Samstag, 17. Oktober 2020

highs and lows

 Gaah. Dinge laufen nicht so, wie ich das will. 

Ich mußte ein Konzert absagen, weil meine Sehnenscheiden vehement gestreikt haben. 

Die Blogger-Designs scheinen irgendeinen Bug zu haben, der verhindert, daß Hintergrundbilder angezeigt werden. Ich kann zwar ein Bild wählen oder hochladen, und das gesamte Farbschema passt sich auch dem gewählten Bild an, aber das Bild selbst ist nicht zu sehen. 

Ich kann wohl einen Zettel erstellen, der Pronomen abfragt, aber wenn man mir verbietet, den auszuteilen, weil man "diesen Diskurs in einer fachthematischen Lehrveranstaltung" nicht wünscht, dann ist es auch wurscht, wenn ich sage, daß ich gar keinen Diskurs will, sondern nur den verdammten Zettel. Es bleibt verboten. 

Ich probiere nach wie vor mit Bindern herum und habe nach wie vor nur 2, die passen, was bedeutet, ich renne viel zu oft ohne herum und das ist meh.


Aber es gibt auch tolle Dinge: 

Team Brumm-und-Dröhn (das Feuerwehrkapellchen, das ich 1x im Monat coache) hat 3 neue Mitglieder und eine Rückkehrerin, und speziell jetzt eine Schlagwerkerin zu haben ist einfach großartig!

Der Unichor darf unter recht restriktiven Auflagen aber immerhin wieder live proben. Da das nur einer sehr begrenzten Sänger:innenzahl möglich sein wird, versuchen wir, die Proben für die anderen zu streamen - die Uni stellt mir eine Kamera zur Verfügung. 

Die LAG Queergrün entwickelt sich zu einer Art Tankstelle für mich. 

Mein Mann ist immer noch der Tollste.

Das Amtsgericht hat mir bestätigt, daß mein Antrag auf Vornamensänderung in Bearbeitung ist und die beiden Gutachter:innen sich bei mir melden würden. Was noch nicht passiert ist. 



Ich habe zwar wieder (wenige) schlechte Tage zwischen den guten, aber was heute ein schlechter Tag ist, beginnt immer noch damit, daß ich aufstehen und mir die Zähne putzen kann, ohne daß es mich die gesamte Energie des Tages kostet. Ein schlechter Tag heute ist wie ein guter vor einem halben Jahr. Und ich weiß auch, anders als früher, woher sie kommen: als Kopfmensch denkt man sich wohl selbst um Kopf und Kragen.

Und ich schwelge in Büchern. Ich kann wieder lesen! 

Die Hände werden besser, ich kann wieder kurze Zeiten spielen, nur noch nicht wieder stundenlang. Aber muß ja auch gerade nicht.

Insgesamt: Alles gut.


Freitag, 2. Oktober 2020

Pronomen

"Sag mir noch einmal, wie du heißt", bittet mich die vielleicht Mitte 20-jährige, elfengleiche Schönheit, die ich vor dem Tanzkurs auf dem Klo treffe.

Auf dem Frauenklo.

"Johannes", sage ich freundlich und gehe Hände waschen.

Ich trage meinen Binder, wie jeden Donnerstag, wenn ich bei Ars Saltandi in Hildesheim Modern Dance mache. Alles andere wäre unerträglich, denn dort gibt es eine Spiegelwand. Den Fehler, in der ersten Reihe vor der Spiegelwand zu stehen, habe ich einmal vor einem halben Jahr im Line Dance Kurs gemacht, das passiert mir nicht noch einmal, und schon gar nicht ohne Binder. 

Dennoch täuscht natürlich nichts, schon gar nicht die Stimme, die "Johannes" sagt, über die offensichtliche Diskrepanz zwischen der von mir und der von anderen empfundenen Wahrheit hinweg, und das wird noch einige Zeit so bleiben. Und ich traue mich, Binder hin oder her, noch nicht aufs Männerklo - jedenfalls nicht, solange ich nicht sicher bin, daß ich dort allein wäre.
(Ich bin ja schon stolz, daß ich seit Beginn der Traumatherapie allein mit Männern in einem Raum chorproben kann - Hose runter ist nochmal ein anderes Level von Selbstsicherheit, daran werde ich arbeiten, wenn mir ein Bart wächst.)

Über diese Diskrepanz habe ich in den letzten Wochen und Monaten intensiver nachgedacht, auch wegen meiner Arbeit an der Uni. So wie es mir als Student(in) ging, muß es ja anderen Menschen auch gehen, denke ich. Eine Nachfrage bei der Gleichstellungsbeauftragten der TU ergab: ja, ich war nicht der erste Fall von Transsexualismus in der Uni, es gab da auch schon mal ein oder zwei Studierende - von denen die Gleichstellungsbeauftragte wußte. Ich bin sicher, es sind mehr, die den Mut noch nicht haben, sich dahingehend zu öffnen und zu outen.

Und dann habe ich in meiner LGBTQ+ Internetblase etwas Tolles entdeckt: eine amerikanische Pädagogin hat für ihre neuen Student:innen einen kurzen Fragebogen entworfen, der nichts anderes tut, als Pronomen abzufragen - das jedoch auf eine Art und Weise, die völlig klar macht: ich, deine Lehrkraft, verstehe, was Namen bedeuten. Ich verstehe, daß dein Name und deine Pronomen von dir und niemandem sonst entschieden werden, und ich verstehe, daß du selbst entscheidest, wer deinen Namen kennen darf und wann und wem gegenüber du dich outen möchtest.

Unsere Gleichstellungsbeauftragte hat mir das Ding, nachdem ich es übersetzt und leicht angepasst hatte, förmlich aus der Hand gerissen, so daß ich es jetzt auch der LAG Queer, von der ich ja ein Teil bin, und euch zur Verfügung stellen möchte.


Ich weiß, das wird nicht passieren, aber ehrlich gesagt bin ich der Meinung, dieser Bogen sollte ab der 9. Schulklasse jedes Jahr einmal ausgeteilt werden. Was wahrscheinlich passiert, ist: nichts. Aber die wichtige Botschaft dieses Zettels ist nicht "Ihr, die ihr mit eurer Geschlechtsidentität im Reinen seid, verratet mir eure Namen", sondern: "Ihr, die ihr heimlich alles jeden Tag in Frage stellt, die ihr Angst vor den sozialen Konsequenzen eines Outings habt, ihr sollt wissen, daß es an dieser Schule, in dieser Uni mindestens eine Lehrkraft gibt, die euch sieht, respektiert und einen sicheren Raum zum Reden anbieten wird, wann immer ihr ihn haben möchtet".

Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig das ist. Wie sehr ich das damals gebraucht hätte. Wieviel mir das erspart hätte. 

Also, Pädagog:innen und andere Menschen, die mit Menschen arbeiten in meinem Umfeld: fühlt euch frei, diesen Fragebogen zu benutzen. Ich schicke euch gern das Bild oder die pdf via Email, oder ihr tippt es einfach fix ab, vor allem, wenn ihr eure Schutzbefohlenen nicht siezt, wie ich. 

Darüberhinaus möchte ich auf das reale, valide Vorhandensein nichtbinärer Personen hinweisen. Auf deutsch scheinen Neopronomen eine schwierige Sache zu sein (im Englischen hat man das über they/them gelöst, in Spanisch über él/elle/ella), da hört bitte einfach auf das, was die betroffenen Personen sich für sich selbst wünschen. (Finde ich übrigens eh eine ganz gute Sache, auf das zu hören, was andere Menschen sich für sich wünschen.)

Sooo. Hier werden jetzt einige Umbaumaßnahmen folgen - ich möchte dieses Wochenende an meinem Blog herumbasteln, auch an meiner Homepage, und alles mal ein wenig umbauen.

Oh, und bevor ich es vergesse: Tanzen ist toll. Die Gruppe, in der ich da bin, ist super nett und sympathisch, und meinen Körper auf eine positive Art zu erspüren ist gerade wichtig und ich wollte schon immer tanzen und jetzt kann ich und hach.



Sonntag, 13. September 2020

Und die Gewinnerin iiiiiiist:

 Ich habe bis gestern Abend Namen im Lostopf gesammelt, sie heute auf Papierschnipsel gedruckt und mit Liebe eingerollt.




Und dann eine Gewinnerin gezogen:


Herzlichen Glückwunsch, Franzi! 🥳

Das trifft sich insofern sogar besonders gut, als ich die große Freude habe, in 2 Wochen mit Franziska einen Liederabend gestalten zu dürfen - du bekommst das Buch also persönlich überreicht. 

Montag, 7. September 2020

Intervalle

Noch eine Woche läuft die Buchverlosung! (Danke übrigens, Kerstin, für deinen Kommentar unter dem Blogbeitrag - ich bin sehr gespannt, wie es mit der Buchhandlung weitergeht!)

Noch sechs Wochen bis zum Semesterstart der Uni - und niemand weiß, wie der Unterricht dann aussehen wird, oder gar die Chorproben mit 100 Sänger:innen.

Noch 3 Monate und 2 Wochen bin ich unter 40 (habe meiner Mama gesagt, bis zum Geburtstag hat sie Zeit, sich an meinen neuen Namen zu gewöhnen).

Noch 4 Monate und eine Woche bis zu meinem ersten Endokrinologentermin. (Erst war ich sehr enttäuscht - über vier Monate warten?! Aber irgendwie ist es auch schön: neues Jahr, neues Lebensjahr, neuer Körper und so.)

Und wißt ihr, was schon vorbei ist? Das Warten auf meinen Ergänzungsausweis! Yeehaaa! Viel früher als erwartet war er am Samstag im Briefkasten. Im beigefügten Anschreiben heißt es unter anderem:

Staatliche Organe und sich auf diese berufende, nachgeordnete Stellen sind angehalten, den Ergänzungsausweis zu akzeptieren. Sie folgen damit lediglich der Grundsatzaussage des Verfassungsgerichtes, in der es wörtlich heißt, jede*r könne "damit von den staatlichen Organen die Achtung dieses Bereiches verlangen. Das schließt die Pflicht ein, die individuelle Entscheidung eines Menschen über seine Geschlechtszugehörigkeit zu respektieren" (2 BvR 1833/95). 

Also bitte, wenn das nicht toll ist; vor allem in Anbetracht des erforderlichen Aufwands, meinen Perso ändern zu lassen. 

Ich erfahre noch immer viel Freundlichkeit und Unterstützung, manchmal auch auf seltsame Weise - zum Beispiel, wenn Leute mich ungefragt fotografieren, diese Fotos dann ebenso ungefragt veröffentlichen und mich dabei korrekt gendern. Es ist wirklich wahnsinnig lieb von euch, mich in meiner männlichen Identität normalisieren zu wollen! Dennoch würde ich euch, was Bilder angeht, bitten, euch zurückzuhalten - das ganze Ding mit dem trans sein ist im Kern nämlich "ich ertrage den Anblick meines Körpers so schlecht, ich kann nichtmal beim Zähneputzen in den Spiegel gucken", und das wird NICHT besser, wenn ich meine Brüste in eurem Whatsappstatus sehe, dankeschön. 

Ich gebe Fotos aber gern frei, wenn ihr sie mir vorher zeigt - und eigentlich ist das meines Erachtens ohnehin eine Sache, die man jedem fotografierten Menschen zugestehen sollte, trans oder nicht. 

Heute gibt's mal Muse auf die Ohren, weil ich die einfach fantastisch finde.

Donnerstag, 27. August 2020

BUCHVERLOSUNG

Vor einigen Wochen war ich in der örtlichen Kleinstadtbuchhandlung. Deren Sortiment ist exakt das, was man erwartet: Eine verhältnismäßig große Kinderbuchabteilung, Reise-, Garten- und Kreativbücher in den Sachbüchern und Schmöker à la "PS Ich liebe dich" in den Romanen. 

Was ich suchte, war queere Literatur. Irgendwelche queere Literatur. Ob nun die Autor:innen oder Protagonist:innen auf welche Art auch immer etwas diverser waren als weiß und heterosexuell war mir egal. Ich kam sogar vorbereitet: Ich hatte den einen oder anderen Titel online interessant gefunden, wollte aber den lokalen Handel unterstützen. 

Ich habe nichts gefunden, also habe ich bei der Verkäuferin nachgefragt. Keiner der von mir genannten Titel war ihr ein Begriff, und nach kurzer Recherche sagte sie mir, ihr Großhandel würde auch keinen dieser Titel liefern. Ich fragte also nochmal so grob verallgemeinernd wie möglich, ob sie überhaupt irgendwelche queeren Bücher hätten - schwule Liebesromane zum Beispiel? Sie sah mich an, als hätte ich plötzlich Suaheli gesprochen.

(Ganz ehrlich, Leute, und ihr fragt euch, warum wir bei *hust*zon bestellen.)

Vorgestern ging ich wieder in diese Buchhandlung. Ich wollte unbedingt "Ich bin Linus" von Linus Giese bestellen - ja, bestellen, denn daß sie das nicht von sich aus ins Sortiment nehmen, war mir inzwischen schon klar. Heute habe ich es abgeholt. 

Und heute war der Blick der Verkäuferin völlig anders. Ich stand da, frisch vom Friseur auf 4 mm gestutzt, männliche Erscheinung, weibliche Stimme, und lächelte sie über meine Maske hinweg an - und sie schenkte mir einen seeeehr sehr neugierigen und durchaus freundlichen Blick zurück. Offenbar hat sie den Klappentext gelesen. 

Und dann hat sie gefragt: "Soll ich eins der Exemplare einwickeln?" Denn ich habe es zwei Mal bestellt. Einmal für mich und einmal... für euch! 

Ich verlose hiermit ein Exemplar von Ich bin Linus. Weil ich finde, das können gar nicht genug Leute lesen.




Die einzige Teilnahmebedingung ist, daß ihr mir mitteilt, daß ihr mit in den Lostopf wollt. Wenn ihr möchtet, verbreitet die Verlosung ruhig im Rahmen eurer sozialen Netzwerke, das ist aber nicht Voraussetzung, um mitmachen zu dürfen. 

Ihr könnt mir eure gewünschte Teilnahme als Kommentar unter diesem Blogpost oder als Kommentar auf Instagram, Twitter oder Facebook mitteilen, und zwar bis spätestens Samstag, den 12. September - am Sonntag dem 13. werde ich auslosen.

(Ich habe mit Herrn Giese nichts zu tun, das ist kein Werbeding oder so - es ist nur ein gutes Buch.)

Donnerstag, 13. August 2020

Yoroshiku

Um mich von dem wirklich kniffligen Gälischkurs ein wenig zu erholen, lerne ich momentan eine andere Sprache: Japanisch. Ich weiß selbst nicht, wie ich ausgerechnet auf Japanisch gekommen bin, aber etwas daran hat mich sofort gepackt.

Japanisch kennt 5-7 Arten, Danke zu sagen, verschiedenste Begrüßungs- und Abschiedsformeln und hat drei verschiedene Schriftsprachen. Es ist einfach faszinierend. Und all diese unglaubliche Höflichkeit berührt irgendwas in mir sehr, ich mag das total.

Eine der schönsten Begrüßungsformeln, bzw. ein Teil verschiedener Begrüßungsformeln, ist YOROSHIKU. Yoroshiku bedeutet sehr grob übersetzt "schön, Sie zu treffen", etwas genauer allerdings bedeutet es "Ich bitte um Ihr Wohlwollen" oder auch "Bitte seien Sie freundlich mit mir". Ist das nicht wunderschön?

Okay, das war der leichtere Teil dieses Blogposts. Jetzt zu dem Teil, der mir schwer fällt. Ich werde mich knapp halten, denn nach den letzten Wochen, in denen ich mich extrem viel erklären und gelegentlich sogar rechtfertigen mußte, habe ich keine Kraft mehr, das alles auch noch zu verschriftlichen. Aber ich werde euch Dinge an die Hand geben, um euch selbst zu informieren.

Ich bin trans. Aus vielen, hier zu weit führenden, Gründen habe ich das seit meiner Kindheit versteckt, phasenweise sogar vor mir selbst. Das hat zu schweren Depressionen geführt. Ich konnte mir irgendwann ein Leben ohne diesen schwarzen Kerker in meinem Kopf gar nicht mehr vorstellen. Ich wußte nicht mehr, wie man sich 'normal' fühlt. Ich konnte jederzeit mein beinahe manisches Bühnen-Ich aufsetzen, das mit 10.000-Watt-Scheinwerfern in die Welt gestrahlt hat, und das durchhalten, bis ich wieder alleine war und mir nur noch gewünscht habe, ich wäre endlich tot. An guten Tagen konnte ich meinen Körper wie ein skurriles Kostüm tragen, wohl wissend, daß er nicht mehr als das ist. An schlechten Tagen konnte ich ihn nicht er-tragen, nicht einmal auf Fotos oder im Spiegel.

Ich hatte wenige gute Tage.

Zuletzt kulminierte alles in einer furchtbaren, mehrere Stunden andauernden Panik-Kummer-Schreiattacke, die mir keine Wahl mehr gelassen hat. Ich mußte mich dem stellen. Und das tue ich jetzt. 

Hallo, liebe Blogleser:innen des Musiksalons. Mein Name ist Johannes. Ich bin ein trans Mann. Ich bin dieselbe Person, die ich war, bevor ihr wußtet, wer ich war. 


Nunja - fast dieselbe. Eins hat sich geändert: Ich habe keine Depressionen mehr, seit ich einen Ausweg sehe. Seit ich offen reden kann. Seit ich gesehen werde, wie ich bin. Ich schlafe seit Wochen wie ein Baby und wache erholt auf - etwas, das ich nie kannte. Ich habe Energie für Alltagsdinge. Ich habe Mut. Alles andere ist, wie es war: Ich bin Schokoladenveganer und hingebungsvoller Musiker. Ich bin ein Hundemensch. Ich mache grüne Politik. Ich bin, wer ich war.

Ich verstehe, falls ihr jetzt Fragen habt. Bitte versteht auch, daß ich sie nicht beantworten kann. Mir fehlen die Zeit und die Kraft dafür und das Internet ist voller seriöser Quellen.

How to respect a transgender person (deutsch)

Interview Dr. Szukaj

Blog Linus Giese

Viele gute Informationen bieten auch der Transmann e.V., die Beratungsstellen Andersraum in Hannover und TransInterQueer in Berlin und sicher noch etliche andere. 

Ich bin Johannes. 

Yoroshiku.





Freitag, 7. August 2020

CSD irgendwer?

Trifft mich morgen jemand auf dem CSD in Braunschweig? Ich würde mich sehr freuen!


 

Dieses Video ist natürlich zum einen kanadisch und zum anderen Covid-19-bezogen, aber dennoch: So stelle ich mir 'meine' ideale Gesellschaft vor. So divers, so vielfältig, so bunt. Und natürlich so musikalisch. ;-)

Mittwoch, 17. Juni 2020

Dinge, die zu Dingen führen

Wie ein Karussell, um das man lange herumschleicht, weil man nicht weiß, ob man sich wirklich da rauf traut. Und dann tut man es, man geht hin, man setzt sich wirklich hinein. Man denkt "hoffentlich wird mir nicht schlecht, und falls doch, hoffentlich kotze ich niemandem in den Schoß" und "hoffentlich ist das Ding sicher", aber man denkt auch "Gott, wie lange habe ich mir das gewünscht". Und dann fährt es ganz langsam an. Da bin ich jetzt.

Ihr kennt doch bestimmt diese lustigen Memes à la "Was meine Mutter denkt, was ich tue - was ich wirklich tue"?


Ich hab das mal in Liedern.

Wie ich von außen aussehe:


Wie ich von innen aussehe:


Was mein Gehirn deshalb jeden Tag leistet:


Und wie sich das anfühlt:


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dienstag, 24. März 2020

Stille

Empfindet Ihr auch diese große Stille?

Die Welt atmet flacher. Ihr Puls ist verlangsamt. Der Dreck in venezianischen Kanälen und der Feinstaub über chinesischen Städten setzen sich und wir sehen wieder: blau.

Ich möchte heute überhaupt nichts über Corona schreiben, sondern darüber, was es mit mir, mit uns allen vielleicht, macht. 

Was macht es mit mir? Ich bin nach qualvollen Jahrzehnten das erste Mal eine Woche am Stück depressionsfrei. Eine! Ganze! Woche! Wer meinen Kopf oder eigene Depression nicht von innen kennt, kann sich die Bedeutung vielleicht nicht vorstellen (Gottseidank); glaubt mir einfach, wenn ich sage, daß es ein anderes Leben ist. Und woran liegt das? 

Social distancing, etwas, wofür ich mich immer schuldig gefühlt habe, ist endlich salonfähig. 
Ständiges Begrüßungsknuddeln anderer Personen muß und darf nicht mehr sein.
In meiner kleinen Stadt ist der Individualverkehr stark zurückgegangen. (Damit meine ich Autos, Leute, AUTOS.) Ich wußte, daß der Lärm und der Gestank mir zusetzen, aber ich wußte nicht, wie sehr - bis jetzt. 
Termine! Ich habe weniger Termine! Ich probe zwar nach wie vor mit meinen beiden festen Chören (online) und ich muß genauso viel, wenn nicht sogar mehr, Vorbereitungsarbeit in diese Proben investieren, aber ich muß nicht stundenlang durch die Gegend fahren. Mir wurden diverse Projekte abgesagt, und ja, das tut finanziell wirklich weh. Aber es entschleunigt mich auch ungemein. Das wäre sicher eine ganz andere Sache, wenn ich allein für meine Existenz verantwortlich wäre, aber so, wie die Dinge liegen, kann ich nur zutiefst dankbar sein für eine Auszeit. Nein - eine Auszeit ist es ja nicht. Aber es ist eine Verlangsamung mancher Dinge und eine Neubewertung anderer.

Überhaupt, Neubewertung: können wir dann jetzt endlich mal ernsthaft über ein bedingungsloses Grundeinkommen reden? 
Können wir über eine Normalisierung von Home Office reden, freiwillig jederzeit für alle, die das möchten? 
Können wir über eine Digitalisierung von Versammlungen reden, die digitalisierbar sind?
Können wir darüber reden, was es mit der Umwelt macht, wenn wir alle schön mit dem Arsch zu Hause bleiben, wenn Umhergefahre nicht not tut?










































Während eine Chorprobe online nur eine absolute Notlösung ist, ist zum Beispiel die Sitzung der Grünenfraktion im Hildesheimer Kreistag via Discord letzten Sonntag ein totaler Erfolg gewesen und mein eigener Ortsvorstand hat ebenfalls für Freitag seine Sitzung online geplant. Es spart Zeit, Energie und Treibstoff - und Leute, man kann kluge Dinge sagen und dabei eine Jogginghose tragen!

Ich sag ja nur.

Meine Mama, die normalerweise wie das Duracellhäschen ist, schrieb mir vor einigen Tagen auch, daß sie durch die Absage so vieler Pflichten eine ungewohnte Freiheit und damit ein ganz anderes Lebensgefühl genießt. Können wir also auch mal darüber reden, ob es vielleicht an der Zeit ist, Leuten auf die Schulter zu klopfen, die eine Verpflichtung ablehnen? Ob man vielleicht mal Menschen loben sollte, wenn sie sagen können „das schaffe ich nicht mehr / ich lege Wert auf Auszeiten“? Können wir aufhören, den Wert von Menschen daran zu messen, wie produktiv sie uns erscheinen, und anfangen, anzuerkennen, wie klug jede*r mit den eigenen Ressourcen umgeht?

Ich erhoffe mir so unglaublich viel in und von dieser Krise. Ich hoffe natürlich in erster Linie, daß möglichst viele Menschen möglichst gesund da durchkommen, und ich halte das sogar für machbar, wenn Politik, Wissenschaft und gesunder Menschenverstand ineinandergreifen. Ich erhoffe mir aber noch viel mehr: eine Neubewertung menschlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Werte. Und auch das halte ich für möglich (ja, ich bin idealistisch), denn ich lese nicht nur von Menschen, die sich in Supermärkten das Klopapier aus den Händen prügeln, sondern auch von arbeitslosen Künstler*innen, die Kinderbetreuung für Ärzt*innen übernehmen, von Leuten, die für ihre 80jährigen Nachbarn einkaufen gehen und das vor die Tür stellen, von Vermietern, die keine Miete mehr einziehen, wenn sie sehen, der/die Mieter*in hat grade den Job verloren. Wir alle haben in uns ein Potential zu großer Menschlichkeit, verdeckt von einer mehr oder weniger dicken Kruste, und ich hoffe so sehr, daß diese Krusten sich jetzt abbauen.

Ein paar Tips für Zuhausebleiber noch, denen vielleicht die Decke auf den Kopf fällt:

- Der bekannte Pianist Igor Levit spielt jeden Abend ein kleines Hauskonzert und streamt das auf Twitter

- die Yoga-App „DownDog“ und mehrere andere Sportapps sind derzeit kostenlos erhältlich

- mit Duolingo kann man kostenlos Sprachen lernen (ich habe mit Gälisch begonnen, will aber auch mein Italienisch wieder auffrischen)

- Sky bietet derzeit für Kunden mehrere Pakete kostenlos an

- das Chatprogramm Discord hat die Teilnehmerzahl für Videochats auf 50 erhöht und ist auch sonst super, um zu konferieren oder sich einfach mal mit Freund*innen auf ein Bier zu verabreden - genau wie Zoom, Skype und wie sie nicht alle heißen; niemand muß also isoliert sein, nur weil er/sie alleine ist

So, jetzt erzählt Ihr mal: Was hat sich in dieser Situation für Euch positiv* verändert? Was bewertet Ihr neu?

























(*Mir ist völlig klar, daß es für viele Menschen jetzt schrecklich ist; bitte fühlt Euch nicht unanerkannt - es sollte nur nicht Thema dieses Blogbeitrags sein.)

Donnerstag, 14. November 2019

27!

„Tschuldigen Sie?“ ruft mir die Frau zu, an der ich gerade vorbeigehen möchte. Und noch einmal: „Tschuldigung?“ Ich bleibe kurz stehen, wappne mich innerlich gegen jeden Mist, den ich in solchen Situationen früher erlebt habe, und drehe mich um. Ich will das eigentlich nicht, aber vielleicht ist sie ja jemand, der wirklich Hilfe braucht.

Ich bin gerade unterwegs nach Hause, mit einem schweren Einkauf im Rucksack, auf einem Bürgersteig, der kaum ausreicht, ihrem Rollstuhl Platz zu bieten. Deshalb war ich schon ein wenig nach links gegangen, damit sie auf der nicht-Verkehrsseite bleiben kann, doch sie ist mir einfach in den Weg gefahren.

„Können Sie mich mal zum Kaufland schieben?“ fragt sie und guckt mich bittend an. Ich sehe meinen Weg zurück zum Kaufland, das vielleicht 100 Meter hinter mir liegt. Die paar Minuten halten es die Hunde auch noch aus, entscheide ich, und sage „na klar“.

Ich habe noch nie einen Rollstuhl geschoben. Ich hätte das auch nie ungefragt getan - ein Rollstuhl erscheint mir für seine Benutzer der Beinersatz zu sein, und ich fasse niemandem einfach an die Beine. Aber da sie nun bittet, trete ich also hinter sie und schiebe los.

Also... ich versuche zu schieben.

Meine Fresse, wie schwer kann das sein?, denke ich, atme aus, und schiebe nochmal mit Schwung - und wir kommen ins Rollen. Hurra!

„150 Kilo“, sagt die wirklich ausgesprochen dicke Frau, fast ein wenig stolz, und setzt nach: „mit Rollstuhl“.
„Wow“, keuche ich beeindruckt, und sie grinst und nickt.

Und jetzt, da wir unterwegs sind, verstehe ich auch, warum sie es die letzten 100 Meter nicht mehr geschafft hat.

Der Gehweg ist nicht nur schmal (ich bin selbst hier schon von Autospiegeln schmerzhaft gestreift worden, nur weil 2 Personen nebeneinander waren), sondern auch sehr unregelmäßig. Beim Gehen fällt mir das gar nicht auf, aber nun, wo ich einen extrem schweren und unhandlichen Rollstuhl hier entlang bewegen soll, merke ich jede kleine Schräge, jede große Absenkung, jeden hochstehenden Pflasterstein.
Wahrscheinlich heißt es deshalb Gehweg, denke ich. Wer nicht gehen kann, hat einfach verkackt.

„Sie machen das super“, sagt die Frau.
„Hng“, grunze ich dankbar.
„Na Sie sind ja auch noch jung“, plaudert sie munter weiter. „Hier bitte rückwärts hoch, sonst falle ich aus dem Rollstuhl. Wie alt sind Sie?“
„Wie wende ich denn?“ frage ich leicht verzweifelt, mitten auf der einzigen Straße stehend, die wir überqueren müssen, vor dem Bordstein, den wir jetzt hinaufwollen.
„Na einfach drehen! Wie alt? Siebenundzwanzig?“
Ich versuche, 150-Kilo-mit-Rollstuhl ‚einfach‘ zu drehen und auf den nächsten Gehsteig zu ziehen, ohne daß sie mir vorne rausfällt, und lache leicht verschwitzt.
„Achtunddreißig“, schnaufe ich, „aber ich kann Rollstühle schieben wie eine Siebenundzwanzigjährige!“

Sie kichert, wir sind wieder auf Kurs und am Kaufland angekommen sagt sie: „Parken Sie mich einfach hier am Aschenbecher, ich bin hier verabredet. Vielen Dank!“

Sehr gerne.




Samstag, 19. Oktober 2019

Jetzt nochmal langsam

Mein letzter Blogpost hat bei einigen von Euch hohe Wellen geschlagen, weshalb ich heute nochmal darauf eingehen möchte.
Mehrere Menschen haben sich von mir persönlich angegriffen gefühlt. Ich habe das anfangs überhaupt nicht verstanden, denn das lag nicht nur nicht in meiner Absicht, sondern es ging in dem Beitrag auch um keinen dieser Menschen. Im Gegenteil - eine von Euch hat mich direkt im Anschluss an besagten Gottesdienst gleich 2x gefragt, ob das nicht toll sei, und ich habe beide Male geantwortet, das sei nichts für mich, der Gottesdienst habe mir überhaupt nicht gefallen, ich habe aber den größten Respekt vor der Arbeit, die sie persönlich da reinsteckt. Ich meine es immer ernst, wenn ich sowas sage - ich kann Euch und Eure Arbeit respektieren, auch wenn ich das Drumherum nicht mag. Ich kann ja auch selbst gut Gottesdienste gestalten, auch wenn mir der Pfarrer nicht gefällt oder Konzerte gut machen, auch wenn in der 3. Reihe einer schläft.

Ich habe also dann mal alles ein bißchen sacken lassen, mit mir vertrauten Menschen darüber gesprochen und mehrere wichtige Dinge zu hören bekommen. Eines davon war, daß Dinge, die ich sage oder schreibe, die ich tue oder nicht tue, eine weit persönlichere Resonanz haben, als mir klar ist, weil ich den Beruf habe, den ich habe. Für mich ist Dirigieren (Zusammen-)Arbeit, aber von außen, und damit auch auch Chorsängerperspektive, sieht es offenbar aus wie Autorität. Wenn ich eine Meinung äußere, hat sie also scheinbar ein größeres Gewicht, als wenn das ein Chorkollege tut.

Dazu kommt, daß ich mich über den meiner Meinung nach rassistischen Teil des Gottesdienstes dermaßen aufgeregt habe, daß der gesamte Beitrag einen ziemlich spitzen Tonfall bekommen hat - und das war wahrscheinlich auch das, was Euch gekränkt hat. Das tut mir wirklich Leid. Ich kann nur noch einmal sagen: Ich habe nie die Absicht gehabt, Eure ehrenamtliche Arbeit in Frage zu stellen. Ich stelle nicht einmal Gottesdienste in Frage - sie sind nur nichts für mich. Ich mag sie nicht. Diesen Schuh muß (und sollte) sich aber bitte niemand anziehen, das ist meiner. Für jeden, der sich von Gottesdiensten aufgebaut fühlt, tun sie ein gutes Werk.



highs and lows

 Gaah. Dinge laufen nicht so, wie ich das will.  Ich mußte ein Konzert absagen, weil meine Sehnenscheiden vehement gestreikt haben.  Die Blo...