Freitag, 2. April 2021

Dritter April

 - ihr wißt, was das heißt? Geeeenau. Es ist Brahms' Todestag.

Außerdem ist Karsamstag und damit ein guter Grund, Musik in den Raum zu stellen. Brahms selbst hat keine Passion komponiert; so sehr er Chormusik liebte und die Möglichkeiten chorsinfonischer Klangentwicklung, hat er doch immer einen Bogen um Opern und Oratorien gemacht - von seinem sehr untypischen Requiem abgesehen.

Aber das Schicksalslied. 

Hach.

Vor zweieinhalb Jahren hatte ich die unglaubliche Ehre, das mit dem Kammerchor TASK aufnehmen zu dürfen - eine Transkription des Orchesters für vierhändig Klavier. Ich kann immer noch nicht ganz glauben, daß Nicolas Bajorat mir damals zugetraut hat, daß ich das mit ihm spielen kann, und daß ich es auch irgendwie geschafft habe. Der Chor ist fantastisch, falls ihr den je hören könnt, tut es! Sie treten deutschlandweit auf. Ihre - unsere - Aufnahme ist nicht auf YouTube, aber hier ist eine mit dem originalen Orchester und dem tollen Philipp Herreweghe:


Ihr wandelt droben im Licht,

Auf weichem Boden, selige Genien!

Glänzende Götterlüfte

Rühren euch leicht,

Wie die Finger der Künstlerin

Heilige Saiten.


Schicksallos, wie der schlafende

Säugling, atmen die Himmlischen;

Keusch bewahrt

In bescheidener Knospe

Blühet ewig

Ihnen der Geist,

Und die seligen Augen

Blicken in stiller,

Ewiger Klarheit.


Doch uns ist gegeben

Auf keiner Stätte zu ruhn;

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

zu Klippe geworfen,

Jahrlang ins Ungewisse hinab.


Und wie Brahms genau wie im Requiem den Bogen zurück schlägt, zurück zu der Hoffnung, mit der das Stück begonnen hat, zurück in die Sanftheit einer Gewissheit, daß es Trost geben wird.

Gott, was wünsche ich mir ein Orchester und seine Möglichkeiten.

Eigentlich hätte ich heute zweimal die musikalischen Exequien von Schütz gespielt. Und gestern. Diese Veranstaltungen wurden abgesagt, unter anderem auf mein eigenes Drängen hin. Im Moment sollten wir, selbst wenn wir singen dürfen, es einfach nicht tun. Ich möchte niemanden mit der Seuche anstecken, von der ich nicht weiß, ob mein Mann sie nicht doch aus der Firma mitbringt, in der in den letzten 2 Wochen immer mehr Mitarbeiter erkrankt sind. Ich möchte auch selbst kein Long-Covid, es lebt sich wirklich besser ohne dementielle Erscheinungen und mit voller Lungenkapazität. Und ich möchte das alles mehr, als ich gerade ein Konzert möchte, und das will wirklich etwas heißen.

Wir dörren langsam aus, wir Musiker:innen.

Onlineproben sind besser als nichts, aber nicht viel besser, wenn ihr versteht, was ich meine. Wir sehen uns, und zumindest im Ö-Chor ist in jeder Probe jetzt auch eine designierte Quatschzeit angesetzt, seit wir gemerkt haben, wie sehr uns der soziale Aspekt fehlt. Wie ich das mit dem Unichor löse, weiß ich noch nicht. 

Eine Sängerin aus Hildesheim sagte mir letzte Woche am Telefon, sie würde weiter unterrichten und hielte die Maßnahmen für übertrieben - "Kennst du wirklich jemanden, der Corona hatte? Ich kenne niemanden." 

Nun, zum Einen: Ja, ich kenne jemanden. Meine Oma ist an oder mit Corona gestorben. Freunde von uns hatten es. Ein Mitarbeiter meines Mannes, in den Vierzigern, sportlich, Nichtraucher, hat letzte Woche um jeden Atemzug gerungen.

Zum Anderen: Ich kenne auch niemanden aus Paris und bin mir trotzdem ganz sicher, daß diese Stadt, von der so viele Leute erzählen, kein Mythos ist. Ich demonstriere nicht gegen Paris. Das wäre Paris auch egal. 

Und zum Dritten beobachte ich mit Entsetzen, wie wir wieder eine Bequemlichkeit in der Unbequemlichkeit entwickeln, eine Normalität im Abnormalen. Jetzt hatten wir über ein Jahr Pandemie und haben uns daran gewöhnt. Wir sind noch nicht gestorben, also wollen wir wieder alles so machen, wie wir es gewohnt waren. Wir wollen die Kinder in die Schulen schicken und endlich unsere Ruhe. Wir wollen in Kneipen, wir wollen Konzerte, wir wollen in den Urlaub fliegen. Wir wollen einen komplikationslosen Alltag, von dem wir meinen, er stünde uns zu. 

Aber auch das ist Paris - äh, dem Virus egal. Das Virus mutiert fröhlich vor sich hin und statt einfach mal wirklich konsequent die Arschbacken zusammenzukneifen, empfehlen wir Abstände, empfehlen wir Home Office, eiern wir herum. 

Normalität steht uns nicht zu. Normal ist das, was passiert, was immer es ist. Wie wir damit umgehen, als Einzelne und als Gesellschaft, erschafft unsere Normalität von morgen.

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