Donnerstag, 31. März 2016

Darum

"Sie haben immer so viel Energie!" sagte mir eine Schülermutter kürzlich. "Ich kenne mehrere Veganer, aber die anderen sind immer müde."
Im ersten Moment bin ich geschmeichelt, im zweiten verwundert und im dritten ist sie glücklicherweise schon aus der Tür. Warum?
Darum:
Ich kenne viele Fleischesser und Vegetarier. Die meisten von ihnen sind praktisch immer müde.
Merkste was?
Ich kenne viele Vorurteile veganes Essen und Veganer betreffend. Die meisten von ihnen sind absurd. Und das eine, das nicht absurd ist, nämlich 'die wollen uns dauernd missionieren', entspringt einem Gefühl, das ich sehr, sehr gut kenne und gegen das man sich nur schwer wehren kann: der Frust darüber, sich ständig verteidigen zu müssen.
Wenn ein Fleischfresser erkältet ist, wünscht man ihm gute Besserung. Wenn ich erkältet bin, legen mir nette (wirklich!) Kollegen den Arm um die Schultern und empfehlen mir ein Steak ab und zu, um mein Immunsystem zu stärken.
Wenn ein Fleischfresser zunimmt oder dick ist, ist das vielleicht nicht schön, aber normal und wird entweder gar nicht kommentiert oder man fragt ihn, ob er Kummer hat. Nimmt ein Veganer zu, wird ihm auf der Stelle erklärt, daß seine Ernährung ja offenbar auch nicht so gesund sei, wie er behauptet (sonst wäre ja quasi jeder Veganer ein Supermodel).
Bestellt ein Fleischesser im Restaurant einen Salat, ist das seine Geschmackssache und bleibt unkommentiert. Wenn ich das mache, höre ich prompt und mit leichter Häme "Ach ja - Du darfst ja nichts anderes essen". Klar darf ich: Fast jedes Restaurant ist im Stande, mir in der Küche schnell etwas Leckeres ohne Tier zusammenzuimprovisieren. Ich habe das ausprobiert; es geht selbst im kleinen Eberswalde im "Wilden Eber" (!), in der Bierakademie, im Matisse (wo bei meinem Hungeranfall letztes Jahr ein offenbar fantastischer Koch gearbeitet hat, der selbst in einer veganen Küche gelernt hat) und beim Inder in der Kreuzstraße werden sogar 80% der Gerichte auch vegan angeboten. Aber wenn ich einen Salat möchte, möchte ich einfach einen Salat, ohne mir schon wieder von irgendwem Kommentare dazu anzuhören.

Die Wahrheit ist: ich habe noch nie, wirklich noch NIE versucht, einen Menschen zum Veganismus zu überreden, egal, wie sehr es mir beim Anblick klassischer von Milchprodukten verursachter gesundheitlicher Probleme manchmal auf der Zunge brannte. Stattdessen ertrage ich stoisch die oben beschriebenen Diskussionen und - noch schwerer erträglich - Pseudoargumente, deren Basis die bloße Angst ist, jemandem könnte etwas weggenommen werden. "Ich brauche Fleisch" heißt es da, und "ohne Käse würde ich nicht überleben". Ähm - nö. Du brauchst Eiweiß, genau wie ich. Das ist ein Unterschied. Und Du würdest sicher ohne Käse überleben, wenn von den 20000 Kindern, die täglich verhungern, weil das in den Entwicklungsländern angebaute Gemüse als Tierfutter zu uns kommt, auch nur eins pro Woche tot in Deiner Küche läge.

Also kurz gesagt: Leute, die sich mit der Wirkung ihrer Nahrung in ihren 40 bis 50 Lebensjahren nicht weiter als bis zum Salzstreuer beschäftigt haben, meinen es permanent und plakativ gut mit mir und es
Kotzt
Mich
An.
In so einer Situation lächle und nicke ich immer sehr viel.

Dies hier ist übrigens kein "Du du" Missionierungsfilm. 😉

Aber im Stillen bin ich der Überzeugung, daß wir das angebliche Recht auf Fleisch und Milchprodukte spätestens verwirkt haben, als die Massenproduktion davon begann. Nicht, wegen der armen Tiere und der armen hungernden Kinder in Afrika - wen interessiert das schon, jetzt mal ehrlich? Da höre ich auch immer tolle und teils sehr intelligente Meinungen zu wie "Kühe geben doch sowieso Milch" oder "die sind doch selbst Schuld in Afrika mit ihrer Korruption".
Aber selbst wem der ganze Rest der Welt am Arsch vorbeigeht, braucht doch immer noch eine Welt, um darin leben zu können. Und wir, wir selbstgerechten, herz- und knochenkranken (Überraschuuuung!) satten Europäer und Amerikaner, Australier und Asiaten sind es, die den größten Teil des Trinkwassers in Nutztierhaltung pumpen, wir roden Regenwälder für Soja, der zu über 90% (ich meine - ist das nicht unfassbar?!) Tierfutter ist, wir zerstören unsere Welt, weil wir verdammt nochmal ein Recht auf unser Frühstücksei haben wollen.
Wir sind verbiesterte, verbohrte Kleingärtnermentalitäten, für die nur haben, haben, haben zählt, für die ein Geschmackserlebnis und eine Essgewohnheit höher wiegen als eine Klimakatastrophe.

Ups. Habe ich mich gerade in Rage geschrieben? Habe ich vielleicht gar... *flüster* missioniert?
Na dann ist ja alles gut, dann zählt der Blogpost ja nicht und wir können alle weitermachen wie vorher und Öko-Anke ignorieren, die wahrscheinlich Dauer-PMS hat, weil sie immer nur Salat kriegt.

Kommentare:

Rowan hat gesagt…

Ich finde das einfach nur furchtbar, dass man sich geradezu mit Schild und mentalem Schwert verteidigen muss, wenn man vegan oder vegetarisch oder auch einfach nur sonstwie anders isst.
Es tut dem Fleischesser doch nicht weh, dass man anders ist als er. Ist es das schlechte Gewissen, das diese Hämekommentare hervorbringt? Das Gefühl, sich verteidigen zu müssen, weil man weniger darüber nachdenkt, was man seinem Körper zuführt (und woraus er dann künftig besteht)? Weil man nicht darüber nachdenkt, dass das Mittagessen geatmet, gelebt und sich gefreut hat(letzteres auch nur im besten Fall)? Oder das typische "Der ist anders, ich muss draufhauen", das vielleicht noch so ein Urzeitherdentrieb ist?
Was auch immer - es ist unnötig.

Anke Höing hat gesagt…

Ich glaube, es ist Gier ("Der/die will mir etwas wegnehmen oder vorenthalten"), Angst vor Veränderung (denn das bedeutet ja, sich selbst in Frage stellen und überdenken zu müssen, was durchaus bitter sein kann) und Angst vor Kritik, wegen der man den potentiellen Kritiker schonmal vorsorglich mundtot macht.
Es ist unnötig, da hast Du Recht. Und darüber hinaus ist es hochgradig gefährlich und zerstörerisch.

Anke Höing hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
athena hat gesagt…

Was die Massentierhaltung angeht muß ich Dir Recht geben und wenn es nach mir ginge wäre es gesetzlich verboten. Geht aber nicht nach mir oder Dir, sondern nur um den Profit derer, die eh schon so reich sind, dass selbst die Generationen nach ihnen das Geld nicht mehr ausgeben kann. Ebenso ist es mit Waffen und der Pharmaindustrie. Wissen wir alle, können wir bloß erstmal nicht ändern.

Anke Höing hat gesagt…

Wir können es durch unser Konsumverhalten verändern. Natürlich kümmert es weder die Waffen- noch die Pharma- noch die Fleischindustrie, ob Anke aus Eberswalde ihre Produkte konsumiert. Aber wenn Anke aus Eberswalde den Kopf in den Sand steckt und glaubt, sie sei hilflos, und wenn das jeder andere Mensch genauso macht, behalten wir die Zustände, die wir jetzt haben, und die uns unseren Planeten kosten.

Wenn sich jedoch Anke aus Eberswalde, Athena aus Dorsten, Tina aus Gardelegen und jede Menge anderer Leute denken: Macht Ihr Eure Industrie ohne mich - dann merken die das. Dann wird "hoppla" gesagt und geguckt, was diese kleinen Leute denn stattdessen konsumieren, und dann wird reagiert.

athena hat gesagt…

Da ist sicherlich über viele Jahre gesehen was dran. Zumindest was die Lebensmittel angeht... Inzwischen gibt es ja sogar in Wulfen bei REWE und EDEKA mehrere vegane Lebensmittel. Jeder muß gucken wo er für sich und in seinem Rahmen was machen kann. Keiner von uns rettet die ganze Welt. Aber wenn jeder sich sein Fleckchen zum Aufräumen vor der eigenen Haustüre sucht und drum kümmert, da wird die Welt zumindest ein kleines bißchen ein besserer Ort. Oder doch wenigstens fühlen wir uns damit ein wenig besser...