Sonntag, 29. September 2019

Gottesdienst mit Nachgeschmack

Ich mochte Gottesdienste noch nie. Obwohl ich mich selbst entschieden habe, mich taufen und konfirmieren zu lassen, obwohl ich weiß, daß es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir anfassen können, obwohl die Berufsberatung mir „Pfarrer“ vorgeschlagen hat und obwohl ich Dinge erlebt habe und daher glaube, die ich anderen Menschen nicht erklären könnte... ich mag keine Gottesdienste. Mag ich einfach nicht. Bah.

Es fängt schon mit der Hirten-Schäflein-Analogie an, und der daraus folgenden ganzen Hierarchie, die einzelnen Gemeindemitgliedern ihre spirituellen Kompetenzen abspricht. Es braucht einen Pfarrer! Einen Mann an der Spitze! Und die Pfarrer brauchen auch einen Mann an ihrer Spitze! Und die Bischöfe brauchen auch... boah.
Es geht weiter mit den Texten der Gesangbuchlieder, die nur noch untertroffen werden vom neuen christlichen Lied - ich sag nur „Danke“.
Es nervt mich total, wenn im Vater Unser und im Glaubensbekenntnis alle ihre Köpfe senken und demütig in ihren Alte-Damen-Bart murmeln. Ich habe immer nach oben aus den Kirchenfenstern gesehen, wenn gemeinsames Beten angesagt war, denn wenn Gott* schon im Himmel* wohnt, kann man ihn doch wenigstens angucken, wenn man mit ihm spricht. Manchmal wollte ich rufen „Frei heraus, Leute, oder hat ER Euch nicht mit geradem Rücken geschaffen“, aber ich war natürlich ein braves Mädchen und außerdem hat mein Vater die Orgel gespielt.
Und die Krone setzt allem dieses permanente Schuldgefühl auf, das durch Kirchen und Gemeindesäle wabert wie ein stinkender Nebel. In evangelischen Gemeinden ist es als Demut verpackt, die Katholiken sind da direkter: da wird in Messen einfach die imaginäre Geißel genommen und sich selbst über die Schulter geschlagen, während man „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“ aufsagt. 
Ich hasse das. 
Mich hat Gott* mit einem Hirn erschaffen, das selbst denken möchte, mit einem Mund, der reden und diskutieren will, und mit einem Geist, der sich IHR* selbst annähern will statt herumzuschafen. Ich glaube, daß das im Grunde auf alle Menschen zutrifft. Und ich glaube, Unsinn zu denken, Unsinn zu reden und in der Annäherung an Gott* zu versagen sind große Privilegien des menschlichen Lebens, die ich mir wirklich nicht nehmen lassen und durch „als Christ hast Du das so zu sehen“ ersetzen lassen möchte. Statt Gottesdiensten hätte ich irrsinnig gern Diskussionsrunden über Glaubensdinge, Streitgespräche über Bibelstellen und vielleicht offene Meditationsrunden. (Mit „offen“ meine ich, daß das Wort „Gott“ im Sinne von „Vater“ darin nicht vorkommt.) Ich will keinen durch Bravheit erarbeiteten Fensterplatz im Himmel. Ich will einen Fensterplatz auf der Erde.

Nun kam es kürzlich dazu, daß ich nach langem mal wieder einen Gottesdienst gespielt habe. Früher habe ich das regelmäßig getan, Organisten sind ja ebenso rar wie Pfarrer, da kommen Leute wie ich gerade Recht, die Tasten drücken können, aber nicht angestellt werden müssen. Besagter Gottesdienst hatte ein Musikteam, in dem Freunde von mir tätig sind, weshalb ich das gerne gemacht habe. Aber Himmel, Arsch und 
Zwirn, was für ein Gottesdienst!
Ich will mich gar nicht weiter darüber aufregen, daß ich für 40€ brutto am Ende 3,5 Stunden beschäftigt war, weil niemand es für nötig hielt, mir, dem Neuling, zu erklären, wie das da abläuft. 
Auch daß der Pfarrer unmittelbar vor Beginn erst ankam und mir sagte, ich solle dann später, wenn Blumen niedergelegt würden, „irgendwas dudeln“, geschenkt.
Aber dann kam ein Schauspiel. Ein sehr kurzes Schauspiel, dessen Vorbereitung (es wurde „Dschungel“-Grünzeug in der Gemeinde verteilt) beinahe länger dauerte als das Anspiel selbst. Jemand las einen Tagebucheintrag eines Missionars vor, der durch andere Leute parallel dargestellt wurde. Und hier ging mir wirklich die Hutschnur.
Handlung: Missionar (manisch grinsende Frau ganz in weiß) läuft durch Urwald, biegt um eine Kurve und steht einem bewaffneten schwarzen Mann gegenüber. Beide erschrecken, der Missionar streckt die Hand aus und alles wird gut. Ich meine wirklich alles. Für immer. So unglaublich viel Dankbarkeit auf Seite der Afrikaner. 
Der schwarze Jäger war dargestellt durch eine Person, die sich einen schwarzen Ganzkörper-Lycraanzug angezogen und einige Teppichteile und Fransen darübergehängt sowie eine „wilde“ Perücke aufgesetzt hatte. Das Gesicht war natürlich dunkel bemalt, die Haltung gekrümmt und der Ausdruck, nun, schafig. Ich sage Euch, Freunde, als ich das gesehen habe, wollte ich schon die erste Bombe werfen.

Gut, diese ganze rassistische Katastrophe ging vorüber. Jemand predigte schlecht, aber versuchte immerhin einen schüchternen Einwand („eigentlich wollen wir ja niemanden missionieren“), der völlig unterging. Ein Chor sang Lieder, die nichts mit irgendwas zu tun hatten. Der Dudelpfarrer trat wieder auf den Plan und hielt einige Pfeile hoch. Seine Eltern, verkündete er, seien höchstselbst Missionare gewesen. Diese Pfeile hätten sie geschenkt bekommen von den Ureinwohnern, als diese begriffen hatten, daß nun eine neue Zeit angebrochen sei. Eine Zeit des Friedens und es Miteinanders. Eine Zeit, in der Waffen nicht mehr benötigt würden, denn der weiße Mann habe ihnen die Lehre Gottes gebracht.

Er legte eine Leinwand voll angebundener Pfeile vorne hin und lud die Gemeinde ein, Blumen darauf niederzulegen als Zeichen dafür, daß der Frieden über den Krieg siegt. Das war mein Dudeleinsatz. Ich habe überlegt, zu gehen. Ich habe ernsthaft überlegt, einfach aufzustehen, „kolonialistischer Scheißverein“ zu rufen und diese Kirche zu verlassen. Aber am Ende hätte vermutlich nur meine Freundin aus dem Musikteam die Schwierigkeiten dafür bekommen, also improvisierte ich über „Lobet den Herren“ und wurde später darauf angesprochen, warum ich so hasserfüllt geguckt hätte.

Nun, warum wohl? 
Hat sich denn niemand diese „Zeit des Friedens“, die wir Afrika gebracht haben sollen, mal näher angeguckt?
Ist echt noch niemand auf die Idee gekommen, daß Gott* auch die Nichtchristen erschaffen hat? Daß in Afrika bereits ein irre reichhaltiges religiöses Leben existierte, schon immer? Mit so fantastischen Sagen und Mythen, die die Welt auf eine so wundervolle, poetische Weise bescheiben? Nein. Sie sind nicht wie wir, also müssen wir sie reparieren. Mit dieser Haltung zog Columbus los, die Tempelritter, die Wessis nach der Wende, das ist genau diese urpatriarchale, urkapitalistische Haltung, die unsere Welt in ihrer großartigen, fragilen Vielfalt zerstört. Dieses Nicht-Sein-Lassen-Können. 

Ich hasse Gott*esdienste.

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*Gott: Wenn die Kirche „Gott“ sagt, meint sie im Allgemeinen ein Anführer-Individuum. Ich habe da eine grundsätzlich andere Meinung zu.
*Himmel: Wenn die Kirche „Himmel“ sagt, meint sie im Allgemeinen einen Ort, an den Seelen nach unserem körperlichen Tod gehen. Ich habe auch dazu eine grundsätzlich andere Meinung.
Bei Interesse schreibe ich gerne mal ausführlicher über meine andere Meinung, aber hier nicht mehr, sonst wird der Blogbeitrag wieder zu lang. :)

Sonntag, 1. September 2019

nützlich sein

Ich habe mich gerade tierisch aufgeregt. Ich habe mich so sehr aufgeregt, daß ich Konter gegeben habe und dabei sogar persönlich geworden bin, was mir eigentlich schon seit Jahren nicht mehr passiert. Ich möchte jetzt also mal über Nützlichkeit schreiben. Damit ich mich abrege, erzähle ich Euch zuerst, worüber ich mich so tierisch aufgeregt habe, danach etwas über eine schöne Nützlichkeit.

Boah. Erstmal ein Hundebild zur Beruhigung.


Okay, schon besser. Puh.

Also (Einleitung): Ich bin seit einem Jahr Mitglied in einem Golfclub, den ich sehr toll finde. Jeder Mensch, den ich bisher dort kennengelernt habe, war unglaublich nett und bodenständig, die Landschaft ist ein Traum, der Trainer sympathisch, alles super. Zu meinem Beitrittsvertrag gehörte, daß ich in einer Trainingsgruppe 4 kostenlose Stunden in Anspruch nehmen kann. Für diese Trainingsgruppe existiert eine Whatsappgruppe, in der ich wie ein Stück angeschwemmtes Treibholz herumtreibe, denn ich gehe aus verschiedenen Gründen nie ins Gruppentraining. Die Whatsappgruppe existiert aus dem einzigen Grund, daß der Trainer weiß, ob jemand zum Training erscheint - man meldet sich dort an.

Heute schrieb eine Frau einen Text in diese Gruppe, über den ich völlig eskaliert bin. Er beginnt mit folgenden Worten (ich lasse alle Schreibfehler wie im Original):

Hallo ihr klugen Klima-Kinder:

ihr sagt, wir streiken!? Hallo?!? Streiken kann nur wer arbeitet. Wer *gebraucht wird und etwas für andere leistet*. Ihr werdet nicht benötigt an euren Schulen. Im Gegenteil, ihr braucht die Schule. Und ihr leistet auch nichts für andere. Im Gegenteil, ihr geht gratis zur Schule wo ihr nur profitiert. (...) Leistet ihr irgendeinen Beitrag an die Gesellschaft? Nein, ihr leistet für niemanden etwas, außer für euch selber.

Der Mann, von dem der Text angeblich stammt, Sigi Hordos aus der Schweiz, läßt sich nun lang und breit darüber aus, daß es die angeblich bösen Reichen sind, die die meisten Steuern zahlen, und da Kinder keine Steuern zahlen, würden sie nichts leisten für die Gesellschaft.

Wenn man euch beim Demonstrieren und Herumschreien zusieht, könnte man meinen, ihr müsstet frieren, oder aus verseuchten Gewässern trinken. (...) Für euch gibt es die schönsten und teuersten Spielplätze die es je gab, in jeder Neubausiedlung heute amtlich vorgeschrieben, es gibt mehr Velowege, Wohnstraßen und Tempo-30-Zonen als je zuvor. (...) und wenn ihr die Matura mit 3,9 versaut, engagieren eure Eltern Anwälte, die euren faulen Arsch retten sollen.

Er echauffiert sich unendlich lange, was Kinder alles haben und bekommen - Freizeitparks, Disneyland, Fernsehsender in Massen. Er sagt, es bräuchte mehrere Atomkraftwerke, um die Server von Computerspielen zu betreiben. Es geht weiter und weiter - er zählt Dinge auf, mit denen Erwachsene Geld machen, behauptet, die seien alle für die Kinder erschaffen worden, die keine Ahnung von Wirtschaft und Wissenschaft hätten und die undankbarste, verwöhnteste Generation ever seien.
Er gratuliert den Kindern dazu, erkannt zu haben, daß die Generation ihrer Eltern erpressbar sei, und versteigt sich dazu, Greta Thunberg als angebetete neue Muttergottes zu bezeichnen und meine Fresse diesen ganzen Schwachsinn will ich in meinem schönen Blog eigentlich gar nicht zu stehen haben, aber er endet damit, daß "vielleicht das eine oder andere Gehirn mal wieder aktiviert" werde, und da bin ich dann wirklich ESKALIERT.




Ich habe rundheraus erklärt, dieser Text sei nur die verzweifelte Stammtischpolemik derer, die sich in ihrer Bequemlichkeit nicht stören lassen wollen, und habe Links von der NASA und dem Science Mag beigefügt, falls sie mal was mit Inhalt lesen wolle, wenn sie mit dem Beschimpfen von Kindern fertig sei, und ich KÖNNTE JETZT SCHON WIEDER AUSRASTEN HERRGOTT.

Aber ehrlich mal, wir leben in Niedersachsen!

In Niedersachsen!

Das ist das Bundesland mit der Wasserknappheit. Ist das echt noch niemandem aufgefallen?

Wasser knapp (Abends kein Wasser mehr in Vechta)

Mehr Wasser knapp (Rasensprengverbot, bei Nichtbefolgung droht das Abstellen des Haushaltswasserhahns!)

Wasser wird in Zukunft immer knapper




Wasser war schon letztes Jahr knapp

Und da verbreiten Leute Texte von einem Schweizer, der keine Ahnung von deutscher Kinderarmut hat (und auch nicht haben will), der den Klimazusammenbruch einfach ignoriert wie ein Kind, das sich beim Versteckspielen die Augen zuhält, um nicht gesehen zu werden, nur damit sie ihr verdammtes Schnitzel zum Preis von 16.000 L Wasser schön weiter auf den Grill werfen können.

Ach, ich hör jetzt auf.

Ich habe die Gruppe übrigens verlassen - ich gehe davon aus, daß der Trainer außergolflichen Diskussionen ohnehin einen Riegel vorschiebt, aber ich habe schon früher wohlmeinende AfD-Wähler gekannt, die mich um jeden Preis missionieren wollten, weil ich ja so blind und zu gutherzig für die Welt und so weiter bin, und ich habe einfach keine Lust mehr, meine Lebenszeit mit solchen Menschen zu verschwenden.




Jetzt etwas Schöneres. Nein, es ist nicht nur schöner als dieser selbstgerechte Dreck - jedes Thema wäre schöner außer wahrscheinlich Massentierhaltung -, es IST einfach schön, rundum schön.

Seit bestimmt 10, 12 Jahren denke ich über politisches Handeln nach. Immer wieder habe ich mich dagegen entschieden, einer Partei beizutreten, weil ich Schwierigkeiten damit habe, mich mit meiner Meinung zurückzuhalten um eines Fraktionskonsens' willen, und ich bin davor zurückgeschreckt, mich aktiv irgendwo einzubringen, weil ich absolut keine Lust auf Männergeklüngel hatte. (Ich sage es, wie es ist, jeder Mann darf sich gerne zu Unrecht angegriffen fühlen, ich bin heute on fire.) Von sich durchsetzenden und jede weibliche Idee einfach plattwalzenden Männergruppen hatte ich schon beruflich mehr als genug, ich wollte nicht noch mehr davon.

Nun hat sich mein Leben aber geändert. Ich habe mich verändert.
Ich fühle mich, als hätte ich 20 Jahre mit schweren Gewichten an der Seele zu schwimmen versucht und es immer nur geradeso mal geschafft, rechtzeitig zum Luftschnappen aufzutauchen, und jetzt hilft mir jemand, die Gewichte abzuschneiden, eines nach dem anderen, und ich kann schon durchgängig an der Oberfläche schwimmen - noch nicht völlig unbe*schwer*t, aber es fühlt sich nicht mehr alles an wie ein reiner Kampf ums Überleben.

Ich habe Menschen, sogar Männer, getroffen, die mich rückhaltlos unterstützen, sogar ohne, daß ich je um Hilfe gebeten hätte (darin bin ich nämlich richtig schlecht). Einfach so! Ich habe an der Uni einen richtig tollen Chef. Ich kann in Worten gar nicht beschreiben, was für einen umwerfend tollen Mann ich geheiratet habe. Ich habe sehr wertvolle Freundschaften und über all dem ist mir, trotz des größeren Abstands, meine Familie nicht verloren gegangen, sondern im Gegenteil, seit ich Krebs hatte, scheinen auch wir noch etwas mehr zusammengewachsen zu sein. Ich bin kein Einzelkämpfer mehr.

Gleichzeitig ist es so, daß ich in einem Städtchen wohne, in dem viel gemeckert wird, obwohl vieles auch einfach sehr schön ist. Ich würde diesen Meckerern immer gerne sagen: Zieht mal nach Brandenburg. Wohn mal ein Jahr in Bad Freienwalde. Oder in Eberswalde in einer dieser Plattenbausiedlungen. Versucht mal, dort irgendein soziales, sportliches oder kreatives Projekt anzustoßen gegen diese grundlegende Hoffnungslosigkeit, dieses "ach das wird ja sowieso nichts", das dort herrscht. Und dann meckert nochmal über das Freibad in Alfeld.

Und so kam es, daß ich Ende Mai bei Google eingegeben habe "wie macht man Politik als Quereinsteiger". Und was fand ich? Eine Initiative des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung mit dem schönen Namen


und der Bewerbungsschluß lag eine Woche zurück!

Also griff ich zum Telefon. Und durfte mich noch bewerben, die Aussichten seien zwar schlecht, aber aus den ländlichen Regionen, speziell Alfeld, läge kaum etwas vor, vielleicht hätte ich ja eine Chance.

Ich bewarb mich. Am 30. August sollte die Auftaktveranstaltung sein und ich verbrachte den gesamten Juni und Juli damit, alle 2 Wochen eine Gleichstellungsbeauftragte in Hannover anzurufen und zu fragen, wie es denn aussähe. Mitte August schaffte ich es auf die Warteliste - von über 1000 Bewerberinnen waren gut 440 ausgewählt worden. Eine Woche später rief mich eine Mitarbeiterin noch einmal an, die nicht genau wußte, wo ich nun stünde, und ich sagte "Warteliste, aber hoffnungsvoll", woraufhin sie noch einmal genau prüfte, welchen Parteien ich mich zugehörig fühlte (das sollte man auf dem Bewerbungsbogen eintragen), und dann rief sie "Moment mal! Grüne? Da ist doch gerade jemand abgesprungen!" und ZACK! hatte ich meinen Platz.

Danke, Universum.

Noch dazu ist der Mentor von den Grünen, an dessen Flanke ich jetzt ein Jahr kleben darf, ein sehr netter Mensch und hat mich bereits vor der offiziellen Auftaktveranstaltung gefragt, ob ich Lust hätte, auf eine Fraktionssitzung im Kreistag mitzukommen, um mir das mal anzugucken. Ich hatte!

Und gestern nun war diese Auftaktveranstaltung in Hannover. Es war einfach fantastisch. Ich habe dort 5 Stunden verbracht und jede Minute genossen. Es gab 2 kurze, prägnante Reden und einen sehr schönen Vortrag, hinterher war Netzwerken angesagt. Ich habe die Mentor*innen und Mentees aus meinem Landkreis kennengelernt und ein Mitglied der Grünenfraktion, auf deren Fraktionssitzung ich 3 Tage zuvor reingeschnupert hatte, hat mich (weil seine eigene Mentee erst nicht auffindbar war) umfangreich zugetextet mit Dingen, die ich irrsinnig interessant fand.

Ich muß vielleicht kurz erklären: Ich hasse Massenveranstaltungen. Ich mag einfach Menschen nicht. So dachte ich bisher. Der Saal war mit über 500 Personen gefüllt, etliche mußten stehen, weil keine Stühle mehr waren, und ich mittendrin. Aber dennoch habe ich mich total wohlgefühlt.

Und erst, als ich am nächsten Morgen mit einem Freund getextet habe, der schon lange politisch aktiv ist, ist mir klar geworden, was anders war: Der Saal war voller Frauen. Ich meine so richtig. Da waren nicht einmal 20% Männer, würde ich schätzen, halt einfach die nichtweiblichen Mentoren.

Und das hat etwas mit mir gemacht, das ich am Freitag während der Veranstaltung nur fühlen, aber nicht benennen konnte. Das Wort ist mir erst Samstag im Gespräch mit diesem Freund eingefallen: Ich habe mich sicher gefühlt. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Großveranstaltung nicht bedroht gefühlt, weil es einfach fast keine Männer im Saal gab.

Das ist irgendwie das gleichzeitig Traurigste und Schönste an diesem Tag gewesen.

Ich habe eine sehr nette Alfelder Grüne und ihre Mentee kennengelernt und mit zurück nach Hause genommen, und auch das war in mehreren Hinsichten sehr erhellend - unter anderem bot die Mentorin an, mich überallhin mitzuschleppen, wo ich hinwolle, obwohl sie nicht meine Mentorin ist, weil sie sagt "ob ich nun 1 oder 2 Frauen mitbringe, ist doch egal, Hauptsache, Ihr kriegt alles an Inforrmationen, das Ihr brauchen könnt". Und das ist die Haltung, die ich liebe, und die im genauen Gegensatz zu der männlichen Abwehrhaltung steht, die ich von früher kenne.

Übrigens ist das kein grünes Programm - Vertreter aller Parteien dürfen natürlich Mentor*innen werden. Aber von den 10 Mentor*innen im Landkreis Hildesheim sind 6 Grüne und 4 SPD. Offenbar scheinen CDU, FDP und AfD nicht so sehr an der Erhöhung des Frauenanteils in der Politik interessiert zu sein. :)