Dienstag, 1. Juni 2021

stolz sein

Vor einigen Monaten mußte ich für die Traumatherapie eine Hausaufgabe machen, um die ich ewig gerungen habe. Die Aufgabe war, eine Liste mit den Dingen anzulegen, die ich in meinem Leben erreicht habe. Als meine Traumafrau mir die Aufgabe stellte, habe ich sie erstmal verwirrt angeguckt. Ich hatte ja nichts erreicht. Alles, was ich im Leben geschafft habe, hatte ich ja entweder anderen Leuten zu verdanken oder es war mir ungerechtfertigterweise irgendwie zugefallen - so habe ich es zumindest betrachtet.

Wir haben diskutiert. 

"Sie haben es doch auf ein Spezialgymnasium geschafft", sagte sie.

"Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich musikalisch geboren wurde", sagte ich. "Das ist wie groß sein oder rothaarig, das ist mir einfach passiert."

"Aber Sie mußten doch etwas aus Ihrem Talent machen - Sie haben gearbeitet und geübt, um da hinzukommen."

"Aber eigentlich bin ich nur aus der Schule weggelaufen, in der ich gemobbt wurde."

"Sie haben es also geschafft, sich aus einer unangenehmen Situation zu befreien?"

Hmm. Mir etwas Erreichtes selbst anzurechnen war sehr ungewohnt und fiel mir schwer. Und dann passierte ein paar Wochen später etwas: Jemand, der mir nahe steht, war unnötig ausgesprochen unhöflich zu mir. Meine normale Verhaltensweise wäre gewesen, es runterzuschlucken und mir einzureden, ich hätte es nicht besser verdient. Aus Angst, ich würde die Nähe und gute Beziehung zu dieser Person verlieren, wenn ich Grenzen setze. Aber ich lerne, Grenzen zu setzen, und auch darauf bin ich wirklich stolz. Also habe ich ihn damit konfrontiert und erklärt, was ich daran doof fand und ich wie ich es in Zukunft haben möchte - und tatsächlich hat er mich verstanden, sich entschuldigt und das nicht wieder getan.

Ich bin in dieser Situation nicht einmal besonders stolz darauf, die Konfrontation gewagt zu haben, sondern besonders stolz bin ich, daß mir überhaupt klargeworden ist, daß ich einen Mindeststandard im Umgang mit anderen Menschen haben darf und will und den auch einfordern kann.

(Es klingt hier so geschrieben schon recht peinlich, nicht wahr? Normale Leute lernen sowas wahrscheinlich beim Erwachsenwerden und können das dann mit 25 oder so. Aber mein Schiff hatte so viele Lecks, daß ich vor lauter Havarien nie zum eigentlichen Segeln gekommen bin.)

Und dann habe ich etwas Politisches erreicht: Am Rathaus Alfeld wurde zum ersten Mal jemals eine Regenbogenfahne gehisst. 

In meiner Funktion als Sprecher der Grünen meines Ortsverbands, als Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft QueerGrün Niedersachsen und als Gründer (wir sind noch in der Gründungsphase) eines Arbeitskreises Diversity für den Landkreis Hildesheim sowie natürlich in meiner privaten Eigenschaft als trans Person habe ich den Bürgermeister angeschrieben und ihn gebeten, die Flagge an mindestens einem von zwei Terminen zu hissen, nämlich wenn der CSD in Hannover, unserer großen Nachbarstadt, läuft, und am 28. Juni (Stonewall).

Mir fällt auf, daß man in Hannover und vergleichbaren Großstädten alle Möglichkeiten hat, sich als Mitglied der LGBTQ+ Community zu vernetzen, hier im ländlichen Gebiet jedoch so gut wie gar nicht. Ich will das ändern, deshalb auch der Arbeitskreis. Ich will Sichtbarkeit schaffen und damit Normalisierung, und ich will, daß alle - alle! - Bürger*innen jeder noch so kleinen Kommune das Gefühl haben, dort, wo sie wohnen, sie selbst sein zu können. 

Ich wollte diese Flagge sehen, damit die Stadt Alfeld, die mit knapp 19.000 Einwohner*innen die größte meines Ortsverbands ist, deutlich und öffentlich signalisiert, sich ihrer LGBTQ+ Bevölkerung bewusst zu sein und diese in jeder Hinsicht willkommen zu heißen und hinter ihnen, hinter uns, zu stehen. Ich wollte, daß das jede*r sehen kann.

Und bäm.


Das war vor 10 Tagen, als in Hannover der CSD lief. Seht ihr mich winken, da oben im Türmchen neben dem Bürgermeister? :D 


Japp, sehr glücklich. Und stolz.

Der Juni ist pride month, auch wegen Stonewall. Und darüber, also über gay pride im weitesten Sinne, habe ich auch seit letztem Jahr viel nachgedacht. Bin ich stolz darauf, trans zu sein? Nein. Im Gegenteil. Hätte ich das irgendwann in meinem Leben abschalten können, hätte ich es getan. 

Ich glaube, der Punkt ist nicht, stolz darauf zu sein, was wir sind, sondern darauf, was wir mit dem, was wir sind, anfangen. Ich bin stolz, jetzt endlich den Mut gefunden zu haben, authentisch zu sein. Ich bin stolz, meine Zeit und Energie dafür aufzubringen, die Lebensbedingungen von LGBTQ+ Menschen in Deutschland zu verbessern. Das sind Entscheidungen, die ich treffen kann und treffen will auf Grundlage dessen, was ich bin, wofür ich nichts kann.

Worauf seid ihr stolz? Könnt ihr überhaupt stolz auf etwas sein oder habt ihr auch solche Probleme damit wie ich bisher? Falls die Antwort auf die letzte Frage "Ja" ist, wäre ich noch neugierig, ob ihr Frauen oder als Frauen erzogen worden seid, denn ich habe da einen Verdacht...

All the history of wars

I invent in my head



CSD-Saison 2021


Freitag, 2. April 2021

Dritter April

 - ihr wißt, was das heißt? Geeeenau. Es ist Brahms' Todestag.

Außerdem ist Karsamstag und damit ein guter Grund, Musik in den Raum zu stellen. Brahms selbst hat keine Passion komponiert; so sehr er Chormusik liebte und die Möglichkeiten chorsinfonischer Klangentwicklung, hat er doch immer einen Bogen um Opern und Oratorien gemacht - von seinem sehr untypischen Requiem abgesehen.

Aber das Schicksalslied. 

Hach.

Vor zweieinhalb Jahren hatte ich die unglaubliche Ehre, das mit dem Kammerchor TASK aufnehmen zu dürfen - eine Transkription des Orchesters für vierhändig Klavier. Ich kann immer noch nicht ganz glauben, daß Nicolas Bajorat mir damals zugetraut hat, daß ich das mit ihm spielen kann, und daß ich es auch irgendwie geschafft habe. Der Chor ist fantastisch, falls ihr den je hören könnt, tut es! Sie treten deutschlandweit auf. Ihre - unsere - Aufnahme ist nicht auf YouTube, aber hier ist eine mit dem originalen Orchester und dem tollen Philipp Herreweghe:


Ihr wandelt droben im Licht,

Auf weichem Boden, selige Genien!

Glänzende Götterlüfte

Rühren euch leicht,

Wie die Finger der Künstlerin

Heilige Saiten.


Schicksallos, wie der schlafende

Säugling, atmen die Himmlischen;

Keusch bewahrt

In bescheidener Knospe

Blühet ewig

Ihnen der Geist,

Und die seligen Augen

Blicken in stiller,

Ewiger Klarheit.


Doch uns ist gegeben

Auf keiner Stätte zu ruhn;

Es schwinden, es fallen

Die leidenden Menschen

Blindlings von einer

Stunde zur andern,

Wie Wasser von Klippe

zu Klippe geworfen,

Jahrlang ins Ungewisse hinab.


Und wie Brahms genau wie im Requiem den Bogen zurück schlägt, zurück zu der Hoffnung, mit der das Stück begonnen hat, zurück in die Sanftheit einer Gewissheit, daß es Trost geben wird.

Gott, was wünsche ich mir ein Orchester und seine Möglichkeiten.

Eigentlich hätte ich heute zweimal die musikalischen Exequien von Schütz gespielt. Und gestern. Diese Veranstaltungen wurden abgesagt, unter anderem auf mein eigenes Drängen hin. Im Moment sollten wir, selbst wenn wir singen dürfen, es einfach nicht tun. Ich möchte niemanden mit der Seuche anstecken, von der ich nicht weiß, ob mein Mann sie nicht doch aus der Firma mitbringt, in der in den letzten 2 Wochen immer mehr Mitarbeiter erkrankt sind. Ich möchte auch selbst kein Long-Covid, es lebt sich wirklich besser ohne dementielle Erscheinungen und mit voller Lungenkapazität. Und ich möchte das alles mehr, als ich gerade ein Konzert möchte, und das will wirklich etwas heißen.

Wir dörren langsam aus, wir Musiker:innen.

Onlineproben sind besser als nichts, aber nicht viel besser, wenn ihr versteht, was ich meine. Wir sehen uns, und zumindest im Ö-Chor ist in jeder Probe jetzt auch eine designierte Quatschzeit angesetzt, seit wir gemerkt haben, wie sehr uns der soziale Aspekt fehlt. Wie ich das mit dem Unichor löse, weiß ich noch nicht. 

Eine Sängerin aus Hildesheim sagte mir letzte Woche am Telefon, sie würde weiter unterrichten und hielte die Maßnahmen für übertrieben - "Kennst du wirklich jemanden, der Corona hatte? Ich kenne niemanden." 

Nun, zum Einen: Ja, ich kenne jemanden. Meine Oma ist an oder mit Corona gestorben. Freunde von uns hatten es. Ein Mitarbeiter meines Mannes, in den Vierzigern, sportlich, Nichtraucher, hat letzte Woche um jeden Atemzug gerungen.

Zum Anderen: Ich kenne auch niemanden aus Paris und bin mir trotzdem ganz sicher, daß diese Stadt, von der so viele Leute erzählen, kein Mythos ist. Ich demonstriere nicht gegen Paris. Das wäre Paris auch egal. 

Und zum Dritten beobachte ich mit Entsetzen, wie wir wieder eine Bequemlichkeit in der Unbequemlichkeit entwickeln, eine Normalität im Abnormalen. Jetzt hatten wir über ein Jahr Pandemie und haben uns daran gewöhnt. Wir sind noch nicht gestorben, also wollen wir wieder alles so machen, wie wir es gewohnt waren. Wir wollen die Kinder in die Schulen schicken und endlich unsere Ruhe. Wir wollen in Kneipen, wir wollen Konzerte, wir wollen in den Urlaub fliegen. Wir wollen einen komplikationslosen Alltag, von dem wir meinen, er stünde uns zu. 

Aber auch das ist Paris - äh, dem Virus egal. Das Virus mutiert fröhlich vor sich hin und statt einfach mal wirklich konsequent die Arschbacken zusammenzukneifen, empfehlen wir Abstände, empfehlen wir Home Office, eiern wir herum. 

Normalität steht uns nicht zu. Normal ist das, was passiert, was immer es ist. Wie wir damit umgehen, als Einzelne und als Gesellschaft, erschafft unsere Normalität von morgen.

Mittwoch, 31. März 2021

Seziert

Heute ist international Trans Visibility Day - internationaler Tag der Sichtbarkeit von trans Personen.

Heute ist auch der Tag, an dem die beiden psychiatrischen Gutachten, die ich erbringen mußte, in meinem Briefkasten lagen. Sie sind Teil des langen bürokratischen Prozesses, der hoffentlich dazu führen wird, daß irgendwann "Johannes Lorenzen, Künstlername Johannes Höing" in meinem Perso steht. Das Amtsgericht hat mir Kopien beider Gutachten zugeschickt, damit ich dazu Stellung nehmen kann.

Also habe ich sie durchgelesen. Und boy, ist das ein komisches Gefühl.

Da stehe ich, ja, aber ich stehe da nicht als Mensch, sondern als Dingsda unter einem Mikroskop. Ich werde seziert. Alles wurde in den 90 Minuten beim ersten Gutachter und in den gut 2 Stunden bei der zweiten Gutachterin auseinandergenommen und steht da jetzt schwarz auf weiß - von der Rolle, die Musik in meinem Leben und beim am-Leben-bleiben spielte, über meine Familie, meine Beziehungen, meine Freundschaften, Kinderspiele, welche Kleidung ich trage, daß die Brüste trotz Binder erkennbar seien, ob ich regelmäßig aufs Klo gehe (ich meine ERNSTHAFT?!), daß ich jünger aussehe als ich bin, daß meine Gestik und Mimik männlich seien (öhm?) und letztlich dann, daß ich wirklich trans bin und nicht einfach bekloppt.

Es ist, als würde mir alles entrissen. Keine private Information ist mehr privat. Alles steht jetzt in diesen Gutachten, die einem Gericht vorliegen, und irgendwelche Sachbearbeiter:innen können das einsehen. Ich gehöre nicht mehr mir selbst. Ich fühle mich unglaublich verletzlich und das gefällt mir nicht.

Und das alles für einen anderen Vornamen und Geschlechtseintrag. Warum muß das Geschlecht überhaupt in einem Ausweisdokument angeführt sein? Warum ist die Hürde für ein einfaches Wort in einem Ausweis so unendlich viel höher als die Hürde für eine Hormontherapie, die viel mehr Veränderung im Körper und Leben einer Person bewirkt?

Apropros: Heute vor einer Woche war auch das Rezept für mein Testosteron im Briefkasten. Mann, war das eine Odyssee! Der nette Endokrinologe wollte mich ja nicht beginnen lassen, bevor nicht alle Zweifel ausgeräumt sind, daß ich dadurch kein höheres Rückfallrisiko habe bezüglich Krebs vor drei Jahren. Meine Gynäkologin wollte ihm das aber nicht schriftlich geben, weil sie sich onkologisch nicht hinreichend auskennt. Ich bin also von Pontius zu Pilatus, nun, nicht gelaufen, sondern habe telefoniert und ge-emailt, und habe einen Termin bei einem Spezialisten bekommen, der mir grünes Licht gegeben hat.

Nach einer Woche auf Testo kann ich sagen: Hab immer noch keinen Bart, bin immer noch kein Bass. Bis auf ein leichtes Kratzen im Hals hat sich nichts getan. Ich bin ja nicht ungeduldig, ABER.

Mittwoch, 13. Januar 2021

Erwünschte Nebenwirkungen

"Werde ich Stimmungsschwankungen haben?", frage ich den unglaublich warmherzigen Mann nach 50 Minuten intensiver medizinischer Beratung. Es ist meine letzte Frage an ihn. "Es ist nur... ich arbeite mit so vielen Menschen, und ich hasse es, vor Leuten zu weinen..."

Wir haben schon über Krebs, Chromosomen, Hunde, Eierstöcke, intramuskuläre 3-Monats-Spritzen (ich habe sie "Po-Depot" genannt, weil sie in den Hintern kommen, er hat gelacht) versus tägliches Gel sowie die Nebenwirkungen von Testosteron gesprochen. 

Er hat mir einen Gel-Spender vorgeführt, nachdem ich mich entschieden habe, die Behandlung lieber so als mit einem Po-Depot zu beginnen, und als er das klare Gel in seinen Händen verrieben hat, dachte ich entsetzt: "Alter, das ist mal Hingabe an den Beruf", aber dann habe ich gesehen, daß PLACEBO auf der Pumpflasche steht. 

Ich mußte einen Zettel unterschreiben - nein, ich mußte viele Zettel unterschreiben, aber speziell einen, auf dem ich bestätige, über die Nebenwirkungen informiert und mit ihnen im Reinen zu sein. 

"Ich weiß", sagt sein Mund-Nasen-Schutz unter den freundlichen Augen und dem dünnen, grauen Haar, "Sie sehnen die Nebenwirkungen wahrscheinlich sogar herbei, von der Akne mal abgesehen. Aber ich muß Ihnen leider sagen: die Mehrbehaarung am Körper beginnt nicht im Gesicht..."

Ich neige fragend den Kopf zur Seite.

"...sondern am anderen Ende des Körpers..."

Besorgt wribble ich auf dem Stuhl hin und her. Ist das seine diplomatische Art, mich auf Arschhaare vorzubereiten? 

"...an den Beinen." 

Aaah, gut. Gut. Natürlich. Beine. Puh.

"Ja", beantwortet er meine letzte Frage ehrlich. "Es wird wirklich eine zweite Pubertät. Sie werden Pickel und Stimmungsschwankungen haben. Genau wie damals wird das vorübergehen. In einem halben Jahr sind sie auf dem Hormonlevel, auf das Sie gehören. Wir wenden jetzt diesen riesigen Ozeandampfer, der all die Jahre in die falsche Richtung gefahren ist."

Und ich fühle mich einfach akzeptiert und ein bißchen beschützt. Mein tägliches Drama ist sein tägliches Brot; er weiß, was los ist, was sein könnte, was ich womöglich brauchen werde, und allein, mich einfach nicht erklären oder rechtfertigen zu müssen, weil schon die Arzthelferin mich beim Reinkommen mit "Herr Lorenzen" angesprochen hat, ist so eine unglaubliche Erleichterung.

Es ist noch Papierkram zu tun, bis ich wirklich das Rezept bekomme, aber das geschieht jetzt. Es geschieht jetzt wirklich. Die letzten Wochen bin ich immer nervöser geworden, je näher dieser Termin heute rückte, weil es so unfassbar war, daß es jetzt einfach real wird. Aber heute früh bin ich aufgewacht und war ruhig, und alles fühlt sich jetzt richtig an.




"Wenn wir uns das nächste Mal sehen", verabschiedet er mich, "haben Sie schon eine tiefere Stimme." Und er lächelt wieder.

stolz sein

Vor einigen Monaten mußte ich für die Traumatherapie eine Hausaufgabe machen, um die ich ewig gerungen habe. Die Aufgabe war, eine Liste mit...