Donnerstag, 14. November 2019

27!

„Tschuldigen Sie?“ ruft mir die Frau zu, an der ich gerade vorbeigehen möchte. Und noch einmal: „Tschuldigung?“ Ich bleibe kurz stehen, wappne mich innerlich gegen jeden Mist, den ich in solchen Situationen früher erlebt habe, und drehe mich um. Ich will das eigentlich nicht, aber vielleicht ist sie ja jemand, der wirklich Hilfe braucht.

Ich bin gerade unterwegs nach Hause, mit einem schweren Einkauf im Rucksack, auf einem Bürgersteig, der kaum ausreicht, ihrem Rollstuhl Platz zu bieten. Deshalb war ich schon ein wenig nach links gegangen, damit sie auf der nicht-Verkehrsseite bleiben kann, doch sie ist mir einfach in den Weg gefahren.

„Können Sie mich mal zum Kaufland schieben?“ fragt sie und guckt mich bittend an. Ich sehe meinen Weg zurück zum Kaufland, das vielleicht 100 Meter hinter mir liegt. Die paar Minuten halten es die Hunde auch noch aus, entscheide ich, und sage „na klar“.

Ich habe noch nie einen Rollstuhl geschoben. Ich hätte das auch nie ungefragt getan - ein Rollstuhl erscheint mir für seine Benutzer der Beinersatz zu sein, und ich fasse niemandem einfach an die Beine. Aber da sie nun bittet, trete ich also hinter sie und schiebe los.

Also... ich versuche zu schieben.

Meine Fresse, wie schwer kann das sein?, denke ich, atme aus, und schiebe nochmal mit Schwung - und wir kommen ins Rollen. Hurra!

„150 Kilo“, sagt die wirklich ausgesprochen dicke Frau, fast ein wenig stolz, und setzt nach: „mit Rollstuhl“.
„Wow“, keuche ich beeindruckt, und sie grinst und nickt.

Und jetzt, da wir unterwegs sind, verstehe ich auch, warum sie es die letzten 100 Meter nicht mehr geschafft hat.

Der Gehweg ist nicht nur schmal (ich bin selbst hier schon von Autospiegeln schmerzhaft gestreift worden, nur weil 2 Personen nebeneinander waren), sondern auch sehr unregelmäßig. Beim Gehen fällt mir das gar nicht auf, aber nun, wo ich einen extrem schweren und unhandlichen Rollstuhl hier entlang bewegen soll, merke ich jede kleine Schräge, jede große Absenkung, jeden hochstehenden Pflasterstein.
Wahrscheinlich heißt es deshalb Gehweg, denke ich. Wer nicht gehen kann, hat einfach verkackt.

„Sie machen das super“, sagt die Frau.
„Hng“, grunze ich dankbar.
„Na Sie sind ja auch noch jung“, plaudert sie munter weiter. „Hier bitte rückwärts hoch, sonst falle ich aus dem Rollstuhl. Wie alt sind Sie?“
„Wie wende ich denn?“ frage ich leicht verzweifelt, mitten auf der einzigen Straße stehend, die wir überqueren müssen, vor dem Bordstein, den wir jetzt hinaufwollen.
„Na einfach drehen! Wie alt? Siebenundzwanzig?“
Ich versuche, 150-Kilo-mit-Rollstuhl ‚einfach‘ zu drehen und auf den nächsten Gehsteig zu ziehen, ohne daß sie mir vorne rausfällt, und lache leicht verschwitzt.
„Achtunddreißig“, schnaufe ich, „aber ich kann Rollstühle schieben wie eine Siebenundzwanzigjährige!“

Sie kichert, wir sind wieder auf Kurs und am Kaufland angekommen sagt sie: „Parken Sie mich einfach hier am Aschenbecher, ich bin hier verabredet. Vielen Dank!“

Sehr gerne.




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