Mittwoch, 31. März 2021

Seziert

Heute ist international Trans Visibility Day - internationaler Tag der Sichtbarkeit von trans Personen.

Heute ist auch der Tag, an dem die beiden psychiatrischen Gutachten, die ich erbringen mußte, in meinem Briefkasten lagen. Sie sind Teil des langen bürokratischen Prozesses, der hoffentlich dazu führen wird, daß irgendwann "Johannes Lorenzen, Künstlername Johannes Höing" in meinem Perso steht. Das Amtsgericht hat mir Kopien beider Gutachten zugeschickt, damit ich dazu Stellung nehmen kann.

Also habe ich sie durchgelesen. Und boy, ist das ein komisches Gefühl.

Da stehe ich, ja, aber ich stehe da nicht als Mensch, sondern als Dingsda unter einem Mikroskop. Ich werde seziert. Alles wurde in den 90 Minuten beim ersten Gutachter und in den gut 2 Stunden bei der zweiten Gutachterin auseinandergenommen und steht da jetzt schwarz auf weiß - von der Rolle, die Musik in meinem Leben und beim am-Leben-bleiben spielte, über meine Familie, meine Beziehungen, meine Freundschaften, Kinderspiele, welche Kleidung ich trage, daß die Brüste trotz Binder erkennbar seien, ob ich regelmäßig aufs Klo gehe (ich meine ERNSTHAFT?!), daß ich jünger aussehe als ich bin, daß meine Gestik und Mimik männlich seien (öhm?) und letztlich dann, daß ich wirklich trans bin und nicht einfach bekloppt.

Es ist, als würde mir alles entrissen. Keine private Information ist mehr privat. Alles steht jetzt in diesen Gutachten, die einem Gericht vorliegen, und irgendwelche Sachbearbeiter:innen können das einsehen. Ich gehöre nicht mehr mir selbst. Ich fühle mich unglaublich verletzlich und das gefällt mir nicht.

Und das alles für einen anderen Vornamen und Geschlechtseintrag. Warum muß das Geschlecht überhaupt in einem Ausweisdokument angeführt sein? Warum ist die Hürde für ein einfaches Wort in einem Ausweis so unendlich viel höher als die Hürde für eine Hormontherapie, die viel mehr Veränderung im Körper und Leben einer Person bewirkt?

Apropros: Heute vor einer Woche war auch das Rezept für mein Testosteron im Briefkasten. Mann, war das eine Odyssee! Der nette Endokrinologe wollte mich ja nicht beginnen lassen, bevor nicht alle Zweifel ausgeräumt sind, daß ich dadurch kein höheres Rückfallrisiko habe bezüglich Krebs vor drei Jahren. Meine Gynäkologin wollte ihm das aber nicht schriftlich geben, weil sie sich onkologisch nicht hinreichend auskennt. Ich bin also von Pontius zu Pilatus, nun, nicht gelaufen, sondern habe telefoniert und ge-emailt, und habe einen Termin bei einem Spezialisten bekommen, der mir grünes Licht gegeben hat.

Nach einer Woche auf Testo kann ich sagen: Hab immer noch keinen Bart, bin immer noch kein Bass. Bis auf ein leichtes Kratzen im Hals hat sich nichts getan. Ich bin ja nicht ungeduldig, ABER.

stolz sein

Vor einigen Monaten mußte ich für die Traumatherapie eine Hausaufgabe machen, um die ich ewig gerungen habe. Die Aufgabe war, eine Liste mit...