei Bedarf zu Hause zu helfen, die Hunde zu hüten, das Bestrahlungstaxi zu sein, mir Reiki zu geben oder mal den Wocheneinkauf zu machen. Ich glaube nicht, daß ich das alles in Anspruch nehmen muß, aber es ist ein unaussprechlich gutes Gefühl, ein Auffangnetz um mich herum zu haben.

Da ich überdies großes Glück bei der Diagnose hatte - sehr früh erkannt, sehr gut operiert, klar benennbare Ursache - bin ich wirklich stark und optimistisch auf meinem Weg nach vorne, obwohl mir dessen nächster Abschnitt nicht gefällt.

Und da ich es hasse, Elend im Kopf lange hin und her zu wälzen und mit dieser Krankheit auch zeitnah abschließen möchte, habe ich für die erste Augustwoche ein wunderschönes musikalisches Projekt zugesagt. Bis dahin will ich wieder fit sein, zumindest körperlich. Ich glaube, nach der Bestrahlung mit einem Arschtritt ins Klimakterium befördert zu werden, wird mir nicht gefallen, aber hey - ich lebe noch, ich lebe weiter. Ich spiele einen Brahms-Abend am Klavier. Ich fliege im September auf Konzertreise nach Irland.Ich spiele Golf. Ich werde geliebt. Das Leben ist schön.

Foto: Udo Möbus